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Qumran – so einfach ist es nicht…

In den letzten Wochen habe ich einen Artikel von Jörg Frey exzerpiert. In der ntl. Forschung war einige Zeit nach der Veröffentlichung der Qumran-Funde eine Euphorie über eine mögliche religions- oder tradtionsgeschichtliche Anbindung der Texte an das NT entstanden.
So einfach ist es aber mit den Qumran-Funden nicht. J. Frey macht in seinem Artikel im Wesentlichen 3 Dinge klar: 1) Traditions- u. religionsgeschichtliche Untersuchungen mit dem Zweck eine genealogische Abhängigkeit zu erkennen, sind problematisch. Die essenische Gemeinschaft fusste selbst auf einem breiten Tratitionsfluss aus AT und Frühjudentum. 2) Es gab nicht die einzige essenische Gemeinschaft. Auch hier ist ein genauer Blick und Expertenwissen nötig. Zumindest ist das „uniforme Bild der Qumran-Sekte“ (Frey) abzulehnen. 3) Auch die theologischen Schriften der Sekte offenbaren ein differenziertes Bild an Erkenntnissen und in der Lehre.

Hier die wesentlichen Thesen von J. Frey (Zahlen in Klammern sind Seitenangaben): FREY, J. (2004) (FREY, J./ SCHNELLE, U. (.). „Licht aus den Höhlen?: Der ‚johanneische Dualismus‘ und die Texte von Qumran“ in Kontexte des Johannesevangeliums: das vierte Evangelium in religions- und traditionsgeschichtlicher Perspektive WUNT 175. Tübingen: Mohr Siebeck, S. 117-203.

In der ntl. Forschung wurden vielfältige, teilweise spekulative, ‚Kontaktstellen‘ zwischen dem JohEv u. Qumran vorgenommen (117ff). Dieser vage ‚Konsens‘ enger Berührungen möchte Frey hinterfragen bzw. kritisch überprüfen (122).

1. Zum forschungsgeschichtlichen Kontext der Qumran-These

In den 50er Jahren vor allem mit Bultmanns religionsgesch. Einordnung zusammenhängend lässt sich die große Zahl der Arbeiten erklären (123-26).

2. Die Qumran-These in den älteren Vergleichen

2.1 Methodische Überlegungen
Abzulehnen sind genealogische Textbeziehungen, vielmehr ist – wenn überhaupt – „das Modell einer Analogie“ anzuwenden, das „dann eine Erklärung aufgrund gemeinsamer traditionsgeschichtlicher Voraussetzungen, paralleler sozialer Strukturen oder allgemein-anthropologischer Gegebenheiten“ impliziert (129).

2.2 Sachliche Parallelen

2.3 Sprachliche Parallelen
Die Liste der Parallelen erscheint eindrucksvoll, liesse sich noch verlängern und bezieht sich vor allem auf die dualistische Rede (134). Allerdings sind nicht alle Parallelen auf diese beiden Schriftenkreise beschränkt, sondern finden sich in der jüdischen Tradition, im Urchristentum, AT etc. (134).So ist für die erga tou theou „kein exklusiv qumranischer Hintergrund aufgedrängt“ (135), denn Maaseh El begegnet in Ex 34,10; Maaseh YHWH in Ps 107,24; Dan 11,7; Jer 51,10; Ps 111,2; vgl. Sir 39,16 (134f).

Fazit: die meisten angeführten Qumran-Parallelen sind nicht singulär, so dass eine „unmittelbare sprachliche Entlehnung von den Qumrantexten“ schwerlich anzunehmen ist (135).

2.4 Die Struktur des Dualismus
Die Mehrheit der Forscher hat neben den sprachlichen Phänomenen die Parallelen vor allem in der Struktur des Dualismus bei Johannes und in Qumran gesehen: modifizierter Dualismus, also er sei „ethisch und eschatologisch“ (136). Vor allem von R. E. Brown entwickelt (136f) und von J. H. Charlesworth präziser formuliert (137f).

2.5 Ansätze zur Kritik
R. Bauckham u. D. Aune haben vor allem am methodologischen Vorgehen o.g. derm Qumran-These Kritik geäußert (140).

3. Gründe für eine Revision

Revision ist nötig, da das „uniforme Bild der ‚Qumran-Sekte'“ der bisherigen Studien in den ltzt. 10-15 Jahren hinterfragt worden ist (141).
Entfaltet ein ganz anderes historisches Bild der Qumrangemeinschaft (143f), kommt auf Differenzen in den Regelbestimmungen (144f), auf die Unterscheidung von essenischen und nicht in erster-Linie essenischen Schriften (145ff), auf literarische Entstehungsprozesse der Qumrantexte (147f) zu sprechen. Die Gemeinderegel (in 1QS) ist keineswegs ein definitiver gültiger Text gewesen (148f), was auch für die Zweigeisterlehre gilt (149ff).

