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Eine tugendhafte Sprache entwickeln

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Wer andere Menschen prägen will, wird dies neben einem vorbild-haften Lebensstil mit sprachlichen Äußerungen tun. Wir alle tragen Sätze (positive wie negative) in uns, die andere Menschen in unserem Umfeld uns zugesprochen haben. Andere segnen – das wahrscheinlich am häufigsten gebrauchte Wort in Gebeten und Wünschen bei Christen – heißt ja nichts anderes als „jemand anderem Gutes zusprechen“.

Worte können ein Herz brechen oder einen Traum inspirieren.

Linda Kavelin Popov, Psychotherapeutin, Unternehmensberaterin und Ausbildungsleiterin in der Charakterentwicklung

Wer sich mit Charakterbildung von Kindern und Jugendlichen beschäftigt, wird also die Sprache bzw. die eigenen sprachlichen Äußerungen aktiv nutzen, um andere zu segnen resp. Gutes zusprechen. Teenager sind z. B. begierig darauf zu hören, wo ihre Talente und Begabungen liegen. Das gelingt dort gut, wo Eltern und Andere konkret und positiv ihre Wahrnehmung äußern und zusprechen: „Ich habe beobachtet, wie geschickt du den Hammer in deiner Hand hältst und einsetzt. Da erkenne ich handwerkliches Geschick bei dir.“

Exkurs: Manche Kinder werden in einer Umgebung groß, wo sie als ‚Problem‘ betrachtet werden. Das jüdisch-christliche Erbe hat anhand von Genesis 1-2 (u.a.) die Ebenbildlichkeit des Menschen postuliert, die vom Menschen selbst nicht errungen werden kann, sondern ihm von Gott zugesprochen wird (W. Härle). Nun ist die Ebenbildlichkeit – neben einigen funktionalen und relationalen Aspekten – auch eine ontologische Kategorie.1 Die Ebenbildlichkeit mit Gott führt in der davon geprägten pädagogischen Praxis dazu, dass Kinder als einzigartig, originell und individuell gesehen werden. Das prägt enorm die Haltung des Pädagogen zum Kind. Ontologische Aussagen führen aber nicht notwendigerweise dazu, dass das Kind in den Tugenden trainiert wird. Die Aussagen „Du bist einzigartig“, „Du bist ein Original“, „Du bist besonders“ sind wichtige Äußerungen für das Kind, aber sie prägen nicht notwendiger weise, vor allem dann nicht, wenn diese Zuschreibungen (für das Kind) abstrakt bleiben. Daher ist neben solchen ontologischen Zusagen für eine Charakterentwicklung entscheidend, dass das Verhalten des Kindes verbalisiert wird. Hier sind die allgemeinen Aussagen wie „Das hast du gut gemacht“ ein erster Anfang. Es wird aber darauf ankommen, dass dem Verhalten eine Sprache gegeben wird und dies kann durch die nachfolgende Methode gelingen.

Linda Kavelin Popov 2 und Annelies Wiersma 3 sehen die Sprache der Tugenden als eine der fünf Strategien zur Charakterbildung. Im Folgenden möchte ich diesen Ansatz in seiner praktischen Anwendung vorstellen. Die drei Niveau-Ebenen konzentrieren sich auf die Strategie ‚anerkenne und lobe die Tugenden, wenn ein Kind eine Tugend angewandt hat‘.4

1. Kreisliga – Niveau

Das Kreisliga-Niveau macht sich dort bemerkbar, wo die jeweilige Tugend überhaupt benannt wird. Das Kind bzw. der Jugendliche hört den jeweiligen Begriff und kann im besten Fall diesen abstrakten Begriff in Beziehung zu seinem Verhalten setzen.

