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Finde deinen Platz im Leben

Richard Nelson Bolles (1927 – 31. März 2017)

Richard Nelson Bolles gehörte zu den weltweit bekanntesten und einflussreichsten Lebens- und Berufsberatern. Sein Buch What Color Is Your Parachute? 1 ist ein Bestseller. Die deutsche Übersetzung Durchstarten zum Traumjob 2 ist es auch.

Bemerkenswert ist aber die Tatsache, dass der Verleger den englischsprachigen Anhang „How to Find Your Mission in Life“ für den deutschen Markt nicht veröffentlicht hat. Bolles geht in diesem interessanten Aufsatz auf den Aspekt der Spiritualität bzw. des Glaubens an Gott ein, der in seiner eigenen Vita (Er selbst war ordinierter Pfarrer) eine große Bedeutung hat. In diesem Aufsatz entwickelt Bolles eine kleine Theologie der Arbeit bzw. der Berufung. Schade ist, dass der Campus Verlag dies in seiner Veröffentlichung (aus wirtschaftlichen bzw. ideologischen Gründen?) als irrelevant bewertet hat. Insofern möchte ich seinen Aufsatz, der sicherlich an einigen Stellen aus biblisch-theologischer Sicht diskutabel ist, hier zusammenfassend darstellen.

Bolles wird mit der Frage „How to find your Mission in Life?“ von einer Klientin konfrontiert, die seine Vision über das Leben hören will. Sie wünsche sich seine Sicht auf das Leben, die aus einer Leidenschaft und einer tiefen Überzeugung heraus formuliert ist, damit sie selbst es in ihr Leben integrieren kann. Bolles stellt sich dieser Aufgabe.

Das Motiv unserer Suche nach dem Sinn des Lebens

In der Regel ist unsere Suche dadurch motiviert, dass wir uns insgeheim die Zusicherung unserer Einzigartigkeit („reassurance of our uniqueness“) wünschen. Der Mensch möchte kein unbedeutendes Sandkorn am Strand des Lebens sein, sondern hofft darauf, dass das Universum (oder Gott) ihn mit einem besonderen Grund ins Leben gerufen hat. Wir wollen unseren besonderen Beitrag für das große Ganze beisteuern. Und wir möchten spüren, dass die Welt wenigstens ein Stückchen reicher durch unser Dasein werden kann. Es handelt sich um eine besondere Freude, wenn wir entdecken, dass hinter unseren alltäglichen Tätigkeiten wie Essen, Schlafen, Arbeiten usw. ein tieferer Sinn steckt.

Wie kann diese Suche gelingen?

Nach Bolles ist zum einen anzuerkennen, dass der hier vorgeschlagene Weg nur ein Weg unter vielen ist. Bolles stellt seinen Pfad mit der Hoffnung vor, dass es Lesern hilft, ihren eigenen Weg zu finden. Zum anderen betont er, dass die Frage nach der Sendung (lat. Mission)/ Berufung/ dem Platz im Leben nicht allein ein intellektuelles Unterfangen ist. Kahlil Gibran paraphrasierend ist der Glaube für Bolles eine „Oase des Herzens, die nicht allein nur auf dem Weg des Verstandes“ erreicht werden kann. Es ist entscheidend, die alten Weisheiten der Welt („total disciplines of the ages“) zu berücksichtigen. Bolles ist daher überzeugt, dass die Frage nach der Mission im Leben (im dt. Berufung) mit der Frage nach Gott verbunden ist.

Die Begriffe „Berufung“, „Sendung“, „Ruf“ implizieren, dass da jemand ist, der beruft bzw. das Ziel bestimmt. Und Bolles ist überzeugt, dass es Gott ist. Er beklagt, dass man in diesem Zusammenhang versucht, hier eine säkulare Sprache zu entwickeln. In so einer Rede wird der Bezug auf Gott verzichtet. Alles konzentriert sich dann allein auf den Menschen, der seine Berufung des Lebens wählt. Darin zeigt sich nach Bolles auf der sprachlichen Ebene die ganze Ironie, denn das Ersatzwort für „Mission im Sinne von Leidenschaft“ ist Enthusiasmus. „Enthusiasmus“ ist aber ein Begriff, der im Griechischen auf en theos zurückgeht und wörtlich „Gott in uns“ bedeutet.

