Publikationen

Die Offenbarung Gottes – in zwei Dimensionen

(c) Photo by Anne Nygård on Unsplash

In seiner Dissertation plädiert Ryan A. Brandt für eine organische Einheit der externen und internen Dimension der Offenbarung. Im ersten Teil dieser Serie habe ich den Untersuchungsgegenstand und die wahrnehmbaren Einseitigkeiten in der evangelikalen Theologie dargestellt. In diesem zweiten Teil gebe ich die theologischen Schlussfolgerungen des Autors wieder (vgl. Brandt, R. A. (2015). The Organic Unity of Revelation: Towards a Biblical, Historical, and Theological Understanding of the External and Internal Nature of Revelation [Dissertation]. Southern Baptist Theological Seminary, Louisville. S. 168-181).

Theologische Schlussfolgerungen des Offenbarungs-Konzepts

Brandt stellt im Folgenden einige Implikationen für das theologische Denken und Arbeiten heraus.

1. Die systematisch-theologischen Prolegomena (Einführungen in die Glaubenslehre)

Da für Brandt die externe und interne Dimension der Offenbarung als eine organische Einheit wirken, plädiert er für eine explizite Darstellung beider Dimensionen in einer Dogmatik. Oftmals beobachtet er, dass evangelikale Autoren die Schrift betonen (externe Dimension), aber den Geist vernachlässigen (interne Dimension). Offenbarung ist breiter als eine ‚Information‘, die sich in Schrift und Schöpfung findet. Deshalb ist in einer Prolegomena nicht nur die Bibliologie (das Schriftverständnis) darzulegen, sondern beide Dimensionen der Offenbarung zu besprechen.
Die Kritik Brandts an einer Einseitigkeit bezieht sich auf folgendes Grundverständnis: Oftmals wird die Schrift als fundamental für die Entfaltung einer Theologie dargestellt, während der Geist, der dem Wort Bedeutung, Kohärenz und Leben verleiht, als sekundär bzw. additiv gedacht wird. Gegen diese Nachrangigkeit des Geistes wendet sich der Autor vehement und fordert eine gleichberechtigte Würdigung beider Dimension in einer Prolegomena.

2. Die Autorität der Schrift erfordert die externe und interne Dimension

Die These hier ist: Menschen kommen zur Akzeptanz der Autorität der Schrift nur durch die Wirkung des Wortes und des Geistes. Die Autorität der Schrift bestätigt sich nicht einseitig durch das Wort oder den Geist, sondern nur in der unzertrennlichen Verbindung von Wort und Geist. Auch wenn der objektive und subjektive Aspekt der Offenbarung beobachtbar sind, führt eine gedankliche Trennung beider zu einer Einseitigkeit. Deshalb ist es z. B. nicht möglich, die Inspiration der Schrift allein nur durch äußere Beweise zu belegen. Das Erkennen der Inspiration ist stets auch eine Wirkung des Geistes.
Mit John Frame kann deshalb gesagt werden: Während das innere Werk des Geistes die ‚Ursache‘ des Glaubens in die Schrift ist, ist das externe Selbst-Zeugnis der Schrift selbst der ‚Grund‘ dafür. Die Autorität der Schrift erweist sich durch den Geist und das Wort. Das haben viele Theologen über die Jahrhunderte so verstanden. Deshalb verwundert es nicht, dass Thomas von Aquin (so berichtet Bernhard Ramm) das Gebet und Fasten pflegte, wenn er an einer schwierige Passage der Schrift kam. Johannes Calvin bekräftigte, dass wir aufgrund unserer Schwachheit nicht mal imstande sind, unsere Zunge bei der Rezitation des Wortes angemessen zu bewegen, es sei denn wir werden vom Geist ergriffen. Otto Webers Zitat bringt es auf den Punkt:

„The doctrine of the inward testimony of the Holy Spirit announces the discovery that the authority of Scripture can be secured neither objectively [in the doctrine of inspiration] nor subjectively [in our experience], but rather that we will only be persuaded of it when God the Holy Spirit . . . reaches out to us through the scriptural Word.“

