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Heiler 1987 – Sadhu Sundar Singh

Heiler, Friedrich (1987): Sadhu Sundar Singh. Ein Apostel d. Ostens u. Westens. Bietigheim: Turm-Verl.

#9

Bewertung 10

Relevanz 10
Stil 9

Der Religionswissenschaftler Friedrich Heiler hat eine ausgesprochen erkenntnisreiche Biographie über eine herausragende Figur indischer Frömmigkeit vorgelegt. Dabei hatte Heiler von Anfang an eine Ausgewogenheit angestrebt, die vertrauenserweckend ist: „Meine Darstellung des Sadhu wollte im Gegensatz zu all diesen Verfassern [Es gibt eine Reihe anderer Biographie-Versuche über Sadhu Sundar] nicht das Subjektiv-Absonderliche in seinem äußeren und inneren Leben, sondern das Objektiv-Allgemeingültige an der Botschaft des Sadhu erfassen“ (S. XII).

Nachdem Heiler in die „Mutterreligion“ des Sadhu einführt, stellt er seinen Lebensweg dar und anschließend werden in systematischer Form Sundar Singhs religiöses Leben, seine religiöse Vorstellungswelt (eine Art systematische Theologie) und seine Bedeutung für das Christentum in Indien und insgesamt dargestellt.

Was mir an der Biographie gefällt?

  • Heiler ist deutscher Theologe evangelischer Prägung. Er ist stets bemüht, die herausragende Persönlichkeit des Sadhu in das allgemeine Christentum einzuordnen. Seine Ausgewogenheit und Reflektion lassen erkennen, dass hier einer schreibt, der nicht einen christlichen Star pushen möchte, sondern das Wirken Gottes im Leben des Sadhu darzustellen sucht.
  • Heiler hat eine herausragende Quellenarbeit geleistet. Zudem ist er Kenner des Hinduismus und des Kultus der Sikh.
  • Heiler lässt in weiten Teilen Sundar Singh selbst zu Wort kommen. Damit erhält der Leser einen authentischen Einblick in die Persönlichkeit des ‚Heiligen‘ (‚Sadhu‘ bedeutet „heiliger Mann“, „Heiliger“, „Asket“ auf Sanskrit).

Meine inhaltlichen Highlights

  • Auf S. 27ff setzt sich Heiler mit der wundersamen Bekehrung des Sadhu auseinander und stellt fest, dass die moderne Religionswissenschaft übernatürliche Phänomene nur „natürlich-psychologisch“ deutet. In den Ausführungen wird deutlich, dass die westliche Theologie ein eingeschränktes Welt- und Menschenbild pflegt. Ihr fehlt das Empfinden für die übernatürliche Wirklichkeit, was Menschen in Indien ganz natürlich in ihr Leben integrieren. Sie haben eine Antenne dafür, die westlichen Menschen/Christen natürlicherweise fehlt (S. 30).
  • „Der innere Friede“ war die tragende Erfahrung des Sadhu in seinem Leben. Trotz einer immensen Frömmigkeit findet er den Frieden erst, als Christus ihm begegnet (S. 24-27; 95-99).
  • Sundar Singh war ein Mann des Gebets und hat eine faszinierende und inspirierende Gebetstheologie entfaltet. Gebet ist für ihn die tragende Säule des geistlichen Lebens. „Das Gebet ist gleichsam der Atem, die Muttermilch der Seele“ (S. 77).
  • Sundar Singh hat in seiner Verkündigung oft einfache Gleichnisse verwendet. Das hat seine Wirkung der Kommunikation verstärkt.
  • Es ist spannend zu lesen, wie Singh die westliche Christenheit bewertet. Und dabei kann er in seiner Zeit nicht viel Gutes erkennen.

Für mich war es erhellend, einen deutschen Theologen zu lesen, der sich mit der Spiritualität des Sundar Singh auseinandersetzt. Dabei kommt indirekt auch die ganze Bürde der westlichen Theologie zur Sprache (z. B. der Glaube an Wunder, die Offenbarungswirklichkeit Gottes usw.). Insofern ist diese Biographie nicht nur wegen der Persönlichkeit des Sundar Singh interessant, sondern vermittelt indirekt auch einen Teil der deutschen Theologiegeschichte. F. Heiler macht ihr hier einen ausgesprochen guten Job.

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