Wie finde ich die Mission meines Lebens?

Bolles plädiert dafür, diese bedeutende Frage in drei Stufen („three stages“) zu beantworten. Er stellt auch klar, dass dies kein Problem ist, das über Nacht gelöst werden kann, sondern Zeit benötigt bzw. ein Prozess aus mehreren Schritten ist.

Die drei Stufen bauen aufeinander auf. Alle drei sind Teil derselben Mission des Lebens. Es geht also nicht um drei Berufungen, sondern um eine Berufung mit drei unterschiedlichen Aspekten (auch wenn ich im Folgenden trotzdem von drei Missionen spreche, ist dies im Sinne einer Mission gemeint). 

(I.) Your first Mission here on Earth is one which you share with the rest of the
human race, but it is no less your individual Mission for the fact that it is shared: and it is, to seek out and find, in daily — even hourly — communication, the One from whom your Mission is derived. The Missioner before the Mission, is the rule. In religious language, your Mission here is: to know God, and enjoy Him forever, and to see His hand in all His works.

Deine erste Mission hier auf Erden ist eine, die du mit dem Rest der Menschheit teilst. Und doch ist es deine individuelle Mission: Es ist die, den Einen, von welchem deine individuelle Berufung kommt, Stunde um Stunde zu suchen und zu finden. Der Sender kommt vor der Sendung. In religiöser Sprache ausgedrückt ist dies die Mission, Gott zu kennen, in IHM allezeit Freude zu erleben und seine wirkenden Hände in seiner Schöpfung zu erkennen.
(II.) Secondly, once you have begun doing that in an earnest way, your second Mission here on Earth is also one which you share with the rest of the human race, but it is no less your individual mission for the fact that it is shared: and that is, to do what you can, moment by moment, day by day, step by step, to make this world a better place, following the leading and guidance of God’s Spirit within you and around you.
Es ist deine zweite Mission hier auf der Erde, die du ebenfalls mit der gesamten Menschheit teilst, die aber trotz dessen deine individuelle Mission ist: Tag für Tag und Schritt für Schritt dein Möglichstes zu tun, um die Welt ein Stückchen besser zu machen, indem du dabei auf die leitende Führung des heiligen Geistes in dir und um dich herum vertraust.(III.) Thirdly, once you have begun doing that in a serious way, your third Mission here on Earth is one which is uniquely yours, and that is:

a) to exercise that Talent which you particularly came to Earth to use — your
greatest gift, which you most delight to use,

b) in the place(s) or setting(s) which God has caused to appeal to you the most,

c) and for those purposes which God most needs to have done in the world.

Drittens, ist es deine einzigartige und besondere Mission, die allein nur für dich bestimmt ist, folgende: a) deine Talente, mit denen du die Erde betreten hast, zu kultivieren und zu trainieren. Es sind deine größten Gaben, die in dir die größte Freude hervorrufen. b) deinen Platz und die Settings zu erkennen, den Gott für dich bestimmt hat und c) zu dem Zweck, welcher aus Gottes Perspektive am meisten in der Welt nötig ist. Kommentar I.-1: Wie wir über Gott denken sollten
  • Bezugnehmend auf Jesus Christus und Joh 16,28 („Ich kam vom Vater und in die Welt gekommen; und wenn ich die Welt verlasse, gehe ich zum Vater“) wirbt Bolles dafür, statt Gott nur als „Vater“ oder „Gott“ anzusprechen, sollten wir – aufbauend auf das O.g. – von Gott als dem „Einen, der uns ins Leben gebracht und uns eine Mission gab“ reden. Gott ist nicht nur Vater, sondern „der Eine, von dem wir kamen und zu dem wir gehen werden“. Auch wenn wir – nicht wie Christus – nicht ewig bzw. prä-existent waren, sind wir aus Körper und Seele geschaffen. Dabei ist der Ursprung der Seele ein großes Geheimnis. Niemand weiß, woher sie kommt und zu welchem Zeitpunkt sie Gott geschaffen hat. Wir können es nicht wissen. Aber man kann durchaus annehmen, dass Gott unsere Seele vor ihrem Eintritt in den Körper geschaffen hat, so dass die o.g. Umschreibung für Gott unserer Wirklichkeit entspricht.
  • Deshalb sollte uns vor der Frage „Welchen Beruf soll ich verrichten?“ (wieder) bewusst werden, dass wir vorher den Kontakt zu dem brauchen, von welchem wir kommen (Gott). Ohne dieser Ausrichtung des Geschöpfes auf den Schöpfer führt die Frage nach der Mission des Lebens ins Leere.
  • Das „Was“ wurzelt in dem „Wer“. Ohne dem Personalen („Personal“) kann niemand die Dinge („The Things“) sachgemäß diskutieren. Es gleicht einem Erwachsenen, der schreit „Ich will heiraten“, ohne sich darauf auszurichten, wen er denn überhaupt heiraten möchte.

