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Jörg Frey zu den Kontexten des Johannesevangeliums

Aus dem Sammelband FREY, J./ SCHNELLE, U.(. (2004). Kontexte des Johannesevangeliums: das vierte Evangelium in religions- und traditionsgeschichtlicher Perspektive, WUNT 175. Tübingen: Mohr Siebeck habe ich soeben die hilfreiche forschungsgeschichtliche Einführung („Auf der Suche nach dem Kontext des vierten Evangeliums“) exzerpiert. Es zeigt überschaubar einige Irrwege und Perspektiven der Vergangenheit und Gegenwart bei der Interpretation des Johannesevangeliums (JohEv). Hier mein Exzerpt:

Frey will „einige forschungsgeschichtliche Perspektiven für die religions- und traditionsgeschichtliche Suche“ darstellen, jedoch nicht archivarisch, „vielmehr signifikante Entwicklungen und Problemstellungen“ (3).

1. Johannes und die Religionsgeschichte
1.1 Altkirchliche Ansätze: Irenäus und die Aloger
In Haer. III 11,1 schreibt Irenäus, Johannes wollte den Irrtum der Irrlehre von Kerinth und den Nikolaiten (Ableger der Gnosis) beseitigen (4). Damit ist Johannes für Irenäus „der Kronzeuge gegen die gnostischen Häresien seiner Zeit“ (4f).
Eine andere Kontextualisierung wurde von der Gruppe um den röm. Presbyter Gaius vorgenommen, die die Verfasserschaft des JohEv und der Apk dem Johannes in ihrem Kampf gegen den Montanismus absprachen (5). Jedoch ist das wohl einer der wenigen Versuche in der Alten Kirche, das JohEv zu verwerfen. Anders wie die Apk, war das JohEv weithin anerkannt (6).

1.2 Religionsgeschichtl. Ansätze in den Anfängen der neuzeitlichen Forschung
Hier wurde die geschichtliche Stellung und der Abfassungszweck des JohEv erneut debattiert, wobei „die altkirchlichen Überlieferungen aufgenommen und in unterschiedlicher Weise variiert“ wurden (7).
Bedeutende Forscher hier: Hugo Grotius (1679, für eine antignostische Ausrichtung) (7); John Lightfoot (untersucht vor allem die jüdischen Quellen) (8) – beide haben im Grunde hinsichtlich der religionsgeschichtlichen Einordnung den Anfang gemacht (8).

Weitere Forscher: Johann Jakob Wettstein (griech.-klassische u. rabbinische Parallelen), Henry Hammond, Johann David Michaelis (8f), Johann Gottfried Herder (vergleicht das JohEv mit der „Sprache der Chaldäer“; „Vorreiter der iranischen Herleitung der johanneischen Sprache und einzelner johanneischer Motive“) (9).

„Weitreichende Bedeutung konnten religionsgeschichtliche Thesen erst gewinnen, wo man auch die traditionelle Annahme der apostolischen Verfasserschaft des vierten Evangeliums in Zweifel zog“ (10). Hier: Edward Evanson, Heinrich Christian Ballenstedt, Karl Gottlieb Bretschneider (10f).
Die religionsgesch. Thesen tummeln sich meist um den Logos-Begriff, meist wird eine Herleitung im alexandrinischen Hellenismus (Philo) oder Gnosis erörtert (11).

1.3 Von der christl. Gnosis zum alexandrinischen Hellenismus: die Diskussion im 19. Jhr. von Baur bis Holtzmann und Heitmüller
Baur bestritt die joh. Verfasserschaft, wertete jedoch das Evangelium als positiv, war mit seinen Schülern aber vor allem an der „theologischen Entwicklung des Urchristentums“ interessiert. Die Forschung nach ihm stand vor allem im Dialog mit seinen Thesen (sog. Baur-Schule) (12). Der Bezug zur Gnosis dominierte dabei die Baur-Schule, wurde aber auch immer wieder relativiert (13f).
Im Gefolge von Holtzmann und Jülicher wurde das JohEv dann „eng mit der Denkwelt Philos und eines alexandrinisch-philosophisch verstandenen Hellenismus in Verbindung“ gebracht (14).

1.4 Von Philo zum ‚gnostischen Erlösermythos‘: die religions- und mythologiegeschichtl. Deutung zwischen Bousset und Bultmann
Dadurch dass das Verständnis des „Hellenismus“ hinsichtlich einer „stärker die ‚orientalischen‘ und ’synkretistischen‘ Züge“ geprägten Wirklichkeit änderte, änderte sich auch die Einordnung des JohEv (15). Dadurch wurden Parallelen (bei Bousset) aus den Mysterienreligionen, aus astronomisch-astrologischen Frömmigkeit und gnostischen Texten aufgenommen (16). Allg. Terminus bei Frey: „‚Orientalisierung‘ des Johannes-Verständnisses“ (16).
Bei Bultmann wird das der Logos-Prolog und die gesamte Christologie – anders wie bisher – „nicht ‚aus israelitisch-jüdischen Prämissen'“erklärt, sondern mit den „bei den Mandäern, Manichäern und Gnostikern belegten mythodologischen Vorstellung von einem himmlischen ‚Urmenschen'“ (18). Als Folge wirkt die Gnosis bei Bultmann als Hintergrundfolie, auf der das JohEv in ihem Einklang und Widerspruch interpretiert wird. Es entstand das Verständnis einer ‚vorchristlichen Gnosis‘ und die Abhängigkeit des JohEv von derselben. Dies war lange Zeit das Interpretationsparadigma in der dt.-sprach. Forschung (19). Prägend war dabei, dass Bultmann nicht mit unterschiedlichen religionsgeschichtl. Kontexten rechnete (19f).

