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Achtung: Individualismus in den Psalmen

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Schon lange habe ich den Eindruck, dass neuere christliche Songs die individualistische Seite des Glaubens bzw. der Spiritualität (zu) stark betonen. Ich bewerte dies so, weil nach meinem Bauchgefühl das Personalpronomen der ersten Person Singular (ich, meiner, mir, mich) inflationär gebaucht wird. Es wäre reizvoll, hier eine empirische Untersuchung mit Hilfe der Korpuslinguistik vorzunehmen – also, ein schönes Unterfangen für alle, die im Kontext Theologie und Musik eine Doktorarbeit schreiben möchten.

Dieser Hang zur individualistischen Deutung wird ja in der Auslegung der Bibel nicht abgelegt. Daher sind die Ausführungen von Beat Weber goldwert:

Ergänzend dazu sind einige Überlegungen zu den Kategorien “Individualität” und “Kollektivität” angebracht. In den Psalmen finden sich “Ich”- als auch “Wir”-Formulierungen. Entsprechend werden Gattungen und Ausdrucksformen einer Einzelperson oder einem Kollektiv (Gruppe, Volk) zugeordnet. Auch diesbezüglich finden sich aber “Mischungen” in ein-und-demselben Psalm. Hinzu kommt, dass wo der König als “Ich” spricht, liegt Kategorie sui generis vorliegt, denn dieser steht und spricht in besonderem Status. Individualpsalmen sind in der Überzahl. Der Sachverhalt ist allerdings komplex: Zum einen stellt sich – auch aufgrund der Überschriften – die Frage, ob irgendein individuelles “Ich”, ein Repräsentant des Volkes oder aber der König spricht bzw. als (Erst-)Sprecher gemeint ist. Zum andern kann der Befund unter den Bedingungen der Moderne leicht fehlinterpretiert werden. Anders nämlich als in der Neuzeit, wo das Individuum bzw. die Indvidualität stark betont ist und vom Einzelnen zum Kollektiv hin gedacht wird (additives Denken), ist das damalige Gefälle umgekehrt (partitive Vorstellung): Israel als Volk ist auserwählt und (primärer) Bündnispartner Gottes. Der Einzelne ist Teil seines Volkes; entsprechend ist seine Gottesbeziehung weniger “genuin” als durch dieses “vermittelt”. Ähnliches gilt für das Beten mit bzw. im Anschluss an David, den König. Angesichts der ganz anderen geistesgeschichtlichen und religiös-kulturellen Lage geschieht der Nachvollzug der Psalmen heute – jedenfalls in westlichen Gesellschaften – in einer exklusiver gefassten “Ich-Du”-Beziehung zwischen Mensch und Gott. Dies ist nahezu unumgänglich, und dagegen ist auch nichts einzuwenden. Gleichwohl ist der Vorrang des Kollektiven vor dem Individuellen in der Herkunftssituation der Psalmen zu bedenken und dadurch die Gefahr von überpersonalisierender Vereinnahmung der Psalmen kritisch im Blick zu behalten.

Weber, B., 2010. Werkbuch Psalmen: Theologie und Spiritualität des Psalters und seiner Psalmen, Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, S. 57f.

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