Otto Weber

3. Hermeneutik, Wort und Geist und eine demütige Haltung

a) Hermeneutik
Die Vernachlässigung des Geistes in der evangelikalen hermeneutischen Diskussion hat Andrew Hill offenbart: Er untersuchte ein Dutzend evangelikaler Handbücher und konnte nur wenige Bezüge zur Erleuchtung des Geistes feststellen. Bibelwissenschaftler neigen dazu, diverse hermeneutische Probleme zu besprechen, berücksichtigen jedoch selten die Rolle des Geistes in der Hermeneutik.
[Dieses Versäumnis wurde z. B. in der ‚pneumatischen‘ Schriftauslegung des sog. Bethel-Kreises um Paul Tegtmeyer, Otto Rodenberg, Helmuth Frey, Armin Sierszyn gesehen und kritisiert. Hier wollte man diese Diskrepanz überwinden, driftete dann aber doch zur Subjektivität und willkürlichem Umgang mit der Schrift ab. (vgl. Stadelmann, H. (1996). Grundlinien eines bibeltreuen Schriftverständnisses (3. Aufl.). Brockhaus. S. 78-82).]
Nimmt man diese organische Verbindung von Wort und Geist ernst, müsste nach Brandt folgende These wahr sein: „A lack of spiritual preparedness hinders accurate interpretation“ (:175).
Entscheidend ist jedoch auch zu sagen: Die Erleuchtung des Geistes bringt nicht Erkenntnis/ Wissen hinzu, sondern ermöglicht die Wahrnehmung (vgl. Lukas 24,44-45).

b) Hermeneutik und Haltung
Wenn man dem O.g. folgt, erfordert die Hermeneutik eine demütige Haltung gegenüber dem Text der Schrift. Die Bibelauslegung bezieht sich also nicht nur auf das richtige Verständnis, sondern auf die angemessene Haltung. Deshalb ist das informative Verstehen nicht das einzige Ziel beim Lesen der Schrift, sondern das Stehen unter der Schrift. Daher liegt der Schlüssel im richtigen Verstehen der Schrift nicht allein in der Anwendung der richtigen hermeneutischen Grundsätze, sondern in einer Kombination aus einem sachgemäßen Erkennen und einer angemessenen Haltung.

4. Theologie, Wort und Geist und die am Evangelium orientierte Ethik

a) Theologie sowie Wort und Geist
Die Theologie ist nicht allein eine deskriptive Beschreibung der Eigenschaften und des Wesens Gottes, das aus der Schrift erarbeitet wurde, sondern eine wissenschaftliche Disziplin mit einer übernatürlichen Dimension, die das Herz zu erreichen sucht.
Daher: Gott offenbart sich selbst durch Information und das Verstehen („information and apprehension“ [hier eignet sich wohl das Hebräische jada am besten, das beide Dimensionen verbindet]).
Das Ergebnis dieses offenbarenden Werkes Gottes ist die Kapazität/Ermöglichung, theologisch zu denken und eine lebensbejahende Theologie zu tun. Deshalb ist der primäre Fokus der Offenbarung eine tiefer gehende Gemeinschaft („communion“) mit dem Herrn.

b) Die Theologie ist mit einer Evangelium-zentrierten Handlung/ Ethik verbunden
Theologie führt zur Praxis bzw. ist mit ihr verbunden. Daher begrenzt sich das theologische Arbeiten niemals auf die Annahme kognitiver Fakten allein, sondern schließt das entsprechende Reden und Handeln mit ein. Biblisch zu sein, bedeutet also nicht nur, die richtigen Fakten zu kennen, sondern sie werden natürlich gelebt.

Mein Kommentar

Die Dissertation von Brandt offenbart eine latente Einseitigkeit in den evangelikalen Dogmatiken und in der Hermeneutik. Dabei deckt sich sein Plädoyer mit dem Motto meines Blogs „Theologie & Spiritualität“. Theologie – wenn sie recht verstanden wird – ist niemals nur theoretischer Stoff für die Super-Christen. Und Spiritualität – wenn sie recht verstanden wird – wird sich niemals allein auf die Innerlichkeit des Subjekts stützen. Daher vermittelt der Ausspruch von Evagrius Ponticus einen Anspruch und ein Leitmotiv, das die komplementäre Dimension der Offenbarung auf den Punkt bringt:

Wenn du Theologe bist, wirst du wahrhaft beten, und wenn du wahrhaft betest, bist du ein Theologe.

Evagrius Ponticus (346-399 n. Chr.), Mönch, Schriftsteller

Kommentar verfassen