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Die Brüchigkeit heutiger Ehen aus pastoraler Sicht

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Paul M. Zulehner, katholischer Priester, Pastoraltheologe und (laut Wikipedia) der bekannteste Religionssoziologe Europas schreibt in seinem Werk: „Früher hat jemand ‚in ein Haus hineingeheiratet'“.1 Das Haus war die ökonomische Basis der Familie bzw. einer ganzen Sippe. Das Haus verband auch mehrere Generationen miteinander und bot allen Beteiligten sozialen und wirtschaftlichen Schutz. Zum Haus gehörten auch die unverheirateten Angehörigen, Knechte und Mägde und deren Familienmitglieder.

Mit der industriellen Produktion änderte sich die ökonomische Basis. Nun war „der Lohn“ die Basis für eine Ehe und Familie. Eine landwirtschaftliche Selbstversorgung war nicht mehr möglich. Es folgte der Übergang zum Konsum. Die Verstädterung ist eine natürliche Folge dieser Entwicklung. Mit dem Lohn als Basis nahm auch die Mobilität zu. „Damit ist die ‚Auflösung‘ der komplexen ‚Großfamilie‘, genauer der Sippe oder des ‚Hauses‘, angebahnt“ (:60).

1. These: Der Wechsel der Basis vom Haus zum Lohn führte neben vielen Vorteilen zu mehr Stress für eine Ehe und (Klein-)Familie.

Die Ehe bzw. Familie ist ganz automatisch mehreren Reizen und Spannungen ausgesetzt, wie z. B.:

  • Wechselnde Kontakte und Beziehungsnetzwerke durch Umzüge.
  • Zunahme an räumlicher und zeitlicher Trennung unter Familienangehörigen, weil die Arbeit nicht zu Hause verrichtet wird.
  • Im „Haus“ verteilten sich die Konflikte auf die gesamten Gemeinschaft, während sich in der (Klein-)Familie die Konflikte auf nur wenige Menschen konzentrieren.

2. These: Die Gemeinschaft des „Hauses“ wirkte positiv wie negativ auf den Bestand der ehelichen Beziehung. Sie bot Halt, übte aber auch Druck aus.

Positiv betrachtet, wirkte die Sippe rund ums Haus stabilisierend auf die Partnerschaft. Der Gedanke an Trennung war schon deswegen nicht denkbar, weil damit auch ein Rückzug aus der Hausgemeinschaft verbunden wäre. Natürlich wird es auch sozialen Druck gegeben haben, so dass auch bei Gewalt in der Ehe, solche Demütigungen wegen der „Anderen“ ertragen wurden.

3. These: Ehen und Familien in unserer Zeit fehlt der stabilisierende Faktor der „Hausgemeinschaft“.

Die Ehe und Familie leidet keineswegs an zu wenigen Kontakten in der Stadt. Nach Zulehner hat eine Studie in Graz (1966) errechnet, dass Familien im engeren Beziehungskreis durchschnittlich 10,5 Kontakte, im weiteren Beziehungskreis nochmals 11,0 Kontakte hätten (:61). „Der Unterschied besteht in der Großstadt vor allem darin, daß diese Sippe heute nicht mehr in einem ‚Haus‘ zusammenlebt, sondern vertreut ist“ (:61).

Mit der Entwicklung der sozialen Medien ist die Zahl der Kontakte um ein Vielfaches gestiegen. Gleichwohl bezieht sich diese Zunahme vor allem auf lose Beziehungen. Auch im 21. Jhr. kann der durchschnittliche Mensch nur eine begrenzte Anzahl engerer Beziehungen gestalten bzw. verkraften. Wenn also schon Zulehner 1982 einen „Überschuß an Sozialkontakten“ diskutiert (:62), so ist das für die digitale Welt des 21. Jhr. ohne Frage der Fall. Es bleibt aber die Sehnsucht und der Wunsch nach einem sozialen Gefüge mit engen Beziehungen.

4. These: Die Einbindung der Ehe bzw. (Klein-)Familie in eine lebendige Kirchengemeinde wirkt stabilisierend auf die Ehe bzw. die Familie selbst.

Die Kirchengemeinde ist aufgrund ihres gemeinsamen weltanschaulichen Fundaments und des sozialen Gefüges im Stande, die Rolle des „Hauses“ zu übernehmen. Damit wird die Ehe und Familie stabilisiert.

Eine lebendige Gemeinschaft wird deshalb auch ein zu individualistisches Ehe- und Familienverständnis hinterfragen. Sie wird im besten Fall das durch Holywood geprägte Ehe- und Beziehungsmodell der westlichen Welt hinterfragen und hier eine positive Gegen-Kultur schaffen.  

5. These: Aus pastoraler und soziologischer Sicht ist es deshalb anzuraten, die Ehe und Familie nicht weiter zu privatisieren, sondern sie in den Kontext einer lebendigen Kirchengemeinde zu beheimaten.

Die Privatisierung einer ehelichen Beziehung hätte enorme Konsequenzen. Aus theologischer Perspektive ist sowieso fraglich, zwischen einem privaten und gemeindlichen Kontext zu unterscheiden. Der Apostel Paulus kann Briefe an Gemeinden verfassen (gemeindlicher Kontext) und sich darin in den sogenannten Haustafeln zum Verhältnis zwischen Sklaven und ihren Herren äußern (privater Kontext).

Aber auch aus soziologischer Sicht begünstigt eine Privatisierung der Ehe und Familie ihre eigene Brüchigkeit. Deshalb ist mit Paul M. Zulehner zu sagen:

Das Hauptargument wird aber nach wie vor bleiben müssen, daß christlicher Glaube [hier: die christliche Ehe und Familie] in unserer heutigen Gesellschaft auf dem tragenden Schutz der Gemeinde und Gruppe angewiesen ist (:62).

Fussnoten

  1. Zulehner, P. M. (1982) Heirat, Geburt, Tod: Ein Pastoral zu den Lebenswenden, 4th edn, Wien u. a., Herder. S. 59

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