Bibel im Fokus

#1 Analyse von hebräischen und griechischen Texten

a man reading indoor
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1. Das AT und NT erforschen

Seit den 70er Jahren des 20. Jhr. hat die Sprachwissenschaft einen linguistic turn erfahren. Kennzeichnend für dieses Paradigma ist die Priorität der synchronen Analyse (‚der Text wird als Text akzeptiert, ohne akribisch nach historischen Vorstufen zu suchen‘), die Betonung eines Kommunikationsgeschehens zwischen Autor(en) und Hörer-/Leserschaft und die Analyse von Texten als solches (Textlinguistik; vgl. Siebenthal 2011:581). In diesem Zusammenhang habe ich in den letzten Wochen geforscht und nachgedacht, wie ich das AT und NT für mich studieren möchte. Als Hilfestellung werde ich zwei Werkzeuge erproben.

A. Die Funktionale Grammatik (functional grammar)

One of the starting points of functional grammar is the claim that speakers and writers shape their messages in order to accomplish personal and social objectives. With this in mind, grammatical analysis of a functional variety examines texts to discern these purposes and explain the wordings of the messages of texts accordingly. … Functional grammar is designed to provide, as best it can, an explanation of the choices that have been made.

Bandstra 2008:2

Eine enorme Hilfe sind der Kommentar von Barry L. Bandstra, dem ich bei der Darstellung der funktionalen Grammatik folge und der auf Gen 1-11 diese Analyse anwendet sowie die Griechische Grammatik zum Neuen Testament von Heinrich von Siebenthal. Regelmäßige Gesprächspartner sind weiterhin Peter Prestel, dessen Valenzorientierte Griechische Syntax mir ein guter Ratgeber in kompakter Form bleibt, und die exzellente Grammatik des leider zu früh verstorbenen Rodney J. Decker (Reading Koine Greek).

Für die Analyse des griechischen NT ist auch die mittlerweile stark entwickelte Datenbank von Opentext.org eine gute Quelle.

B. Die Notizen-Funktion in Logos 9

Die Notiz-Funktion von Logos 9 gibt mir die Möglichkeit, niederschwellig die Analyse von Texten zu betreiben (ohne z. B. vorher ein Word-Dokument öffnen zu müssen). Und die Notizen werden auf allen Geräten synchronisiert, d.h. ich kann mühelos und überall darauf zugreifen.

2. Zur Struktur dieser Analyse

Es ist eine enorme Erleichterung, bei der Analyse einer einheitlichen Struktur zu folgen. Das hilft mir, mich zu orientieren, direkt mit einem Text zu starten und die Methodik zu verinnerlichen. Jeder Sinnabschnitt des biblischen Textes folgt also dieser Anordnung:

  • Belegstelle / Abschnitt
  • Eigene (Roh-)Übersetzung des Abschnitts (unter Angabe der Versziffern, in kursiv)
  • Strukturierung des Verses mittels Schrägstrichen: /// – Zeigt einen neuen Sätze-Komplex an; // – Markiert eine parataktische (Beiordnung) Anordnung von Sätzen/Phrasen; / – Markiert eine hypotaktische (Unterordnung) Anordnung von Sätzen/Phrasen
  • (a), (b), (c)-Zählweise. Satz/Phrase. Analyse zur Textualität (TE), zum Modus (MO), zur Transitivität (TR) und zur Valenzstruktur (VA; nach Prestel 20081) der Aussage (getrennt durch / ).
  • Wort/Wortgruppe. Konkretion der TE, des MO und der TR (in dieser Reihenfolge, angezeigt durch Abkürzung), mit entsprechender Formanalyse, durch > angezeigt. Begriff. Wortbedeutung (oder Verweis auf bereits untersuchten Begriff) sowie syntaktisch-semantische Kommentierung.
  • Ggf. zum Vers abschließend grammatikalische Diskussion, wie es Chrys C. Caragounis und Jan G. Van der Watt nahelegen (2008).
  • Ggf. Parallelstellen

Textualität (Textuality)

Es geht hier darum, wie der einzelne Satz zum Textganzen in Beziehung steht. Startpunkt der Analyse ist die Frage nach dem Thema, also der auf der Satzebene „als bekannt vorausgesetzte Informationsteil“ (Siebenthal 2011:585). Der ‚Rest des Satzes‘ ist das Rhema, also alles das, was der Autor über das Thema mitteilt. Das Thema kann aus mehreren Elementen bestehen, wird aber stets aus der Erfahrungswelt (siehe Transitivität) einen Prozess, Teilnehmer oder die Umstände einbeziehen. Das Thema kann nur durch die Untersuchung des Netzwerks, in dem der Satz verortet ist (Text bzw. Abschnitt), bestimmt werden (vgl. Bandstra 2008:19-31).

