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Wie kann die Kirche im Westen ‚Salz und Licht‘ bleiben?

Timothy J. Keller – Pastor, Autor, Theologe

Wenn ein Mensch die Weisheit des Alters, eine gelebte Spiritualität, die ihre Mitte im Evangelium in Jesus Christus sucht, und einen theologischen Weitblick mitbringt, darf man sich gespannt hinsetzen und zuhören. Timothy J. Keller vereint – durch Gottes Gnade – diesen Reichtum an Weisheit, Spiritualität und Theologie ziemlich authentisch.

Deshalb lohnt es sich darauf zu hören, was er über die Herausforderungen der westlichen Kirche zu sagen hat. Keller hat an einigen Stellen in den letzten zwei Jahren solche prophetischen Impulse formuliert.

Tim Keller – Keynote auf dem Parlamentarischen Nationalen Gebetsfrühstück in der Westminster Hall, London (am 19. Juni 2018)
Vier Herausforderungen der Kirche – Presbyterian Church of America (PCA, 2018)

Letztes Jahr ist das Büchlein How to Reach the West Again: Six Essential Elements of a Missionary Encounter erschienen. Ich habe seine Gedanken für die deutsche Leserschaft zusammengefasst.

Dieses Werk wird dann seine volle Wirkung entfalten, wenn Einzelne und Gruppen von kirchlichen Mitarbeitern und Pastoren es lesen, gemeinsam reflektieren und diskutieren. Der Text ist gedanklich dicht, daher ist lohnt sich unbedingt das (digitale) Gespräch.

Auszug: Wie kann der Westen (wieder) gewonnen werden

I. Wie wir den Westen wieder erreichen können

Seit 30 Jahren hören wir, dass die westliche Gesellschaft sich zu einer post-christlichen Kultur entwickelt und die Kirche sich dieser Veränderung stellen muss, um relevant zu bleiben. Trotz dieser düsteren Vorhersage hat die Christenheit eine enorme Überlebenskraft bewiesen. Denn wenn auch Kirchen im Allgemeinen stagnieren, trifft ein massiver Rückgang auf evangelikalen Kirchen nicht zu.

Und doch ist das Schwinden eines christlichen Einflusses auf die westliche Gesellschaft nicht abzustreiten. Generation um Generation geht die christliche Religiosität zurück. Mehr als 2/3 der Kirchen in den USA stagnieren bzw. können nur ihren Status quo halten. Und auch wenn die Religion im Allgemeinen nicht verteufelt wird, setzt sich doch die Einsicht durch, dass die Kirche den Menschen mehr schade als nutze. Traditionelle Überzeugungen über Sexualität und Gender werden als gefährlich und als Angriff auf die Grundrechte gedeutet.

Anstatt über den Verlust zu hadern, sollte uns dieses kulturelle Setting herausfordern, uns selbst zu prüfen, zu beten und auf ein verändertes missionarisches Engagement hinzuarbeiten. Denn wir sind herausgefordert, für unsere Zeit relevante Antworten zu finden und zu kommunizieren. Die damit verbundenen geistlichen Herausforderungen bleiben dieselben wie die Jahrhunderte zuvor. Zum einen ist es unser religiöser Stolz. Jonathan Edwards hat festgestellt, dass Erweckungen häufig vom menschlichen Stolz begleitet waren, welcher sich in fehlender Einheit, Fragmentierungen und Sondergruppen ausdrückte. Zum anderen ist die Herausforderung des Synkretismus (vgl. Judas 2,11-15). Auch wenn wir einem realen Götzendienst nicht verfallen, sind wir versucht, uns subtilen Götzen hinzugeben, wie z. B. politische Macht oder soziale Relevanz.

Jede Generation hat ihre Herausforderungen. Aber wir stehen vor etwas, was bis dato nicht bekannt war – eine Kultur, die ihrem Glauben zunehmend feindlich gegenübersteht, die aber nicht nur nicht-christlich ist (wie in China, Indien und den Ländern des Nahen Ostens), sondern post-christlich. Was sind also die kulturell größten Herausforderungen, die unsere Zeit uns stellt? …

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