Kommentar I.-2: Wie wir über Religion oder den Glauben denken sollten

Kommentar I.-3: Das erste Hindernis bei der Suche nach unserer Mission

  • Wir sind versucht, das Leben bzw. unsere Existenz allein naturalistisch zu betrachten. Aber in Wahrheit sind wir herausgefordert, das zu tun, wofür wir hierhin gesandt worden sind. Nämlich neben der Freude über die natürlichen Dinge des Lebens („Physicalness of this life“) sind wir herausgefordert, die spirituelle Dimension unseres Lebens zu erkennen.

Kommentar I.-4: Das zweite Hindernis bei der Suche nach unserer Mission

  • Es ist Teil unserer irdischen Amnesie und unserer Geschöpflichkeit, dass wir einen rebellischen Teil in uns tragen und unser eigener Gott sein wollen. Daher haben wir auch die Tendenz zur Immanenz. Das Christentum bezeichnet diese Dimension in uns als Sünde. Daher können wir – mit allen Weisen – sagen: Unser größter Feind bei der Findung unserer Mission/Berufung im Leben ist tatsächlich unser eigenes Herz und unsere eigene Rebellion.  

Kommentar I.-5: Was uns einzigartig und besonders macht

  • Die meisten stellen die Frage nach ihrer Berufung, weil sie sich dabei eine Antwort für ihre „individuelle Besonderheit“ („specialness“) erhoffen. Und wir können tatsächlich festhalten, dass wir besonders sind, dies aber nur, weil Gott so über uns denkt. Unsere Besonderheit und Einzigartigkeit ruht in IHM und in seiner Liebe, nicht in etwas Intrinsischem in uns. Diese Einsicht führt uns deshalb nicht zum Stolz, sondern zur Dankbarkeit.

Kommentar I.-6: Das unbewusste Verrichten des Werkes, für welches wir berufen wurden

  • Es ist müßig, über unseren Beruf bzw. Berufung nachzudenken, wenn wir nicht erkennen, dass alles mit dieser ersten Mission beginnt. Allein die Einsicht, dass wir von dem Einen kommen, der uns geschaffen hat, führt uns zu der Bereitschaft, mutig unter der Leitung des Geistes die anderen Missionen unseres Lebens in Angriff zu nehmen.

Kommentar II.-1: Das Unbequeme eines langen Weges

  • So etwas Großes wie die Mission des Lebens ist nur mit vielen kleinen Schritten zu erreichen. Wir sehnen uns dabei, auf einem hohen Berg zu stehen und die Weite des Lebens zu überblicken. Dies gefällt uns deutlich besser, wenn wir an unsere Mission des Lebens denken. Stattdessen befinden wir uns aber im Tal und wir erkennen: Unsere Mission ist es, einen Schritt nach dem anderen zu tun, auch wenn wir den einen großen Plan noch nicht erkennen können.

Kommentar II.-2: Das Wesen dieser Schritt-für-Schritt-Mission

  • Tag für Tag werden wir herausgefordert, in unsere Welt mehr Dankbarkeit, Vergebung, Wahrheit, Liebe usw. zu bringen. Wir werden bei Dutzenden von Gelegenheiten jeden Tag herausgefordert. Dies sind besondere Entscheidungssituationen bzw. Weggabelungen. Einer dieser Wege führt zu diesem Mehr an Liebe, Vergebung, Freundlichkeit usw.
  • Beispiele dafür sind: Jemand möchte auf der Straße die Lücke vor dir nutzen, um die Spur zu wechseln. Wie reagierst du? Du hast viel Arbeit, als plötzlich eine Unterbrechung kommt und nach Hilfe fragt. Wie reagierst du? Wenn du dir deiner (zweiten) Mission auf dieser Erde bewusst bist, ist die Entscheidung für dich klar. Ein Freund verletzt deine Gefühle. Wie reagierst du? Der zweite Weg führt zu mehr Vergebung, in dem du die Wahrheit über deine Gefühle aussprichst, aber auch deine Freundschaft ihm zusicherst). 

