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Das „Alte“ Testament und wir?

Ich beobachte eine große Unsicherheit in den mir bekannten Gemeindetraditionen im Umgang mit dem AT. Wie relevant ist es? Was ist noch gültig? Wie sind die Erzählungen des AT mit dem Liebesgebot Jesu zu harmonisieren? etc.

G. Goldsworthy stellt in seinem bedeutenden Werk Gospel and Kingdom drei Haltungen in Bezug auf das AT vor (siehe auch The Kingdom of God and The Old Testament):

a) Das AT wird als primitiv betrachtet. Es reicht nicht an „the ethical and theological heights of the New Testament“ heran (S. 11). Eine Folge dieser seit dem 19. Jhr. beginnenden Entwicklung ist, dass viele der heutigen Leser das AT nicht mehr als einen Hintergrund für das NT sehen.

b) Die Evangelikalen folgen zwar nicht dieser „evolutionistischen Sichtweise“, haben aber ihren eigenen Weg gefunden: Sie nutzen das AT für moralische Apelle, lassen die Teile aber außer Acht, die sich nicht für die eigene Lebenspraxis anwenden lassen.

c) Die letzte Gruppe findet das AT schlichtweg „dry and uninteresting“ (S. 12).

Um ein angemessenes Verhältnis zum AT zu finden, hilft m. E. ein geschichtlicher Überblick, den Klaus Haacker in Hebraica Veritas beschrieben hat:

Das „Problem im Umgang mit dem AT“ entstand mit der Kanonisierung der ntl. Schriften. Wie sollten von nun an die Heidenchristen das AT lesen bzw. interpretieren? (S. 7). Einflussreich in der Abwertung des AT im 19. Jhr. war Adolf von Harnack, der die These vorbrachte, „daß jede Art der Gleichstellung des AT mit dem NT und jede Autorität desselben im Christentum unstatthaft ist“ (bei Haacker, S. 8f). Diese innere Distanz zum AT wurde sodann „zu einer Waffe im Arsenal des spezifisch deutschen Antijudaismus“ (S. 9).  „Der energischste Vorstoß zur Verteidigung des christlichen Alten Testaments kam von jüngeren Alttestamentlern, die Karl Barth nahestanden und sich zur Bekennenden Kirche hielten“ (S. 9f): Wilhelm Vischer (KiHo Bethel), Hans Hellbardt (1910-1944), Hans Walter Wolff. Dabei wurde das AT und damit die Einheit der Bibel „um der Christologie willen“ bejaht (S. 11). Das Verhältnis zwischen AT und NT wurde im lutherischen Fahrwasser mit dem Begriffspaar Gesetz und Evangelium, in der reformierten Tradition mit Verheißung und Erfüllung bestimmt (S. 11). Zusammenfassend läßt sich feststellen, „daß die Einheit der Bibel aus der (verschieden definierten) Christlichkeit des Alten Testaments (als ‚Gesetz‘ oder als ‚Verheißung‘) abgeleitet wurde, was die notwendige Kehrseite hatte, daß der Gegensatz zum Judentum und seiner Rezeption des Alten Testaments betont wurde“ (S. 11). Die christologische Auslegung des AT war das Paradigma der damaligen Zeit.

Diese Auslegungstradition wird heute hinterfragt, hauptsächlich wegen des Überschußes des AT (also „den positiven Wert der Züge im Alten Testament, die nicht erkennbar auf das Neue Testament hinführen“, S. 12). Die (dt.) Debatte um eine Biblische Theologie hat sich gegenüber einer Diskussion zwischen 1930-1960 verschoben: Es ist nicht mehr die angefochtene Autorität des Alten Testaments, die neben der selbstverständlichen des Neuen verteidigt und inhaltlich gefüllt werden muß, sondern die Legitimität des Neuen Testaments gemessen am Alten steht zur Debatte“ (S. 15).

Wir dürfen – so Haacker – im Rahmen einer Biblischen Theologie nicht mehr hinter diese Einsichten zurück: „Das Prädikat ‚Alt‘ darf hier nicht primär als Signal für zeitlichen Abstand und dazwischenliegende Umbrüche verstanden werden (…). Keine Generation und kein Zweig der Christenheit hat je das Recht, sich von dieser Bibel der Urkirche zu emanzipieren“ (S. 15).

Aber wie soll der Zusammenhang zwischen AT und NT gedacht werden, wenn die christlogische Engführung nicht überzeugt? Haacker schlägt vor – mit Gerhard von Rad – die Verbindung von AT und NT im Gesichtspunkt der Sprache zu sehen (S. 16). Gerhard von Rad bei Haacker: „… Und nun ist es einfach eine Tatsache, daß die urchristliche Gemeinde in  der Sprache des Alten Testaments fortzufahren, an sie anzuknüpfen und sich dieses sprachlichen Werkzeugs zu bedienen vermochte. Das ist ein theologisches Phänomen von großer Bedeutung“ (S. 16).

1 Kommentar Neues Kommentar hinzufügen

  1. Rudi sagt:

    Zu diesem Thema gebe es sicher einiges zu sagen:

    1. Das Problem beim Umgang mit dem AT ist nicht nur auf einzelne Gemeindetraditionen zu begrenzen, sondern auf die Theologie zu erweitern. Wie der historische Überblick zeigt, ist dies in der Theologenwelt länger schon nicht mehr klar. Je nach dem, welche Definition von 'Evangelikal' gebraucht wird, verwischen sich die Grenzen bei den Punkten von Goldsworthy.

    2. Die angesprochene Debatte Haacker's über die Legitimität des
    NT neben dem AT ist sicher interessant. Wenn man beispielsweise nicht mehr vom AT spricht, sondern von der 'Hebräischen Bibel', impliziert dies auch bestimmte Auslegungsmuster. Denn neben der christlichen Auslegung hat das AT eben auch eine lange jüdische Tradition. M.E. ist eine der bedeutendsten Fragen für die Biblische Theologie, ob und wie weit die christliche Tradition mit der jüdischen zu harmonisieren ist?

    3. Trotz allem stellt sich für mich am Ende die Frage, wie nun das Verhältnis des AT zum NT zu sehen ist. Für mich ist in diesem Zusammenhang die Gewaltfrage (der Bann im AT) eine der schwierigsten Fragen? Wie bringt man z.B. bei dieser Frage das AT und NT zusammen?

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