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Winterhoff 2008 – Warum unsere Kinder Tyrannen werden

Winterhoff, Michael (2008): Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: die Abschaffung der Kindheit. Gütersloh: Gütersloher Verl.-Haus.

#10/2019

Bewertung 8Innovationsgrad 6
Relevanz 10
Stil 9

In der bereits in die Jahre gekommenen Veröffentlichung beschreibt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Wesentlichen drei Beziehungsstörungen, die zwischen Eltern und ihren Kindern entstehen können: 1) Partnerschaftlichkeit, 2) Projektion und 3) Symbiose. Der Schreibstil ist einfach gehalten. Der Arzt schafft durch diverse Fallbeispiele eine Praxisnähe, so dass auch Wenig-Lesern dieses Buch gefallen könnte.

1. Partnerschaftlichkeit

Das normale Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ist ein hierarchisches (S. 94). In unserer Familie haben wir früher aus Spaß gesagt: „Eltern sind die Bestimmer.“ Dabei geht es um eine Grundhaltung und ein gelebtes Rollenverständnis.

In einer partnerschaftlichen Beziehung zwischen Eltern und Kindern werden diese hierarchische Grundhaltungen aufgelöst. In einem Beispiel über eine Mutter und ihren Sohn schreibt Winterhoff: „Sie akzeptiert ihr minderjähriges Kind als Partner an ihrer Seite, weil sie nicht mehr fähig ist, intuitiv ihre Position als Erzieherin wahrzunehmen, sondern vernunftgemäß versucht, dem Jungen eine Reife zuzugestehen, die er in seinem Alter noch gar nicht haben kann“ (S. 95). Wer seine Kinder partnerschaftlich erzieht, sieht seinen Zögling als ein Gesprächspartner auf Augenhöhe. Bei einem solchen Erziehungsstil wird Kindern eine Unmenge an Erklärungen gegeben, sie werden nach ihrer Meinung zu allen möglichen Themen befragt und in die „Erwachsenenwelt eingebunden“ (S.113).

2. Projektion

Das ist eine spannende These, die Winterhoff folgendermaßen entfaltet: a) Die Rahmenbedingungen der modernen Gesellschaft sind zunehmend komplex und undurchsichtig. Der Erwachsene wird in die Rolle eines Bedürftigen hineingedrängt (z. B. bei der Einrichtung eines Telefonanschlusses, S. 113-115). b) Erwachsene erleben aufgrund dessen zunehmend Defizite in den Feldern Orientierung, Anerkennung und Sicherheit. „Es stellt sich ein Verlorenheits- und Isolationsgefühl ein“ (S. 115). c) Solche (bedürftigen und unsicheren) Eltern geraten in die Rolle, dass sie ihre Kinder „zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse benötigen“ (S. 116). Normallerweise müssten die Eltern eine Projektionsfläche für ihre Kinder bieten. Hier wird es aber umgedreht. Respekt und Anerkennung sollten sich Erwachsene in der Erwachsenenwelt holen. Die ständige Überforderung verleitet die Erwachsenen, diese Anerkennung sich bei ihren Kindern zu holen. Das kann sich auch bei Erziehern und Lehrern zeigen – die Pädagogen nutzen dann die anvertrauten „Kinder als Projektionsfläche, um ihre eigenen Defizite zu kompensieren“ (S. 166). Zwei Folgerungen zeigen sich dann: a) „Das Kind dient als Messlatte dafür, wie gut ich bin.“ / b) „Das Kind dient dazu, dass ich geliebt werden kann“ (dies kann für Eltern aber auch Pädagogen gelten, S. 117). In der Projektion findet also eine Machtumkehr statt – „der Erwachsene begibt sich auf die Ebene unter das Kind, wird bedürftig, und das Kind ist plötzlich für die Bedürfnisbefriedigung zuständig“ (S. 134).

