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Was bedeutet es, vom Geist geleitet zu werden? (Gal 5,18)

Craig S. Keener hat auf seinem Blog einen fundierten Artikel zur Frage nach der Leitung des Geistes veröffentlicht, den ich im Folgenden ins Deutsche übertrage.

Was bedeutet es, vom heiligen Geist geleitet zu werden? Genau genommen hängt dies vom Kontext des biblischen Textes ab, auf den Bezug genommen wird.

Der Kontext der Führung in Gal 5,18 ist ethischer bzw. moralischer Natur. Anstatt, dass wir durch das Gesetz (des AT) beschnitten werden, hat Gott sein Gesetz in unsere Herzen geschrieben. So „wandeln“ wir durch den Geist (Gal 5,16), werden vom Geist „geführt“ (Gal 5,18) und folgen mit unseren Schritten den Fußstapfen des Geistes (Gal 5,25). Wir folgen den Wegen, die er für uns weist. Diejenigen, die dies tun, sind nicht „unter dem Gesetz“, weil wir die moralischen Anforderungen des Gesetzes sowieso erfüllen (Gal 5,18.23). Wir haben Eingebungen, die über das Gewissen hinausgehen. (Da das Gewissen auch irre führen kann [1Tim 4,2], ist es wichtig, zu lernen zu unterscheiden; aber der Geist kann unser Gewissen mit Gnade und rechtem Verlangen umformen [vgl. das Verlangen des Geistes in Gal 5,16-17]) . Dass wir „vom Geist geführt“ werden, bedeutet wahrscheinlich, dass wir im Idealfall dem Geist folgen.

Mit unseren Schritten den Fußstapfen des Geistes (…) zu folgen kann nun auch breiter verstanden werden. Wie Jesus tat, was er von seinem Vater gesehen hatte (Johannes 5,19), so lernen wir, Gottes Herz in Christus durch den Geist zu erkennen und ihm zu folgen. Dies bedeutet nicht, dass wir immer alles perfekt hören (vgl. 2 Kön 4,27; 1 Kor 13,9), aber wir kennen das Muster, die Art und Weise, wie Christus uns auf dem Weg der Liebe dies vorlebte (Gal 5,14; 6,2). Liebe ist zweifellos eine Schlüsselfrucht des Geistes (5:22).

So steht auch Röm 8,14 in einem ähnlichen Zusammenhang, wo das „Geführt-werden vom Geist“ im Gegensatz zur Herrschaft durch die fleischlichen Leidenschaften (Röm 8,5-13) beschrieben wird. Es beinhaltet dort auch eine persönliche Erfahrung mit dem Geist, eine Beziehung als Söhne und Töchter Gottes (Röm 8,15-16).

Paulus‘ Hauptaugenmerk in der Aussage „Vom Geist geführt“ (Gal 5) 5 mag auf ethisch-moralische Transformation bezogen sein, aber diejenigen, die die Führung des Geistes ausschließlich in diesen Begriffen verstehen, erliegen einem Trugschluss, indem sie aus konkreten Fällen zu allgemeine Schlussfolgerungen ziehen. Die moralische Führung des Geistes ist ein besonderes Beispiel für eine umfassendere Erfahrung mit dem Geist. Deshalb sind folgende Texte zu beachten:

Nehemia 9,19-20: wolltest du sie nach deiner großen Barmherzigkeit auch in der Wüste nicht im Stich lassen. Die Wolkensäule wich nicht von ihnen, sie auf dem Wege bei Tag zu leiten, noch die Feuersäule, ihnen den Weg bei Nacht zu erhellen, den sie ziehen sollten. Du gabst ihnen deinen guten Geist, sie zu unterweisen; du entzogst ihrem Munde das Manna nicht. Du gabst ihnen Wasser, wenn sie Durst hatten.

Psalm 139,7.10: Wohin könnte ich gehen vor deinem Geist, wohin fliehen vor deinem Angesicht? (…) so würde mich auch dort deine Hand finden und deine Rechte nach mir greifen.

Psalm 143,10: Lehre mich das tun, was dir wohlgefällig ist! Du bist ja mein Gott; dein guter Geist führe mich auf rechter Bahn!

Jesaja 63,13-14: der sie durch die Fluten hindurchgehen ließ, als wären es Rosse, und auch in der Wüste strauchelten sie nicht, der sie leitete gleich einer Herde, die ins Tal hinuntersteigt? So ließ der Geist des HERRN sie immer wieder Ruheplätze finden. So hat er sein Volk geleitet, um sich einen herrlichen Namen zu machen.

Matthäus 4,1:Darauf wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden.

Lukas 4,1: Erfüllt mit Heiligem Geist kehrte Jesus vom Jordan zurück, und in der Kraft des Heiligen Geistes war er vierzig Tage in der Wüste.

Johannes 16,13: Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Von sich selbst wird er nicht sprechen, sondern nur das, was er hört, wird er weitergeben; auch das Kommende wird er euch verkündigen.