Beispiel: Die Tochter erzählt ihrer Mutter, dass ihre Freundin A ihr ein aufregendes Geheimnis anvertraut hat. Etwas später war die Tochter versucht, dieses Geheimnis einer anderen Freundin B zu erzählen. Sie war kurz davor, hat es aber am Ende doch nicht getan. Die Mutter könnte dann sagen: „Da hast du Vertrauen bewiesen.“ Oder „Ich schätze deine Verschwiegenheit.“

Wer Charakter auf Kreisliga-Niveau bilden möchte, müsste sich mit den jeweiligen Tugenden vertraut machen. Viele Menschen werden hier schon ein ganzes Repertoire an Tugenden haben. Gleichwohl macht es durchaus Sinn, sich die Tugendkarten des virtues projects anzuschauen. Tugendübersichten weiten den Blick und ermöglichen, die einzelnen Verhaltensweisen genauer zu benennen. So sind z. B. Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit ähnliche Begriffe, aber im Allgemeinen wird man Ehrlichkeit vor allem auf sprachliche Äußerungen und Wahrhaftigkeit das integre Verhalten der gesamten Person beziehen.

Die Schwäche des Kreisliga-Niveaus liegt in der fehlenden Konkretisierung bzw. Benennung des jeweiligen und konkreten Verhaltens.

2. Bundesliga – Niveau

Das Bundesliga-Niveau hat jemand erreicht, der neben der Tugend auch das konkrete Verhalten beschreibt. Wichtig ist, dass tugendhafte Sprache sich stets am Verhalten, nicht am Sein der Person orientiert. Die Äußerung „Du bist fleißig“ ist zwar eine positive Zuschreibung, wirkt aber statisch. Es fehlt die Dynamik bzw. die Chance, die Handlung zu wiederholen.

Eine Äußerung in Bezug auf das Verhalten könnte dann so lauten: „Markus, du zeigst großen Fleiß. Du hast jetzt zwei Seiten der Englisch-Vokabeln in einem Zug wiederholt.“ Die Stärke dieser Äußerung liegt darin, dass hier die Tugend und gleichzeitig konkretes an Markus Verhalten geäußert wird, was der Sprecher sieht, schätzt oder bewundert. Markus erfährt, dass das ablenkungsfreie Wiederholen von Vokabeln etwas mit Fleiß zu tun hat und er kann problemlos die Handlung an einem anderen Tag wiederholen und diese mit der Tugend in Beziehung setzen. Die Reihenfolge kann freilich auch umgedreht werden, d. h. zuerst wird das Verhalten und dann die Tugend geäußert.

Andere Beispiele listet Wiersma auf:

  • Ich sehe, dass du geduldig warst, als du deinen kleinen Bruder angezogen hast.
  • Es war freundlich von dir, unserem Nachbarn zu helfen.
  • Du warst hilfsbereit, als du mit mir die Spülmaschine ausgeräumt hast.

3. Champions League – Niveau

Das Champions League erreicht, wer neben der Tugend und dem konkreten Verhalten und die Wirkung benennst, „die der Einsatz einer Tugend für dich oder andere hat“ 5. Z. B. „Ich schätze es, dass du mir so freundlich und geduldig geantwortet hast. Mir ist jetzt viel klarer, wie das Schloss funktioniert. Ich kann es jetzt selber öffnen. Danke!“ (:130).

Die Praxis der tugendhaften Sprache sensibilisiert dafür, die wahrgenommenen Tugenden im Alltag zu beobachten und diese neben dem konkreten Verhalten zu benennen. Es motiviert, das Verhalten von Menschen (nicht ihr Sein) zur Sprache zu bringen. In diesem Sinne ist es eine Tugend, andere Menschen in meinem Umfeld zu segnen.

Tugenden beim Leiten bzw. Lenken

Kindern wird oft erklärt, was sie nicht tun sollen. „Dadurch lenken wir sie genau auf ein Verhaltensmuster, von dem wir erreichen möchten, dass sie es vermeiden“.6 Hier geht es also darum, vor einer Übung (Gruppenarbeit, gemeinsamen Aktion usw.) für die Kinder das positiv zu formulieren, was wir von ihnen erwarten. Indem der Output mit einer Tugend verknüpft wird, wird die moralische und geistige Wahrnehmung der Kinder gefördert. Hier eignet es sich auch, über Fragen das gewünschte Verhalten von den Kindern selbst zu formulieren.7

  • Was wird euch bei unserem Schulausflug heute helfen, diese lange Busfahrt geduldig durchzuhalten?
  • Wenn ihr heute den Test schreibt, bitte denkt daran, aufeinander Rücksicht zu nehmen und ganz ruhig zu bleiben. Allein das Geräusch eines Bleistifts kann ablenken.
  • Alle, die bereit sind, rücksichtsvoll zu sein, heben bitte die Hand.