Kommentar II.-3: Ein Spektakel, das die Engel lachen lässt

  • Es ist schon urkomisch, wenn Menschen den ganzen Tag herum rennen und nach ihrer Berufung fragen, während sie anderen die Vorfahrt nehmen, anderen ihre Hilfe verweigern oder ihre Freunde abweisen usw. Es scheint, dass die Engel darüber lachen müssen. Diese Menschen hatten ihre Mission vor ihrer Nase, aber sie haben sich für etwas anderes entschieden.

Kommentar II.-4: Das Tal vs. die Berghöhe

  • Es kann gut sein, dass du niemals deine Mission der Berghöhe (also den Überblick über deinen Lebenszweck) erkennen wirst, solange du dich nicht im Kleinen „treu erwiesen hast“. Jesus betont, dass wenn wir nicht im Kleinen treu sind, wir unfähig sind, die großen Dinge zu erreichen.

Kommentar II.-5: Die Wichtigkeit, über diese Mission nicht als nur ein Trainingscamp zu denken

  • Das Tal (also die zweite Mission des Dienens, Liebens usw.) ist nicht nur ein Trainingscamp bzw. ein Zwischending, um das Eigentliche zu erreichen. Sondern deine zweite Mission ist die eigentliche Leistung, um das große Ganze zu erreichen. „The valley, the fog, the going step-by-step, is no mere training camp. The goal is real, however large. ‚Thy Kingdom come, Thy will be done, on Earth, as it is in heaven.'“

Abschließend kommentiert Bolles die „dritte Mission“. So betont er, dass Gott unsere individuelle Berufung mittels unserer Talente (Begabungen) und durch unser Herz (worin liegt unsere Leidenschaft?) hineingeschrieben hat. Die Entdeckung der dritten Mission bedarf häufig einer Hilfe von außen, einer Berufsberatung. Es ist ein großes Geheimnis Gottes, womit uns Gott begabt hat. Aber wenn wir davon ausgehen, dass wir von ihm kommen, besteht unsere Aufgabe lediglich darin, das (wieder) zu entdecken, was er in uns hinein gelegt hat. Ein guter Test bzw. Absicherung für deine individuelle Berufung ist: Gott beruft uns meist zu dem, was a) wir am meisten tun müssen (weil wir es verlangen bzw. uns danach sehen) und b) was die Welt am nötigsten hat. Deine Berufung wird sich meist auf die drei folgenden Bereiche konzentrieren: 1) Kingdom of Mind (mehr Wahrheit in die Welt zu bringen), 2) Kingdom of Heart (mehr Schönheit in die Welt zu bringen) oder 3) Kingdom of Will (mehr Perfektion durch Dienst in die Welt bringen).

„The place God calls you to is the place where your deep gladness and the
world’s deep hunger meet.“ (Frederick Buechner)

Das Bewusstsein, dass deine Mission des Lebens von Gott kommt, bringt dich in eine angemessene Haltung. Du verstehst dich als Verwalter dessen, was ER dir gegeben hat. Aber du brauchst auch nicht ein ängstlicher Verwaltung zu sein, weil ER hinter dir steht.

„We now have a strong desire for living combined with a strange carelessness
about dying. We desire life like water and yet are ready to drink death like
wine.“ (G. K. Chesterton)

Fussnoten

  1. Bolles, R. N. (2012) What Color Is Your Parachute?: A Practical Manual for Job-Hunters and Career-Changers. 2013 Edition, Cambridge u. a., Ten Speed Press.
  2. Bolles, R. N. (2012) Durchstarten zum Traumjob: Das ultimative Handbuch für Ein-, Um- und Aufsteiger, Frankfurt a. M. u. a., Campus.

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