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Keller 2018 – Adam, Eva und die Evolution

Keller, Timothy (2018): Adam, Eva und die Evolution. Wie Bibel und Wissenschaft zusammenpassen. Giessen: Brunnen.

#8/2019

Die Debatte um das Verhältnis von Religion (Glaube) und Wissenschaft hat in den letzten 30 Jahren eine immense Breitenwirkung erreicht.1 Dabei hatte häufig die Religion das Nachsehen, nicht zuletzt deswegen, weil die Naturwissenschaftler um Richard Dawkins, Steven Weinberg, Peter Atkins, Lawrence Krauss usw. ihre Argumente besser dem Leser kommunizieren.2 Für die Klärung des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Religion ist es hilfreich, sich mit den unterschiedlichen Modellen aus der Forschungsgeschichte vertraut zu machen. Ian Barbour (1923-2013) hat hier vier Typen ausgemacht3:

  • Konflikt: Naturwissenschaftler und konservative Gruppen innerhalb des Christentums (und des Islam) sehen hier ein Entweder … oder. Die Wissenschaftler sind überzeugt, die gesamte Wirklichkeit durch Naturgesetze (naturalistische Gesetzmäßigkeiten) zu erklären. Metaphysische Phänomene liegen außerhalb von Wissenschaft. Die religiösen Vertreter wehren sich gegen den Einfluss der Wissenschaft, erklären die Entstehung der Welt allein durch die Bibel. Die Urknalltheorie und die Evolution werden abgelehnt. Eine harmonisierende Position nimmt hier das intelligent design ein, wo bei den evolutionsbiologischen Prozessen eine intelligente Wirkmacht (z. B. Gott) postuliert wird.
  • Komplementarität (oder Unabhängigkeit): Hier wird postuliert, dass die Wissenschaft und die Religion ihre jeweiligen eigenen Bereiche, Fragestellungen und Forschungsgebiete haben. Historisch ist diese Position auch durch die zunehmende Spezialisierung von Wissenschaft und Religion entstanden. Religion befasse sich mit spirituellen, persönlichem Erleben und der Moral des Einzelnen und der Gemeinschaft. Die Wissenschaft bemüht sich um ein Verstehen der physischen Gesetzmäßigkeit und der Natur. Kurzum: Die Wissenschaft stellt die Wie-Fragen (Wie ist das Universum entstanden?), die Religion die Warum-Fragen (Warum gibt es ein Universum?). Steve Jones illustrierte das Verhältnis einmal mit einem Kampf zwischen einem Hai und einem Tiger. Jedes der Tiere wäre in seinem Territorium der Sieger, aber im Territorium des Anderen hoffnungslos unterlegen.
  • Dialog: Hier wird ein kontinuierlicher Austausch zwischen Glaube und Wissenschaft gesucht und die Möglichkeit eines Diskurses überhaupt postuliert.
  • Integration: Glaube und Wissenschaft werden sporadisch und bewusst integriert, so z. B. bei T. F. Torrance mit Bezug auf „Natur und Gnade“ (vgl. Scholastik) und die positive Theologie der Offenbarung.

Wenn Timothy Keller ein Büchlein über diesen Themenkomplex herausbringt, dann bleibt er seinem eigenen „kellerschen Stil“ treu. Er stellt zwei sich entgegengesetzte Extrempositionen dar („Wen kümmern denn Bibel und Theologie?“ und „Wen kümmert denn die Wissenschaft?“4) und versucht einen vorsichtigen Weg der Harmonisierung anzubieten, der Aspekten der letzten drei oben genannten Typen entspricht.

Kellers wesentliche Thesen bzw. Ergebnisse sind:

  • Die Autorität der Heiligen Schrift gilt und ist zu respektieren (:16).
  • Die Autorität der Heiligen Schrift wird dann respektiert, wenn wir die biblischen Texte so zu verstehen suchen, „wie sie verstanden werden wollen. (…) Wir müssen auf sie hören und ihnen nicht unser Denken und unsere Agenda überstülpen“ (:16).
  • Bei Genesis 1 haben wir es mit einer „erhabenen Prosaerzählung“5, d. h. der Verfasser möchte nicht zwingend wörtlich verstanden werden (:20).
  • Der Glaube an die Evolution als Weltanschauung („konsequenter Naturalismus“) bzw. „Gesamttheorie aller Dinge“ ist abzulehnen und mit der christlichen Perspektive auf die Welt unvereinbar (:22-26).
  • Der Terminus „Evolution“ ist differenziert zu behandeln, so dass Christen durchaus von einer „Evolution als biologischem Prozess“ sprechen können (:25). Allein die Evolution als Welterklärungstheorie ist abzulehnen (:27).
  • Bei Annahme einer biologischen Evolution6 ist nach Keller an einer „wörtlichen“ Auslegung von Genesis 2 und 3 festzuhalten (:27f).
  • Genesis 2 und 3 lese sich eher wie ein Bericht, nicht wie eine Prosaerzählung, was natürlich nicht bedeutet, dass auch hier bildhafte Sprache verwendet wird (:29f).
  • Auch von Röm 5,12ff ist von einem historischen Adam und einer historischen Eva auszugehen (:31). Wer sie aber als historische Gestalten nicht interpretiert (z. B. C. S. Lewis :28), leugnet damit nicht zwangsläufig die Autorität der Schrift (:32).
  • Daher ist auch der Sündenfall ein historisches Ereignis (:35).
  • Fazit: Es ist durchaus möglich, die Autorität der Heiligen Schrift zu respektieren, die Evolution als biologischen Prozess anzunehmen und Adam und Eva für historische Personen zu halten (:37).

Keller erweist sich erneut als Theologe und Pastor, der sich darum bemüht, die Fragen unserer Zeit (z. B. wissenschaftliche Diskurse) mit den Fragen der Theologie (z. B. Stellenwert der biblischen Aussagen) ins Gespräch zu bringen. Sein Ansatz ist lesenswert, wegen der Kürze und des prägnanten Stils auch nicht überfordernd. Gleichwohl kann sein Büchlein nur ein erster Impuls sein, das Verhältnis von Wissenschaft und Glaube neu zu durchdenken und eine tragfähige und ausgewogene Verhältnisbestimmung anzustreben. Wer sich auf diese Reise begeben möchte, sollte aber m. E. nicht nur die jüngsten Beiträge der Wissenschaft berücksichtigen, sondern sich erneut – möglichst am Hebräischen orientiert – dem Text der heiligen Schrift in Genesis 1-11 zuwenden.

Fussnoten

  1. Gründe dafür nennt Fergusson, David (2018): Religion and science. The search for a likely story. In: Theology in Scotland 25 (2), S. 41f.
  2. Vgl. Fergusson 2018:42.
  3. Vgl. für das Folgende Fergusson 2018:42-47.
  4. Keller 2018:42
  5. Vgl. Collins, C. John (2006): Genesis 1–4. A linguistic, literary, and theological commentary. Phillipsburg: P & R Pub., S. 44.
  6. Keller bleibt hier bei der Erklärung dieses Konzepts nebulös.

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