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Eine tugendhafte Sprache entwickeln

Wer andere Menschen prägen will, wird dies neben einem vorbild-haften Lebensstil mit sprachlichen Äußerungen tun. Wir alle tragen Sätze (positive wie negative) in uns, die andere Menschen in unserem Umfeld uns zugesprochen haben. Andere segnen – das wahrscheinlich am häufigsten gebrauchte Wort in Gebeten und Wünschen bei Christen – heißt ja nichts anderes als „jemand anderem Gutes zusprechen“.

Wer sich mit Charakterbildung von Kindern und Jugendlichen beschäftigt, wird also die Sprache bzw. die eigenen sprachlichen Äußerungen aktiv nutzen, um andere zu segnen resp. Gutes zusprechen. Teenager sind z. B. begierig darauf zu hören, wo ihre Talente und Begabungen liegen. Das gelingt dort gut, wo Eltern und Andere konkret und positiv ihre Wahrnehmung äußern und zusprechen: „Ich habe beobachtet, wie geschickt du den Hammer in deiner Hand hältst und einsetzt. Da erkenne ich handwerkliches Geschick bei dir.“

Linda Kavelin Popov 1 und Annelies Wiersma 2 sehen die Sprache der Tugenden als eine der fünf Strategien zur Charakterbildung. Im Folgenden möchte ich diesen Ansatz in seiner praktischen Anwendung vorstellen.

1. Kreisliga – Niveau

Das Kreisliga-Niveau macht sich dort bemerkbar, wo die jeweilige Tugend überhaupt benannt wird. Das Kind bzw. der Jugendliche hört den jeweiligen Begriff und kann im besten Fall diesen abstrakten Begriff in Beziehung zu seinem Verhalten setzen.

Beispiel: Die Tochter erzählt ihrer Mutter, dass ihre Freundin A ihr ein aufregendes Geheimnis anvertraut hat. Etwas später war die Tochter versucht, dieses Geheimnis einer anderen Freundin B zu erzählen. Sie war kurz davor, hat es aber am Ende doch nicht getan. Die Mutter könnte dann sagen: „Da hast du Vertrauen bewiesen.“ Oder „Ich schätze deine Verschwiegenheit.“

Wer Charakter auf Kreisliga-Niveau bilden möchte, müsste sich mit den jeweiligen Tugenden vertraut machen. Viele Menschen werden hier schon ein ganzes Repertoire an Tugenden haben. Gleichwohl macht es durchaus Sinn, sich die Tugendkarten des virtues projects anzuschauen. Tugendübersichten weiten den Blick und ermöglichen, die einzelnen Verhaltensweisen genauer zu benennen. So sind z. B. Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit ähnliche Begriffe, aber im Allgemeinen wird man Ehrlichkeit vor allem auf sprachliche Äußerungen und Wahrhaftigkeit das integre Verhalten der gesamten Person beziehen.

Die Schwäche des Kreisliga-Niveaus liegt in der fehlenden Konkretisierung bzw. Benennung des jeweiligen und konkreten Verhaltens.

2. Bundesliga-Niveau

Das Bundesliga-Niveau hat jemand erreicht, der neben der Tugend auch das konkrete Verhalten beschreibt. Wichtig ist, dass tugendhafte Sprache sich stets am Verhalten, nicht am Sein der Person orientiert. Die Äußerung „Du bist fleißig“ ist zwar eine positive Zuschreibung, wirkt aber statisch. Es fehlt die Dynamik bzw. die Chance, die Handlung zu wiederholen.

Eine Äußerung in Bezug auf das Verhalten könnte dann so lauten: „Markus, du zeigst großen Fleiß. Du hast jetzt zwei Seiten der Englisch-Vokabeln in einem Zug wiederholt.“ Die Stärke dieser Äußerung liegt darin, dass hier die Tugend und gleichzeitig konkretes an Markus Verhalten geäußert wird, was der Sprecher sieht, schätzt oder bewundert. Markus erfährt, dass das ablenkungsfreie Wiederholen von Vokabeln etwas mit Fleiß zu tun hat und er kann problemlos die Handlung an einem anderen Tag wiederholen und diese mit der Tugend in Beziehung setzen. Die Reihenfolge kann freilich auch umgedreht werden, d. h. zuerst wird das Verhalten und dann die Tugend geäußert.

Andere Beispiele listet Wiersma auf:

  • Ich sehe, dass du geduldig warst, als du deinen kleinen Bruder angezogen hast.
  • Es war freundlich von dir, unserem Nachbarn zu helfen.
  • Du warst hilfsbereit, als du mit mir die Spülmaschine ausgeräumt hast.

3. Champions League – Niveau

Das Champions League erreicht, wer neben der Tugend und dem konkreten Verhalten und die Wirkung benennst, „die der Einsatz einer Tugend für dich oder andere hat“ 3. Z. B. „Ich schätze es, dass du mir so freundlich und geduldig geantwortet hast. Mir ist jetzt viel klarer, wie das Schloss funktioniert. Ich kann es jetzt selber öffnen. Danke!“ (:130).

Die Praxis der tugendhaften Sprache sensibilisiert dafür, die wahrgenommenen Tugenden im Alltag zu beobachten und diese neben dem konkreten Verhalten zu benennen. Es motiviert, das Verhalten von Menschen (nicht ihr Sein) zur Sprache zu bringen. In diesem Sinne ist es eine Tugend, andere Menschen in meinem Umfeld zu segnen.

Fussnoten

  1. Popov, Linda Kavelin (2014): Wege zur Charakterbildung. Tugenden und Lebensqualitäten für Kinder und Jugendliche; Ein praktischer Ansatz für Erzieher, Lehrer und alle, die Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung positiv unterstützen wollen. The Virtues Project. Jenbach: Shira Publishing.
  2. Wiersma, Annelies (2018): Kinder für das Leben stärken. Charakterbildung mit Tugenden: ACT on Virtues.
  3. Wiersma 2018:129

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