Diese Texte zeigen eine Reihe von Wegen auf, wie Gottes Geist uns führt, wahrscheinlich die Geist-geleitete Weisheit, Intuition und sogar das Geführtwerden durch Gott über unsere Bewusstwerden hinaus eingeschlossen. Der Psalmist braucht Schutz vor Feinden und (wie bei Paulus) Führung in Gottes Willen (Ps 143,10). Gottes Geist ist überall und wirkt immer im Leben des Psalmisten (Ps 139,7-10). Einige andere Passagen (Neh 9,19-20; Jes 63: 13-14) beziehen sich direkt auf das Exodus-Ereignis, bei dem Gott sein Volk in der Wüste durch die Feuersäule führte (z. B. Exod 13,18; Deut 8,2.15; 29,5; Ps 78,52; 106,9; 136,16; Jer 2,6; Amos 2,10) und geben ihnen die Richtung, wohin sie sich nach Bedarf bewegen sollen (z. B. Neh 9,12; Ps 78,14). Sie mussten sich völlig auf ihn verlassen.

Der Geist führte Jesus in die Wüste (Mt 4,1; Lk 4,1), und vielleicht bezieht sich die paulinische Sprache darauf, dass vom „Geist geführt werden“ sich dieselbe Vorstellung wie Gottes frühere Führung seines Volkes in der Wüste. Aus dem Beispiel Jesu sehen wir, dass der Geist uns manchmal sogar in und durch Schwierigkeiten führt. Aus Joh 16,13 erfahren wir etwas über unsere innige Beziehung zu Gott, wobei der Geist uns das Herz Jesu offenbart, so wie Jesus gekommen ist, um das Herz des Vaters zu offenbaren (vgl. Joh 15,15). Obwohl in der Apostelgeschichte unterschiedliche Formulierungen verwendet werden, sehen wir dort, wie der Geist Gottes Diener dazu führt, Christus mit anderen zu teilen (z. B. Apg 8,29; 10,19; 16,6-7; 19,21).

Was bedeutet es, vom Geist geführt zu werden? Einzeln betrachtet, hängt es von dem Text ab, den man gerade untersucht. Aber insgesamt bedeutet es, von Gottes Geist geführt zu werden, dass wir also auf den Wegen gehen, die er möchte, dass wir gehen. Wir wissen nicht immer genau, wie er uns in der jeweiligen Situation führt, aber wir vertrauen mehr auf seine Fähigkeit, uns zu führen, als auf unsere Fähigkeit, ihn zu hören. Wir folgen unserem besten Gespür für seine Führung und vertrauen darauf, dass er unsere Schritte auf dem Weg ordnet.

Wenn wir jedoch immer sensibler für den Geist werden, gibt es einen Bereich, in dem wir sicher sein können, dass seine Gegenwart in unserem Leben uns führen wird: Es wird all das die Führung des Geistes sein, was uns dahin führt, Gott unbedingt Gefallen zu wollen, auch dann, wenn es im Gegensatz zu den Neigungen steht, die Gott widersprechen. Das heißt, der Geist wird niemals dem moralischen Punkt widersprechen, den Gottes Geist bereits in der Schrift offenbart hat. Der Geist wird uns befähigen, nach Gottes Herzen zu leben.


Mein Kommentar:

Die Christen des 21. Jhr. wünschen sich bei der Frage nach der Führung des Geistes oft konkrete Antworten auf spezifische Fragen des Lebens. Auf welche Schule soll ich mein Kind anmelden? Welchen Beruf soll ich ergreifen? usw. Wenn man in einer Multi-Options-Gesellschaft lebt, ist dies nur allzu verständlich. Die Darstellung von C. S. Keener sind aber ein gutes Korrektiv:

a) Des Geist Gottes ist präsent in der Welt und er führt! Diese Wahrheit hat mit damit zu tun, was ich diesem Geist Gottes wirklich zutraue. Hier offenbart sich tatsächlich, wie umfassend dein Gottesbild ist.

b) Der Geist Gottes führte und führt über unser bewusstes Erkennen hinaus! Gott ist doch größer als ich. Also kann ich mich im Vertrauen auf ihn entspannen, glaubend, dass Er um seinetwillen mich führen wird.

c) Wir vertrauen mehr auf seine Fähigkeit, uns zu führen, als auf unsere Fähigkeit, ihn zu hören! Das ist das Evangelium. Gott ist größer als meine Fähigkeit etwas zu tun. Ähnliches deutet Paulus auch in Röm 8 im Blick auf das Gebet an: Der Geist Gottes transformiert meine Worte des Gebets in das vor Gott „passende Gebet“.

d) Der Geist Gottes ist wohl öfter an unserem ethisch-moralischen Handeln als daran interessiert, ob ich Pizzabäcker oder Friseur werde. Letzteres ist keineswegs unwichtig (hier gelten die Punkte a), b), c) – erprobe mutig deine Backkünste und/oder schau, ob du als Friseur geeignet bist). Ich werde dann das Leiten des Geistes Gottes erleben, wenn ich als Sohn bzw. Tochter Gottes (vgl. Röm 8,15f) all mein Verlangen darauf setze, geistlich (im Sinne von Gal 5,22-23) zu leben.

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