Tugenden bei Korrektur und Kritik einsetzen

Die Anleitung der Tugend geschieht vor dem Handeln, die Korrektur mittels einer Tugend erfolgt nach der Handlung und dient der Gewissensbildung.8. Durch die tugendhafte Sprache behandelt der Pädagoge das Kind mit Respekt und Würde.

  • Beispiel 19: Max, du bist so anstrengend. Ich benachrichtige deine Eltern. Du kannst Menschen nicht so behandeln. > Reflektion: Ontologische Aussage, Ermahnung wird negativ formuliert.
  • Beispiel 2: Max, du solltest friedlich sein. Wie kannst du anderen Kindern ein Freund sein, auch wenn du wütend bist? > Reflektion: Die Tugenden der Friedlichkeit und Freundlichkeit/Freundschaft werden genannt. Allerdings könnte die Frage das Kind auch überfordern, da Freundschaft und „wütend sein“ als zu großer Widerspruch empfunden werden könnten.

Theoretische Grundlegung

Der deutsche Begriff ‚Tugend‘ gibt den griechischen Begriff Arete nur unzureichend wieder. Arete ist das Abstraktnomen zum Adjektiv agathos („gut“). Demzufolge ist eher mit „Gutsein“, „Gutheit“ oder „Tauglichkeit“ zu übersetzen.10. Zudem kann die Arete auch auf Tiere und Gegenstände bezogen werden, insofern ist dann von Arete bei Menschen, Tieren bzw. Gegenständen die Rede, wenn sie auf optimale Art und Weise ihr eigentliches Bestimmungsziel (bei Aristoteles ergon) erfüllen11.

Die Tugend ist nach Aristoteles von reinen Affekten und angeborenen Fähigkeiten abzugrenzen12. „Man kann Menschen aber weder für Gefühle tadeln noch für natürliche Begabungen loben“.13 Tugenden sind jedoch Haltungen des Menschen und beziehen das Wollen des Menschen ein, so dass er ganz grundsätzlich für das eigene Handeln zur Verantwortung gezogen werden kann bzw. gelobt und getadelt werden kann (:223). Allein diese Prämissen ermöglichen erst eine tugendhafte Sprache. Deshalb ist beim Loben und Tadeln das Verhalten, nicht das Sein der Person zu verbalisieren.

Fussnoten

  1. Die m. E. überzeugendste Interpretation dieses Konzepts bietet Collins, C. John (2006): Genesis 1–4. A linguistic, literary, and theological commentary. Phillipsburg: P & R Pub., S. 61-67.
  2. Popov, Linda Kavelin (2014): Wege zur Charakterbildung. Tugenden und Lebensqualitäten für Kinder und Jugendliche; Ein praktischer Ansatz für Erzieher, Lehrer und alle, die Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung positiv unterstützen wollen. The Virtues Project. Jenbach: Shira Publishing.
  3. Wiersma, Annelies (2018): Kinder für das Leben stärken. Charakterbildung mit Tugenden: ACT on Virtues.
  4. Popov 2014:4f. Nach Popov wird die tugendhafte Sprache dann auch beim Leiten und/oder Üben einer Tugend und beim Korrigieren von Verhalten angewandt.
  5. Wiersma 2018:129
  6. Popov 2014:8.
  7. Folgende Beispiele nach Popov 2014:9.
  8. Popov 2014:9
  9. Beispiele finden sich bei Popov 2014:9.
  10. Vgl. Mayordomo, Moisés Marin (2008): Möglichkeiten und Grenzen einer neutestamentlich orientierten Tugendethik. In: ThZ 64 (3), S. 220.
  11. Mayordomo 2008:221.
  12. EN II 4 1105b-1106a; vgl. Mayordomo 2008:222.
  13. Mayordomo 2008:222f.

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