Die Wahl des Themas wird auch wesentlich durch den Modus beeinflusst. In Aussagesätzen im Hebräischen ist es z. B. regelmäßig die wayyiqtol-Form, in direkter Rede variiert das Thema stark, in Gebots-/Befehls-Sätzen ist es in der Regel das direktive Verb, in Fragesätzen das Interrogativpronomen.

Wie wird das Thema mit den vorhergehenden Sätzen verknüpft? Es gibt hier im Wesentlichen zwei Strategien.

  • Apposition, also keine explizite konjunktive Verknüpfung mit vorangehendem Satz
  • Konjunktion, also präziser durch Adjunktionen (nämlich, also…) oder Konjunktionen (weil, damit…)

Logisch-semantische Verknüpfungen der Sätze

Ein Satz kann für sich sinnvoll sein (Peter spielt draußen Ball.), wird aber erst durch eine logisch-semantische Anbindung zu einem Satz im Text (Er hat heute Geburtstag und hat neue Fußballschuhe erhalten.). Die Funktionsgrammatik unterscheidet hier zwei Verknüpfungsarten:

  • Expansion – Hier werden zum Vorhergehenden weitere Bedeutungsgehalte addiert (z. B. Geburtstag, neue Fußballschuhe als Geschenk usw.). Die Expansion lässt sich noch unterteilen (wird aber von mir auch von B. L. Bandstra in der Analyse nicht angewandt):
    • extension – Ein Satz fügt dem anderen etwas Neues im Sinne einer Addition, eines Ersatzes oder Alternative hinzu.
    • elaboration – Ein Satz umschreibt den anderen näher und konkretisiert ihn, ohne neue Aussagen zu liefern.
    • enhancement – Ein Satz reichert den anderen mit weiteren Aussagen über Zeit, Ort, Grund, Bedingung usw. an. Also die Umstände werden konkretisiert.
  • Projektion – Hier werden verbale und mentale Phänomene in den Text eingebracht (direkte Rede, Berichte über Sprechakte, Aussagen über Gedanken und Ideen). Im Allgemeinen sind es Elemente, die außerhalb des Textes existieren und nun vertextlicht werden.
    Sätze der Expansion und Projektion werden einander parataktisch beigeordnet, können aber auch eine hypotaktische Struktur erhalten.

Logisch-abhängige (logical-dependency) Beziehungen zwischen Sätzen

Satzkomplexe bzw. -netzwerke bestehen aus zwei und mehr Sätzen. Ihr Beginn wird ja mit /// verdeutlicht. Bei der logischen Dependenz geht es darum, dass Sätze im Blick auf ihre Beziehungen einen gleichen Status besitzen oder einander untergeordnet sein können. Es gibt hier 3 Varianten der Verknüpfung: Parataxe (Beiordnung), Hypotaxe (Unterordnung) und Einbettung. Bei der letzten Variante fungiert der eingebettete Satz innerhalb eines Satzes als ein eine notwendige Ergänzung oder freie Angabe. Warum wird nun die Einbettung der Textualität und nicht etwa dem Modus oder Transitivität zugeordnet? Texte sind Sprech- bzw. Schreibakte, in denen der Autor seine Botschaft transportiert. Nicht alles in einem Text kann gleich wichtig sein. Hier nimmt der Autor regelmäßig Gewichtungen vor. Und der Sprecher bzw. Autor stößt den Hörer bzw. Leser immer wieder an, damit er auf dieses oder jenes achtet. Einbettungen werden in Klammern [[ ]] dargestellt.

Kohäsion im Text

Kohäsion ist die Qualität eines Textes, die ihn als Text erkennbar werden lässt und nicht nur als eine Ansammlung einzelner Sätze. In Texten sind es z. B. grammatische Hinweise wie ein bestimmter Artikel oder Pronomen. Nach Siebenthal spricht man gewöhnlich von Kohäsion, wenn grammatische Mittel (inkl. Interpunktionszeichen) eingesetzt werden um eine Kohärenz herzustellen (2011:584).

Modus (Mood)

Der Modus bezieht sich auf die zwischenmenschliche Interaktion, bei der Sprecher und Hörer eine Transaktion oder Austausch aushandeln. Vor allem konzentriert man sich hier auf das Subjekt und das finite Verb.

Das Subjekt ist das Konstitut eines Satzes, über das der Sprecher eine Aussage zu dem Hörer macht und der Aspekt, an dem die Gültigkeit des Satzes hängt. Es ist das Subjekt der Aushandlung, ähnlich wie in klassischen Grammatiken. Hier wird es nur dahingehend präzisiert, dass der Austausch (über das Subjekt) stattfindet, um zwischenmenschliche Ziele zu erreichen. Das finite Verb (Finite) ist das Konstitut eines Satzes, das die Gültigkeit einer Aussage (Proposition) bewerkstelligt. Gemeinsam – das Subjekt und das Finite – stellen sie die Modus-Struktur eines Satzes dar. Der verbliebene Rest wird in der funktionalen Grammatik als Residue (Rückstand) bezeichnet, ohne dessen Bedeutung mindern zu wollen.