3. Symbiose

Bei der schwerwiegendsten Beziehungsstörung „fällt endgültig die Wahrnehmung des Kindes als Kind weg. Es kommt zur Verschmelzung der elterlichen Psyche mit der kindlichen…“ (S. 134). Winterhoff macht es an der Umschreibung deutlich, dass er die „Nervenzelle Mensch“ nennt. Kleinkinder nehmen ihre Umwelt zunächst nur in Gegenständen war, d.h. ein Stuhl kann geschoben, umgekippt, gekratzt werden usw. Auch andere Menschen erscheinen für das Kind zunächst einmal wie Gegenstände. Einen Unterschied zwischen einem Stuhl und einem Menschen gibt es bis auf Weiteres nicht. Das ändert sich erst dann, wenn sich Menschen in der Umgebung des Kinders als abgegrenzt präsentieren, ihm Widerstand entgegensetzen usw. Das Kind erkennt – der Stuhl „wehrt“ sich nicht, Menschen lassen sich nicht ohne Weiteres steuern wie ein Stuhl. Es entsteht die „Nervenzelle Mensch“ (S. 136f).

Ein anderes Beispiel: Wenn während eines Gespräch ein Juckreiz an meinem Arm entsteht, erkenne ich es als einen eigenen Impuls, speichere diesen Impuls jedoch kaum ab – er ist für mich unwichtig, da es ein Impuls aus meinem eigenen Körper ist. Wenn aber während eines Gespräch jemand anders auf die Idee kommt, mich am Arm zu kratzen, würde ich das sehr wohl registrieren, im Gehirn abspeichern und sicherlich sogleich thematisieren (Wut und Abwehrreaktion). In einer symbiotischen Beziehung wird das Kind durch die Eltern nicht mehr als Fremdimpuls wahrgenommen (S. 141f). Das kann dazu führen, dass Kinder ihre Eltern – während diese mit einem anderen Erwachsenen im Gespräch sind – beklettern, an der Hand ziehen, schlagen usw. Die normale Reaktion wäre, dass Eltern abgegrenzt reagieren und zu einer Abwehrreaktion ansetzen. Erwachsene in einer symbiotischen Beziehung erkennen diese Einwirkungen des Kinder aber nicht als Fremdimpulse, sondern als Eigenimpulse, die sie kaum registrieren (S. 142).

Was ich besonders spannend fand!

Während die drei Beziehungsstörungen schon sehr eindrücklich sind, hat mich an Winterhoffs Buch seine dahinterliegende These inspiriert. Im Kapitel „Die gestörte Gesellschaft“ fragt sich der Autor, wie es dazu kommt, dass Eltern in unserer Gesellschaft zu diesen Beziehungsstörungen neigen. Hier seine These: a) Der stets steigende Wohlstand führt zur Ziel- und Sinnlosigkeit des Alltags. b) Hinzu kommen die steigende Überforderung und Komplexität. c) Und das führt dann dazu, dass Sinn und Bedeutung im Übermaß in den eigenen Kindern gesucht werden. „Der Wegfall von ‚Sinn vollen‘ Zukunftszielen der Elterngeneration, die Übersättigung an sich selbst bedingen bereits ein Fokussieren auf die eigenen Kinder als Hoffnungsträger einer neuen Generation und als Sinnbild von Zukunft“ (S. 176).

Das erinnert mich an eine ähnliche Gleichung, die der katholische Religionssoziologe Paul M. Zulehner in Bezug auf die ehelichen Liebesbeziehungen geäußert hat: Der Verlust der Transzendenz (also eines höheren übernatürlichen Sinns) führe dazu, dass diese Lücke auf den eigenen Partner projiziert wird. Mein Partner soll das ausgleichen, was in früheren Generationen nur ein Gott ausgleichen konnte (vgl. dazu auch Tim Keller, der ).

M. Winterhoff stellt eine ähnliche These auf: Der Wohlstand hat uns den Sinn nach etwas Bedeutungsvollen geraubt. Es fehlt der Sinn für etwas Großes und Erhabenes. Diese Lücke wird (unbewusst) geschlossen, in dem Kinder in eine Rolle gedrängt werden, die den bedürftigen Erwachsenen wieder Sinn und Bedeutung vermitteln sollen.

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