Storys

Die Heilige Schrift als Kapelle in der Landschaft

Von Urs Stingelin, (2003) „Von Augustus zu den Windeln: Über den antiken Leser, seine Erwartungen und was der Text des Neuen Testaments daraus macht“ in: Victor, Ulrich, Thiede, Carsten Peter und Urs Stingelin, Antike Kultur und Neues Testament- Die wichtigsten Hintergründe und Hilfsmittel zum Verständnis der neutestamentlichen Schriften, Brunnen (Basel), habe ich diese im wahrsten Sinne des Wortes ansprechende Illustration:

„In der Schweiz gibt es einen Pass. Wer ihn am Tag mit dem Auto befährt, sieht wenige Kurven vor der Passhöhe weit über sich eine kleine Kapelle. Sie fügt sich unauffällig in ihre Umgebung ein: in eine raue, imposante Landschaft mit karstigen Felsen und Wald, so weit das Auge reicht. Wer in der Nacht dieselbe Route wählt, erblickt im weiten Dunkel nichts anderes als ein leuchtendes Kreuz.

So ähnlich wie mit dieser Kapelle verhält es sich auch mit dem Text des Alten und Neuen Testaments. Er steht nicht allein. Heute nicht und in der Antike nicht. Er fügt sich scheinbar unauffällig ein in eine Fülle der Literaturproduktion. Er ist sogar ein Teil von ihr – und viele meinen immer noch, er sei nicht gerade der beste.

Die Wälder und Felsen lassen sich vergleichen mit Homer, mit Dante, Grimmelshausen, Wolfram von Eschenbach, um nur einige große Namen zu nennen. Ihre Werke sind rau und imposant. Sie ziehen eine breite Aufmerksamkeit auf sich. Aber nur am Tag. Wenn es dunkel wird um den Menschen, wenn er arm wird und Hilfe braucht, verschwinden sie alle plötzlich wie im Nichts. Das Einzige, was dann bleibt, ist das schlichte Kreuz: die Bibel – weil Gott selbst dieses Wort ist. Erkennen kann das nur, wer glaubt, wer sich von Gott alles schenken lassen will – wer in der Nacht fährt. Niemand kann das präziser formulieren als unser Text selbst: ‚In ihm [= im Wort] war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen‘ (Joh 1,4)“ (S. 255).

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