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Die ‚Mächte und Gewalten‘ und ihre Deutung

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Der Trend in der ntl. Exegese seit dem 2. Weltkrieg ist – so Peter O’Brien – den paulinischen Ausdruck ‚die Mächte und Gewalten‘ (griechisch: τὰς ἀρχὰς καὶ τὰς ἐξουσίας, u. a. Kol 2,15) mit sozio-politischen Strukturen menschlicher Gesellschaft in Beziehung zu setzen. Demnach handelt es sich um Denk-Konzepte, Überzeugungen bzw. Weltbilder sowie das Religionsverständnis eines Staates bzw. einer Gesellschaft.

O’Brien stellt diese Deutung in Frage, die u. a. von G. Rupp, H. Berkhof, G. B. Caird, E. Käsemann, M. Barth, H. Yoder sowie R. Sider geprägt worden ist. Die wesentlichen Belegstellen (Eph 1,20f; 3,10; 6,10ff) sprechen dagegen. In Eph 1,20f sowie 3,10 sind vom Kontext her kaum irdische Strukturen gemeint, vielmehr eine übernatürliche Dimension mitgedacht. Auch von Eph 6,10ff ist festzuhalten: „On the more recent view this must mean that the believer does not war against human forces, but demonic structures“ (:55).

Ebenso verhält es sich wohl mit Kol 1,20; 2,15. Und auch die anderen Schriften im NT legen nahe, in den Mächten und Gewalten eine Art Wesen mit persönlichen Zügen („kinds of personal beings“, :58) zu sehen. Es werden im NT fünf Stufen/Entwicklungen („five stages“) der Mächte und Gewalten beschrieben:

  1. Ihre eigentliche Schöpfung, die auf Christus zurückgeht (Kol 1,16).
  2. Ihr späterer Fall (Jud 6; 2Petr 2,4; vgl. Kol 2,15).
  3. Christus‘ Sieg über die Mächte des Bösen (Mk 1,13; Mt 4,1-11; Lk 4,1-13), das in Hebr 4,15 als Beispiel und zum Trost für Christen in der Verfolgung dargestellt wird. Den Höhepunkt erreicht dieser Tatbestand im Tod, Auferstehung und Erhöhung (Joh 12,31-33; Kol 2,14; Eph 1,20-23; 4,7.11.
  4. Ihre fortwährende Feindschaft – Christi Sieg ist noch verborgen und nicht endgültig vollzogen (Eph 2,2). Christen sind vor Angriffen nicht völlig ausgenommen (1Petr 5,8) und sollen nach Eph 6,12 widerstandsfähig im Kampf sein.
  5. Ihre endgültige Überwindung (am Ende der Zeiten) (vgl. Apk 20,3.10; 1Kor 15,24-28).

Die satanisch-dämonischen Wirkungen sind Realität. In 1Thess 2,18 greift Satan in die Umstände ein (vgl. auch Hiob), bringt einige Christen nach Apk 2,10 ins Gefängnis. Röm 8,38 impliziert dämonische ‚Angriffe‘. Nach Apk 13 nimmt Satan Einfluss auf das politische und öffentliche Leben. „It would appear that social, political, judicial and economic structures can become demonic“ (:61). Es ist daher nicht sachgemäß, von unpersönlichen Strukturen zu sprechen. „The Biblical emphasis is that the powers of evil work in and through people, rather than impersonal structures“ (:61). Zusammenfassung bzw. Exzerpt des Artikels: O’Brien, Peter T. 1982. Principalities and Powers and their Relationship to Structures. ERT 6(1), 50–61.

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Mir scheint, dass O’Brien einerseits und H. Berkhof andererseits u. a. eine Sache meinen, nur unterschiedliche Perspektiven einnehmen. O’Brien lehnt es ab, das Destruktive in abstrakten sozio-kulturellen Strukturen zu suchen und plädiert für eine kosmische Wirklichkeit, die ihr Gesicht im Handeln von echten Menschen zeigt.

H. Berkhof, G. B. Caird u. a. beobachten, dass über dem menschlichen Handeln an sich, die Systeme selbst eine destruktive Dimension einnehmen können. Sehr eindrücklich und überzeugend zeigt dies Vishal Mangalwadi am Beispiel der Korruption (Mangalwadi, V. (2016). Wahrheit und Wandlung: Was Europa heute braucht. S. 273-313). Was mich bei Mangalwadi überzeugt, ist seine seine korporative Perspektive: Korruption ist nicht individualistisch, sondern stets Sache einer Gemeinschaft, Gruppe, Gesellschaft. Und zudem stellt  Mangalwadi ein ganzheitliches Weltbild vor, in dem die natürliche und übernatürliche Wirklichkeit miteinander verzahnt sind und einander bedingen.

Der Zusammenprall von Finsternis und Licht ist unvermeidlich. Wie jeder andere Krieg ist das Kreuz eine blutige Angelegenheit, die uns einen hohen Preis abverlangt. Das Einzige, was noch schlimmer ist als ein Krieg, ist, sich im Krieg zu befinden und nicht zu wissen, dass man sich im Krieg befindet, denn dann ist man mit Sicherheit verloren. Eine Gemeinde, die nicht gegen Korruption kämpfen will, wird von ihr vernichtet werden (Mangalwadi, S. 313).

Fazit: In einer ganzheitlichen Perspektive liegt der Schlüssel, um die beiden konträren Positionen miteinander zu verbinden. Dies scheint mir auch näher am Denken des Paulus zu sein, der hier ganz hebräisch (wholistisch) unterwegs ist: Die natürliche und übernatürliche Welt sind ein Kosmos.

Bei der letzten Predigt am Karfreitag habe ich versucht, die Passion Jesu aus dieser ganzheitliche Perspektive (wholistische Deutung des Kosmos und die Betonung des korporativen Aspekts des Kreuzes) auszulegen.

 

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