Der Hauptzweck menschlicher Interaktion ist das Geben oder Bekommen. Dabei können es Güter & Dienstleistungen oder Informationen sein. Die Zwecke werden im Allgemeinen durch spezifische Satzstrukturen realisiert.

Austausch der ‚Ware‘ ->
Rolle beim Austausch
Güter & DienstleistungenInformation
GebenAngebot > verschiedenAussage > deklarativ
BekommenBefehl > direktivFrage > interrogativ
Grundlegende Sprechakt-Funktionen und ihre Realisierung durch spezifische Satzstrukturen

Die Satzstrukturen können im Allgemein folgendermaßen unterschieden werden.

Bandstra 2008:8

Ergänzend zu den Satzstrukturen wird die zwischenmenschliche Perspektive des Modus durch weitere sprachliche Merkmale, die sich auf die Interaktion beziehen, nämlich Polarität und Modalität, ausgedrückt. Bei der Polarität stellt sich die Frage, ob ein Satz eine positive oder negative Aussage ausdrückt. Beim unmarkierten Satz wird vorausgesetzt, dass er eine positive Aussage macht. Die Modalität hat damit zu tun, inwieweit eine Aussage gültig ist, d.h. in Bezug auf ihre Wahrscheinlichkeit und ihre Regelmäßigkeit. In der Regel wird die Modalität durch modale Adjunktionen (Adverbien) ausgedrückt. (Siehe zum Irrealis und Prospectivus bei Prestel 2008:159).

Transitivität (Transitivity)

Bei der Transitivität wird die Erfahrungswelt mit einbezogen, also die ‚außersprachlichen Referenten‘ (Siebenthal) in der physischen Welt und in der Gedankenwelt des Sprechers. In diesem Analyseschritt wird der Satz als ein Prozess angesehen, der Teilnehmer hat und die spezifische Rollen in diesem Prozess ausführen oder es wird etwas zu den Umständen gesagt, die den Prozess begleiten. Die Konfiguration des Prozesses, der Teilnehmer und der Umstände in einem Satz bezeichnet man als Transitivitäts-Struktur. Daher wird die Transitivität in der funktionalen Grammatik umfassender verstanden als in klassischen Grammatiken (Dort ist es lediglich die Frage, ob ein Verb ein direktes Objekt nach sich zieht oder nicht.).

In diesem Analyseschritt werden die einzelnen Satzteile mit unterschiedlichen Labels klassifiziert: Akteur / Prozess / Ziel (der Handlung) / Nutznießer / Umstand / Sensor / Phänomen usw. In der Regel (außer in Sätzen im Passiv) ist das Subjekt mit dem Akteur identisch.

„The experiential metafunction of language deals with representing the world using words“ (Bandstra 2008:28). Das ist der Teil der Sprache, den man traditionell mit ‚Inhalt‘, d. h. eine Darstellung von Ereignissen in einer materiellen oder mentalen Welt, beschreibt. Dabei wird der Prozess, also der Handlungsvorgang, als Kern des Satzes betrachtet. Bis auf wenige Nebensätze kann ein Satz ohne eine solchem Prozess und mindestens einem Teilnehmer nicht existieren. Im Gegensatz zur klassischen Grammatik, die die Bezeichnungen für Funktionen im Satz (direktes Objekt, indirektes Objekt usw.) eher allgemein wählen, legt die funktionale Grammatik die Beziehungen zwischen den einzelnen Satzteilen konkreter und deutlicher fest. Dabei ist zwischen verschiedenen Prozess-Typen zu unterscheiden.

Typen des Prozesses bzw. des Vorgangs

Materiale Prozesse
Hier wird eine physische Handlung wie Gehen, Essen, Sterben beschrieben. Der Handelnde ist der Akteur. Materiale Prozesse kann man noch unterteilen: (a) Handlungen/Aktion und (b) Ereignisse/Events.
Das, was nur den Akteur betrifft und er also Ziel ist, wird als Ereignis klassifiziert. Das, was sich auf einen Teilnehmer auswirkt bzw. an dem der Prozess durchgeführt wird, wird als Handlung klassifiziert. Wer von der Handlung profitiert, ist Nutznießer. Und auch Umstände der Handlung können erwähnt werden. Gen 3,21a als Beispiel für eine Handlung: YHWH ist Akteur, „und er machte“ ist der Prozess, „Adam und seine Frau“ sind Nutznießer und „Röcke aus Fell“ ist das Ziel (des Prozesses). Gen 11,32b als Beispiel für ein Ereignis: Terach ist Akteur, „und er starb“ ist der Prozess und „in Charan“ ist der Umstand.