1.5 Die Kontextualisierung im palästinischen Judentum – eine Außenseiterposition
Bedeutende Forscher hier: Adolf Schlatter, Paul Billerbeck, Gerhard Kittel, Friedrich Büchsel, Karl Bornhäuser (21f).
C. F. Burney (1922) plädierte – unabhängig von Schlatter – für eine semitische Sprachgrundlage, ja dass das JohEv urspl. aramäisch verfaßt war (22).

1.6 Die religionsgesch. Einordnung des JohEv im Kontext neuer Quellenfunde nach 1945: Qumran, Nag Hammadi und die Folgen
In Auseinandersetzung mit R. Bultmann prägte E. Käsemann die Auslegung insofern, als dass er das JohEv selbst „tendenziell in die Nähe (…) einer Gnosis“ rückte. Ihm folgten u. a. L. Schottroff, M. Lattke (25).
Im angelsächsischen Raum dominierte die Einordnung des JohEv in die hellenistische Frömmigkeit, wie sie etwa C. H. Dodd in dem großen Entwurf vorlegte (25f). „Das Johannesevangelium wird hier in erster Linie als Dokument der Transformation der urchristlichen Botschaft für Adressaten in der hellenistischen Welt verstanden“ (26).

Die Qumranfunde boten eine willkommene Alternative zur Deutung R. Bultmanns (27). Es entstand eine „palästinisch-jüdische Kontextualisierung“, die die synkretistische Einordnung des Evangeliums (sh. Bultmann) vermied und „seinen Wert als Zeugnis des Evangeliums zu verteidigen“ suchte (27).

1.7 Probleme und Perpektiven
Als Fazit bleibt ein „ausgesprochen divergentes und plurales Bild“ (29). „Das Verständnis für die Kompexität des religionsgeschichtlichen Hintergrundes ist mit der Fülle der erschlossenen Texte und Textcorpora entscheidend gewachsen. Die alte Alternativen zwischen ‚jüdischen‘ und einer ‚hellenistischen‘ oder gar ‚gnostischen‘ Erklärung kann nach Auffassung der meisten Ausleger als nicht mehr angemessen gelten“ (31).
Das joh. Werk als Ganzes kann also nicht mehr auf nur einen Kontext bezogen werden, was (methodisch) dazu führt, dass „in dem für die einzelnen sprachlichen Formen, Motive und Vorstellungen im johanneischen Text je eigens nach den nächstliegenden und aussagekräftigsten Parallelen gesucht“ werden muss/wird (32f).
Es geht auch nicht mehr um eine „genealogische Herleitung (…) eines entwicklungsgeschichtlichen Paradigmas“ (33f). „Angemessener scheint es hingegen, die erhobenen Parallelen zunächst als Analogien zu betrachten und nicht vorschnell genealogisch auszuwerten“ (34). So bieten die Vergleichstexte Einblicke „in die Welt des Autors und seiner ersten Leser, Hinweise auf die Vorstellungen, die diese mit dem überlieferten Text verbinden konnten, und auf die Herausforderung, die der Text in seinem ursprünglichen kommunikativen Umfeld bedeutete (34).

2. Auf der Suche nach dem ‚innerchristlichen‘ Standort des JohEv
2.1 Forschungsgeschichtliche Schlaglichter
Diskutiert wurde hier meistens das Verhältnis zu den Synoptikern und zu Paulus (36).
In der älteren Kirche bis weit in die Neuzeit galt Johannes „als ‚der ältern Evangelien Nachhall im höheren Ton'“ (J. G. Herder bei 36). Geprägt wurde diese Sicht vor allem durch die Annahme der Verfasserschaft durch Johannes selbst (37).
Je mehr man in Johannes einen eigenständigen Theologen sieht, „desto mehr muß man seinen Ort in der späteren Zeit des frühen Christentums bestimmen“ (39).

2.2 Probleme und Perspektiven
Gerade wenn man die joh. Gemeinde nicht als eine isolierte Größe sieht, mit einem Austausch zwischen den Gemeinden rechnet, wird „die Frage der Einbettung der johanneischen Aussagen in die frühchristlichen Verkündigungs- und Theologiegeschichte außerordentlich komplex“ (40). Auch hier wird man von genealogischen Herleitungen absehen (40).
Im Blick auf die Synoptiker wird heute mehr die Kenntniss derer angenommen, aber es gibt auch „gewichtige Vertreter der Unabhängigkeitsthese“ (40f).
Ein 2. vieldiskutiertes Problem ist das Verhältnis zur Apk (41), nicht zu bestreiten ist wohl, dass zwischen den Trägerkreisen von Evangelium und Brief und der Apk andererseits wegen „der geographischen Nähe und einzelner motivischer und phraseologischer Beziehungen“ keinerlei Beziehungen bestanden (42).
Ein vernachlässigtes Problem ist die Frage nach dem Verhältnis zu den Pls-briefen (42). Schwierig ist hier eine Verhätnisbestimmung deshalb, weil eine literarische Rezeption der Pls-briefe im joh. Werk nicht nachweisen lässt (42f).

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