Publikationen

Meine Interpretation der Lebensregeln von Heinrich Spaemann

Heinrich Spaemann (1903-2001), katholischer Priester und Schriftsteller

Heinrich Spaemann, Vater des bekannten und letztes Jahr verstorbenen Philosophen Robert Spaemann, hat eine besondere Vita vorzuweisen: In einer evangelischen Familie geboren, Austritt aus der Kirche, Heirat und Eintritt in die katholische Kirche, allzu früher Tod seiner Ehefrau mit 32 Jahren (1936), Studium der katholischen Theologie, 1942 Weihung zu Priester (Sein Sohn Robert wurde daher im häuslichen Umfeld als „Sohn vom Kaplan“ bezeichnet), diverse Veröffentlichungen über Kirche und Politik seit 1950.

Ungefähr 1989 veröffentlichte Spaemann Lebensregeln für jeden Christen aus der Sicht des Alters (im Alter von 86 Jahren), die ich von Pfarrer Dr. Johannes Holdt kommentiert entdeckt habe. Ich möchte die für mich relevanten Lebensregeln Spaemanns hier aufführen und aktualisieren.

1. Erstwichtiges nicht länger an die zweite Stelle setzen.

„…Erstwichtig ist unsere Verbundenheit mit Gott. Sie soll durch den Tod hindurch die bleibende Wirklichkeit für mich werden. Das hängt mit davon ab, dass ich Gott hier und jetzt schon den ersten Platz in meinem Denken, Reden und Verhalten einräume. Darum z.B. den Tag mit Gebet beginnen, nicht mit der Zeitung oder anderem. Und mit Gebet durchdringen! Ziel: Nichts ohne Verbundenheit mit Gott.“

Die ersten Momente des Tages sind zentral. Ich bin (mittlerweile) versucht, über mein Smartphone den Posteingang zu checken oder die 3-5minütige Zusammenfassung eines Champions League anzuschauen. Das führt – nach gegenwärtiger Beobachtung – zur Ablenkung.

>Achte in deiner Morgenroutine auf deine ersten Handlungen. Die Andacht und das Gebet sollten kompromisslos und konsequent gesucht werden. Getreu dem Spruch von J. W. v. Goethe: „Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande.“

2. Den Mut haben, Gott immer und überall zu danken; vertrauen, dass die Vaterliebe Gottes alles verantwortet, was mir begegnet, das Schöne und Wohltuende, aber auch Leid und Ungemach.

Dankbarkeit ist eine eingeübte Handlung (Tugend), kein Gefühl, das einen spontan von oben überfällt. Dankbarkeit kann erlernt werden. Und eine dankbare Haltung ist der Wille Gottes (1Thess 5,18)!

>Rechne damit, dass Gott gütiger, barmherziger und freundlicher zu DIR ist als zu es jemals gewagt hast zu denken. Seine Güte, Barmherzigkeit und Gnade übersteigt meine Vorstellungen!

3. Sorge tragen, dass das vordergründige Vielerlei im Leben nicht überhandnimmt, sondern abnimmt.

„…Das materielle wie das geistige Konsumangebot unserer Zeit ist übergroß. Auswählen, sich beschränken, besonders wenn es ums Fernsehen, um Radio, Zeitschriften und Zeitungen geht. Gefahr ist, dass man die Mitte verliert, statt zu ihr hinzufinden. Vieles lassen, das führt zur Gelassenheit.“

Wenn ich dem Informatiker Cal Newport Glauben schenke, dann ist das in unserer Zeit besonders auf den digitalen Minimalismus (z. B. digital minimalism and God) und das fokussierte Arbeiten (Deep work) zu beziehen.

>(Digitaler) Verzicht und Fokussierung führen zur Freiheit und Gelassenheit. Kämpfe mit aller Willenskraft dafür.

4. Bescheiden und anspruchslos sein. „Eng ist die Tür, die ins Leben führt“. Nur Leute ohne Gepäck, Kinder und Arme kommen durch diese Tür.

„…Darum nicht reicher, sondern lieber ärmer werden wollen, gerne herschenken, was man selber nicht mehr nötig braucht. Sich auch gern beschenken lassen, jedoch nichts bloß für sich behalten wollen. Was man nicht loslassen will, damit kommt man nicht durch. Das hindert den Eingang durch die enge Tür. Und die Linke nicht wissen lassen, was die Rechte tut.“

>Tipp, der auch wirtschaftliche Vorteile bringt: Verkaufe alles, was du nicht mehr benötigst – eBay-Kleinanzeigen ist da eine super Plattform. Herrsche über die Dinge und lass dich nicht von den Dingen einlullen.

5. Sich nicht ängstlich sorgen und sichern. Gott die Zukunft überlassen.

„…An den Mann denken, der reiche Erträge gehabt hat und nur auf eine sichere Kapitalanlage für sich und seine Sippe bedacht ist, und dem Gott in seine Überlegungen hinein sagen muss: „Du Narr, in dieser Nacht noch wird man deine Seele von dir fordern!„(Lk 12, 16-21). Sich mit dem „ungerechten Mammon“ Freunde verschaffen, die einen in die ewigen Wohnungen aufnehmen (Lk 16,9).“

6. Sich in der Nähe des Gekreuzigten halten. Das Kreuzzeichen ist Nachfolgezeichen!

„…Sich nicht verbittern oder empören lassen, wenn man weniger beachtet, übergangen oder mit zunehmendem Alter auch vergessen wird. Sich nicht ärgern, wenn bestimmte Wünsche oder Vorstellungen nicht erfüllt oder von andern durchkreuzt werden. Sich sagen: das ist Schulung und Prüfung im Christsein. Du hast sie nötig. Durch die Teilnahme an Jesu Leiden erfährt man erst die Kraft seiner Auferstehung.“

>Beherzige Phil 3,10: Kraft und Leidensbereitschaft – das ist der Weg Christi. Warum wünschst du ein leidfreies Leben, das dein Meister nie hatte? Leiden führt uns in die Tiefe, formt aber die Persönlichkeit.

7. Wachen über ein zartes Gewissen. Sich selbst keine Unaufrichtigkeiten oder Lieblosigkeiten durchgehen lassen. Sie aufrichtig zu bereuen suchen. Gott schenkt immer wieder den Neubeginn in Lauterkeit.

>1Joh 1,5-2,6 lädt zu einem authentischen Lebensstil aus regelmäßiger Buße und Erneuerung ein. Achte auf eine Ehrlichkeit vor Gott und baue auf seine Gnade. Sei aber kompromisslos, wenn es um dein Gewissen (vor Gott) geht.

8. Maria lieben und ehren. Jesus gab sie uns zur Mutter. Die evangelische Perspektive: Vorbilder suchen und sich an ihnen orientieren.

>Suche aktiv nach Vorbildern, lies ihre Bücher oder interviewe sie regelmäßig, wenn sie in deiner Nähe sind.

Kommentar verfassen