Mentale Prozesse
Dies sind Vorgänge, die in der Bereich des Geistes, des Verstandes bzw. der Gedanken (mind) geschehen, wie Sehen, Hassen, Verlangen. Die Verschiedenheit der Vorgänge bezieht sich auf Vorgänge der Wahrnehmung (perception), der Gefühle (emotion) und des Denkens (cognition). Z. B. Gen 4,23b.

Relationale Prozesse
Hier werden zwei Elemente/Begriffe (items) zueinander in Beziehung gesetzt. Häufig ist hier im Hebräischen und Griechischen die Ellipse des Verbs anzutreffen oder Hilfsverben wie „sein/werden“ (sog. Kopulae; vgl. Prestel 2008:78-29). Oder es werden statische Verben eingesetzt.
Es gibt im Wesentlichen zwei relationale Prozesse: (a) Einem Teilnehmer wird ein Attribut zugesprochen. (b) Ein Element wird mit einem anderen identifiziert, vgl. die Kopula-Struktur, z. B. Gen 2,11a: „Der Name des einen ist Pischon.“ Prestel unterscheidet hier zwischen einem thematischen E1 und einem rhematischen E1 (vgl. 2008:78). Bei einem attributiven Gefüge gibt es einen Träger (them. E1) und ein Attribut (rhem. E1). Z. B. Gen 1,2a.

Verbale Prozesse
Hier geht es um Prozesse der verbalen Kommunikation, wobei es typischerweise einen Sprecher und einen Empfänger gibt. Z. B. Gen 3,2a. Manchmal richtet sich die Ansprache nicht an einen Empfänger, sondern betrifft ein Ziel (target). Z. B. Gen 1,10a.

Verhaltensorientierte Prozesse
Hier geht es um menschliche und physische Äußerungen mentaler Zustände. Dieser Prozess ist zwischen den materialen und mentalen Prozessen einzuordnen, rechtfertigt aber eine eigene Kategorie. Es geht hier um Vorgänge wie sprechen (statt sagen, was ein verbaler Prozess wäre), schreien, weinen, lachen, berühren (statt fühlen).
Diese Vorgänge haben normalerweise nur einen menschlichen Teilnehmer. Z. B. Gen 27,34b.

Existentielle Prozesse
Hier werden Aussagen über das Existieren oder Nicht-Existieren von etwas ausgedrückt. Der einzige Teilnehmer bei diesem Vorgang ist der „Existent“. Es ist unerheblich, ob der Existent an einer Handlung beteiligt ist; es geht allein darum, ob er existiert oder nicht. In Gen 1,3b-c ist Licht der Existent.

Bandstra 2008:17
Umstände (bei der Transitivität)

Die Umstände sind eine Darstellung des Backgrounds, vor dem die Teilnehmer am Prozess beteiligt sind.

Bandstra 2008:18

3. Anwendung

Was das nun konkret und in der Anwendung bedeutet, werde ich an Beispielen aus dem Buch Genesis und dem Johannesevangelium demonstrieren.

#2 Johannes 1,1-5

#3 Genesis 1,1-5

Fußnoten
1 Prestel beschreibt den inneren Aufbau eines Satzes anhand verschiedener Satzgliedrollen, bei denen die Valenz des Verbs (Prädikats = P) eine zentrale Position einnimmt. Ein Prädikat zieht regelmäßig verschiedene notwendige Ergänzungen (E1 = Nominativ/Subjekt; E2 = Genitiv-Füllungen; E3 = Dativ-Füllungen; E4 = Akkusativ-Füllungen; E5 = Präpositionalobjekt; E6 = Präpositionalobjekte als Ortsangabe und kann mehrfach auftreten) (2008:78ff). Darüber hinaus hat ein Satz freie Angaben, die als Beiwerk weitere Infos liefern, aber nicht entscheidend an der Valenz des Verbs hängen.

Bibliographie
Bandstra, B.L., 2008, Genesis 1-11: A Handbook on the Hebrew text, 2nd edn., Baylor University Press, Waco, Tex.
Decker, R.J., 2014, Reading Koine Greek: An Introduction and Integrated Workbook, Baker Academic, Grand Rapids.
Prestel, P., 2008, Valenzorientierte Griechische Syntax: Literatursprache und Koine. Mit Formenlehre und Wortkunde, Bielefeld.
Siebenthal, H. von, 2011, Griechische Grammatik zum Neuen Testament, Brunnen; Immanuel-Verl., Giessen, Basel, Basel.
Van der Watt, J.G. & Caragounis, C.C., 2008, ‘A Grammatical Analysis of John 1,1’, FNT 21, 91–138.


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