4. Typen dualistischen Denkens in den Texten aus Qumran

4.1 Das Problem der Klassifikation
Allein schon der Begriff „Dualismus“ birgt in sich viele Bestimmungsprobleme und versucht dann eine Präzisierung (152ff). Als Fazit: Die Kategorie ‚dualistisch‘ ist „auf jeden einzelnen Text zu präzisieren“ und bei religionsgesch. Beeinflussungen wesentlich präzisere Berührungen erforderlich sind (155). „In allen Fällen ist es erforderlich, dualistische Aussagen nicht nur abstrakt als Elemente der Ideengeschichte zu verstehen, sondern deren Intention und Funktion nach Möglichkeit zu erfragen. (…) Nicht zuletzt die metaphorische Rede von Licht und Finsternis scheint eine jener Formen zu sein, in denen sich die Erfahrung von Leben und Tod, Heil bzw. Unheil, Recht und Unrecht auf der Grundlage der überall gleichen Wahrnehmung von Tag und Nacht in verschiedenen kulturellen Kontexten Ausdruck zu verschaffen kann“ (155).

4.2 Die dualistischen Texte in der Bibliothek von Qumran
„Betrachtet man das ganze nunmehr erschlossene Textmaterial aus Qumran, dann erscheint die Zahl der im strengen Sinne dualistischen Passagen relativ begrenzt“ (156).

4.3 Der eschatologische Kampfdualismus der Kriegsregel

4.4 Der kosmisch-ethische Dualismus der Zweigeisterlehre, seine Hintergründe und seine textliche Funktion
Wie die beiden von Gott eingesetzten Geister ist auch die Menschheit in 2 Teile geteilt (163). Ethische Aspekte werden sichtbar: „Die Zugehörigkeit einzelner Menschen zur einen oder zur anderen Seite ist insofern an konkreten Taten ablesbar“ (163). Der Hintergrund dieser Lehre scheint ein „weisheitlicher“ zu sein (165).

4.5 Dualistisches Denken in ‚essenischen‘ Texten

4.6 Konsequenzen für einen religionsgeschichtlichen Vergleich
Man wird die Zweigeisterlehre nicht mehr als „Basisideologie“ der essenischen Gemeinschaft werten. Sie bietet auch nicht die Zusammenfassung der essenischen Weltanschauung. Die in ihr vermittelte Schöpfungsordnung ist „komplizierter und differenzierter als das Weltbild, das für die Mitglieder der essenischen Gemeinschaft im ersten Jahrhundert n. Chr. vorauszusetzen ist“ (168).
Blickt man auf die sprachl. Entsprechungen zwischen Zweigeisterlehre u. JohEv, wird man sie „nicht mehr als ein Indiz unmittelbar essenischer Beeinflussung des Evangelisten werten dürfen“ (169).

5. Dualistische Sprach- und Denkformen im Corpus Johanneum

5.1 Eine forschungsgeschichtl. Vorfrage: Wann wurder der joh. Dualismu zum Thema in der Johannesexegese?

5.2 Zum Problem der religionsgesch. u. funktionalen Einheit des joh. Dualismus

5.3 Dualistische Sprachelemente im Corpus Johanneum und ihre religionsgeschichtl. Hintergründe

„Die ethische Dimension dualistischen Denkens rückts ins Blickfeld, wo (…) von einem guten oder bösen Tun oder auch der ‚Sünde‘ die Rede ist“ (184).
Es folgen Ausführungen zu Joh 3,19ff.
Frey setzt sich weiter mit den Konzepten Lüge u. Wahrheit (187f), Tod u. Leben (188f), Licht u. Finsternis (189ff).

5.4 Zur Herleitung der Licht-Finsternis-Terminologie im Corpus Johanneum
Thesen von R. Bauckham und D. Aune

5.5 Zur Frage nach Charakter und Funktion des joh. Dualismus
„Die Analyse der einzelnen mehr oder weniger stark dualistisch ausgeformten Oppositionen hat vielmehr gezeigt, daß deren sprachlicher und vorstellungsmäßiger Hintergrund differenziert zu bestimmen ist“ (193).

6. Kein Licht aus den Höhlen? Folgerungen und Perspektiven

„Die These einer qumran-essenischen Beeinflussung des Johannesevangeliums oder seines Autors“ kann mehr als 50 Jahre nach den Funden „aus vielerlei Gründen nicht mehr aufrechterhalten werden“ (198).
„‚Revolutioniert‘ [so Charlesworth] haben die Qumrantexte die Johannesforschung daher nicht“ (203). Die Hauptbedeutung der Texte aus Qumran liegt vielmehr darin, dass sie „‚unsere Kenntnis Palästinas im ersten Jahrhundert bereichern'“ (C. K. Barrett bei 203).

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