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Frankl (1946)2010 – Und trotzdem Ja zum Leben sagen

Frankl, Viktor E. (2010): … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München: Kösel eBooks. Erstveröffentlichung: 1946.

#7/2019

Bewertung 9Innovationsgrad 8
Relevanz 10
Stil 10

Viktor E. Frankls Werk ist ein Klassiker der populären Psychologie-Literatur. In nur neun Tagen diktierte er knapp ein Jahr nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager (KZ) seine Erfahrungen und Erinnerungen1.

Frankl beschreibt drei Phasen, die Häftlinge im KZ durchgemacht haben, wobei die zweite Phase „Das Lagerleben“ den breitesten Raum einnimmt. Die erste Phase ist von einem Aufnahmeschock geprägt. Wer „das Gas“ überlebt hat, erfährt das Sterben aller Illusion, das Ganze könnte nur ein Alptraum sein, der bald ein Ende findet. Die Ausweglosigkeit der Situation und die nahezu stündliche Todesgefahr stellte die meisten Insassen in dieser Phase vor die Entscheidung, ob sie „in den Draht gehen“ und damit Selbstmord begehen (:51).

In der zweiten Phase beschreibt Frankl interessante und alltägliche Erfahrungen im Lager. Dabei kommt er auf Themen wie Sexualität2, das religiöse Empfinden3, Lagerhumor, Einsamkeit und innere Monologe usw zu sprechen. In der dritten Phase werden die mit der Entlassung verbundenen Herausforderungen geschildert, so z. B. der unsägliche Wunsch des Körpers nach Essen, was Frankl als „fressen“ bezeichnet (:194).

Frankl stellt heraus, dass Menschen das KZ seelisch dann überleben konnten, wenn sie sich an einem Ziel in der Zukunft ausrichtet habenn und zitiert F. Nietzsche: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ (:168).

Und Frankl entwickelt hier die Grundlagen seiner psychologischen Denkrichtung (Logotherapie), die im Sinn das zentrale Bedürfnis des Menschen sieht. Aber es ist bei Frankl ein anderes Fragen nach Sinn, wie es mancherorts in der gegenwärtigen Selbstmanagement-Literatur empfohlen wird:

Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, daß es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet! Zünftig philosophisch gesprochen könnte man sagen, daß es hier also um eine Art kopernikanische Wende geht, so zwar, daß wir nicht mehr einfach nach dem Sinn des Lebens fragen, sondern daß wir uns selbst als die Befragten erleben, als diejenigen, an die das Leben täglich und stündlich Fragen stellt – Fragen, die wir zu beantworten haben, indem wir nicht durch ein Grübeln oder Reden, sondern nur durch ein Handeln, ein richtiges Verhalten, die rechte Antwort geben. Leben heißt letztlich eben nichts anderes als: Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde (:170).

Frankls Werk ist vor allem wegen seines authentischen und persönlichen Stils lesenswert. Seine psychologischen Erkenntnisse verpackt er in die Erfahrungen des Lagerlebens und erzählt somit eine Geschichte. Und so bekommt der Leser eine Nähe und Unmittelbarkeit vermittelt, die auch nach Ende der Lektüre noch lange nachwirkt.

Fussnoten

  1. Strebel, Hanniel (2010): Viktor E. Frankl und die Zentralität der Sinnfrage. In: MBS Texte 7 (147), S. 5.
  2. Diese spielt aufgrund der mangelnden Grundbedürfnisse im Lager kaum eine Rolle, was als Seitenhieb auf S. Freud und A. Maslow man werten könnte
  3. „Das religiöse Interesse der Häftlinge, sobald und sofern es aufkeimt, ist das denkbar innigste.“ (:84).

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