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Malphurs 2016 – Ministry Nuts and Bolts

Malphurs, Aubrey (2016): Ministry nuts and bolts. What they don’t teach pastors in seminary. Second edition. Grand Rapids, MI: Kregel Publications.

#11/2019

Bewertung 9Auslegung biblischer Texte 5
Relevanz 10
Stil 10

Wer sich schon einmal mit Organisationsentwicklung, Leiterschaft von Kirchengemeinden und Gemeindewachstum beschäftigt hat, wird auf eine unübersehbare Zahl an Begriffen stoßen, die zur Konfusion führt. Da ist die Rede vom Leitbild, Gemeindephilosophie, Vision, Mission Statement, Auftragsorientierter Dienst (Purpose driven ministry), Werte, Strategie, Smart-Ziele, Motto-Ziele, unser Selbstverständnis usw. Das Problem sind nicht die dahinter liegenden Konzepte, sondern die babylonische Sprachverwirrung dieser Konzepte.

Auf diesem Hintergrund ist das Buch von Aubrey Malphurs (ungewöhnlicher Name!) Gold wert. Malphurs entwickelt ein Modell, indem er 1) die core values (Kernwerte/ die wichtigsten Werte), 2) die Mission bzw. der (biblisch orientierte) Auftrag einer Kirchengemeinde, 3) Die Vision und 4) Die Strategie erklärt und anschaulich beschreibt.

Ich möchte nachfolgend lediglich in Stichpunkten meine likes und dislikes darstellen. Wen das Thema interessiert, sollte es – es ist ziemlich praktisch gehalten – selbst einmal lesen.

LIkes: Was mir sehr gut gefällt

  • Malphurs klärt die verwendeten Begriffe und entwickelt ein kohärentes (zusammenhängendes) Modell einer Organisations- und Kirchenentwicklung. Dabei grenzt er die Begriffe auch voneinander ab. Die beste Erkenntnis, die ich hatte, war folgende: „Was ist der Unterschied zwischen Mission/Auftrag und Vision?“ Der Auftrag/Mission ist ein Statement (eine Aussage, meist kurz, griffig, an der Sache orientiert). Die Vision ist ein Bild (deutlich länger, inspirierend und emotional, verbal kommuniziert; S. 118ff).
  • Malphurs ist super praktisch unterwegs. Er nimmt in sein Werk Beispiele anderer Gemeinden auf (in einem Anhang werden die core values verschiedener Gemeinden aufgelistet) und analysiert sie im Verlauf seiner Ausführungen.
  • Malphurs erklärt, wie Leiter dieses Modell der Kirchenentwicklung in ihrem lokalen Kontext anwenden können. Im Anhang finden sich einige Analyse-Tests.
  • In dem Buch findet sich ein Stichwortverzeichnis.
  • Malphurs hat selbst viele Jahre Erfahrung (über vier Jahrzehnte) im pastoralen Dienst bzw. der Gemeindeberatung und das spürt man ihm ab. Hier schreibt einer, der Ahnung hat.

Dislikes: Was ich kritisch sehe

  • Wer ‚moderne‘ Konzepte beschreibt und sie dann mit der Bibel absichern möchte, begibt sich auf ein hermeneutisches (Hermeneutik ist die Kunst der Auslegung von Texten, Bildern usw.) Minenfeld. Das kann nur gelingen, wenn wir die Zeit, Inhalte und Kultur biblischer Texte gründlich berücksichtigen. Deshalb wäre ich z. B. vorsichtig, die beschriebene Praxis der Jerusalemer-Gemeinde in Apostelgeschichte 2,42-47 als die „core values“ auszurufen (S. 186). Ich bezweifle doch stark, dass das moderne Konzept der Werte so ohne Weiteres auf die biblischen Texte übertragen werden kann. Noch zweifelhafter erscheint es mir, wenn Malphurs beschreibt, dass diese Werte den Jerusalemer Christen geholfen haben, durch Zeiten der Veränderung der Gemeindearbeit erfolgreich zu navigieren (z. B. in Apg 6,1-7; vgl. S. 21). Aber Apg 6,1ff wirkt ja geradezu reaktionär: Erst ein Konflikt führt zu einer neuen Praxis. Und wenn Evangelisation (evangelism) einer der Kernwerte der Gemeinde war, warum bekommt man den Eindruck, dass erst die Verfolgung zur Ausbreitung des Evangeliums in Judäa und Samarien führt (vgl. Apg 8,1.4: „Die nun zerstreut worden waren, zogen umher und predigten das Wort“).
  • An manchen Stellen wirken die Ausführungen von Malphurs exegetisch schmal und nicht umfassend genug. Z. B. misst der Autor dem sog. Missionsbefehl eine große Bedeutung bei. Für ihn muss sich der Auftrag der Gemeinde (Mission) am Missionsbefehl ausrichten (vgl. S. 64-66). Da wundert es schon ein wenig, dass z. B. das größte Gebot nicht ebenfalls in einem Zug genannt wird. Natürlich gibt es hier auch überzeugende Beispiele – Anschaulich wird die Bedeutung einer Vision anhand von Exodus 3,7-8 erläutert (S. 101f). Alles in allem bleiben die exegetischen Ausführungen ausbaufähig.

Malphurs hat für Leiter und Pastoren ein praktisches, händelbares und relevantes Modell vorgelegt. Bei aller Kritik sind seine Ausführungen eine enorme Hilfe, wenn man in der Leitungsverantwortung von Organisationen, Unternehmen und Kirchengemeinden steht.

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