Storys

Medien – eine interessante Kritik eines Linguisten

Aus Wolfgang Teubert, „Korpuslinguistik, Hermeneutik und die soziale Konstruktion der Wirklichkeit“ (Linguistik online 28, 3/2006, S. 41-60) habe ich folgende Kritik unserer Medienlandschaft entnommen, die ich beachtenswert finde (S. 58f, Hervorhebungen von mir):

Seit langem werden die öffentlichen Diskurse immer mehr entpluralisiert. Die Pressevielfalt unter der Herrschaft Wilhelm II. war ganz erheblich vielseitiger als der deutsche Zeitungsmarkt es heute ist.
Das Ende der Meinungsvielfalt wird vor allem dann zur Gefahr, wenn wir, wie das heute der Fall ist, immer weniger die Gelegenheit haben, das, was uns mitgeteilt wird, an unseren eigenen Ich-Erlebnissen zu messen. Vor ein paar hundert Jahren konnten die Mitglieder einer Diskursgemeinschaft die meisten Diskursobjekte, die für sie relevant waren, in persönlicher Anschauung kennenlernen. Dass Napoleons Truppen das Land besetzten, konnte man sehen, während es dem einzelnen überlassen blieb, diese Besetzung als Befreiung oder als Besatzung zu erleben. Der öffentliche Diskurs, der seinerzeit die Bürger erheblich mehr als heute einbezog, verzeichnete beide Interpretationen. Heute jedoch ist aus dem öffentlichen Diskurs der Mediendiskurs geworden. Die einzigen Diskursbeiträge, auf die wir direkt reagieren können, sind die von Familienmitgliedern, von Freunden, Bekannten und Kollegen. Alles, was ausserhalb unserer begrenzten Lebenswelt liegt, ist uns nur über die Medien zugänglich. Wir alle mussten glauben, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfügt, denn so wurde es übereinstimmend in den Medien berichtet. Es gab für uns keine Möglichkeit, diese Behauptung mit unseren eigenen Ich-Erlebnissen oder mit dem Zeugnis von den Ich-Erlebnissen von Menschen, die uns vertraut sind, zu vergleichen. Das allermeiste, was heute relevant ist, entzieht sich unserer Anschauung. Wir sind ausschliesslich auf die Medien angewiesen. Was Politiker fordern, was Experten behaupten, was das Volk denkt, weiss ich nur, soweit es von den Medien vermittelt wird. Doch sind unsere Medien den demokratischen Rechten der Diskursgemeinschaft unterworfen?
Die Medien, müssen wir annehmen, orientieren ihre Beiträge vor allem an ihrer eigenen Interessenlage. Das war der Fall in den sozialistischen Ländern. Bei gleicher Interessenlage wurde auch gleich berichtet und kommentiert. Das ist indessen auch der Fall in nichtsozialistischen Ländern. Die Interessenlage der Verantwortlichen in den Medien ist weitgehend identisch. Doch während in den sozialistischen Ländern dem öffentlichen Diskurs der oft diametral entgegengesetzte private Diskurs gegenüberstand, ist der private Diskurs in vielen westlichen Ländern, etwa in Deutschland (wenigstens in Westdeutschland), in England oder in Amerika, nur noch ein Spiegelbild des Mediendiskurses. Die Wirklichkeit des privaten Diskurses unterscheidet sich nur marginal von der Wirklichkeit, die in den Medien konstruiert wird. Das Ergebnis ist, dass der öffentlich-private Diskurs entpluralisiert wird. Alle Medien behaupten übereinstimmend, dass Globalisierung Fortschritt bedeutet. Der Einzelne hat nicht mehr die Möglichkeit, sich mit abweichen Paraphrasen Gehör zu verschaffen, so dass am Ende die Wirklichkeit des Mediendiskurses auch privat akzeptiert wird.

Die Medien als die vierte Gewalt im Staat konstruieren also Wirklichkeit. Das Fatale ist aber, das ihnen nichts entgegensteht. Während in sozialistischen Ländern jeder um eine Propaganda weiß und daher die Medien entsprechend kritisch wertet, fehlt dieser Gegenpol in westl. Ländern völlig.
Eine christliche Gemeinschaft hat grds. die Möglichkeit, die durch die Medien konstruierte Wirklichkeit anhand eines „gemeindlichen/kirchlichen Diskurses“ kritisch zu beurteilen. Das setzt jedoch eine Mündigkeit im Umgang mit den Medien, biblisch-theologischen Scharfsinn und ein geistliches Beurteilungsvermögen voraus.

Kommentar verfassen