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Gott erfahren – aber wie?

Es ist heute nicht möglich, ohne Weiteres von einer Gotteserfahrung zu sprechen. Es herrscht ein „systematisches Mißtrauen gegenüber jeder Rede, die den Anspruch erhebt, in einfache Begriffe zu übersetzen, was für das menschliche Leben endgültig richtig und radikal entscheidend ist. Das Resultat dieser Kritik ist, daß all unsere Ideen von Gott ausgetrocknet sind“ 1.

Diese Krise wird aber nicht überwunden, indem hier einfach ein anderes Gottesbild dazu setzt. „Man bekämpft Gottesbilder nicht mit anderen Bildern“ (:46). Vielmehr ist anzuraten, „von einer ursprünglicheren und tieferen Dimension aus zu denken“ (:46).

Nimmt man die Transzendenz Gottes an, so bestehe die Gefahr, dass der alles übersteigende Gott als ein Gott über der Welt oder außerhalb der Welt dargestellt wird. „Ein Gott ohne Welt“ (:47). Erwartet man im Gegensatz zur Mystik ein Erfahren Gottes über die Vernunft, so ist die Folge, dass alles, was der Vernunft entgeht, zum Geheimnis erklärt wird. „Ein Gott außerhalb der Welt kann nicht Erfahrungsgegenstand sein“ (:47). Glauben wäre dann nämlich einfach, „einigen Wahrheiten über Gott zustimmen, aber nichts von ihm wahrnehmen und dabei der Tatsache vergessen oder verkennen, daß es für das Festhalten an Gott ein möglichst totales Loslassen unserer Ideen und Vorstellungen über ihn braucht“ (:47). Die Folge dieser Grundhaltung ist ein Dualismus: „Auf der einen Seite die Erfahrung des Lebens und der Welt. Auf der anderen Seite die Zustimmung zu einigen abstrakten Wahrheiten über Gott“ (:48). Dazwischen gibt es keine Verbindung.

Die Verkündigung eines weltlosen Gottes hat schließlich einen gottlosen Welt den Weg geebnet.

Boff, Leonardo (1985): Zeugen Gottes in der Welt. Ordensleben heute. Zürich, Einsiedeln, Köln: Benziger, S. 49.

Bei der Grundhaltung der Immanenz ist Gott derjenige, der „uns immer näher ist, als wir uns selber sind“ (:49). Dies wird zum Problem, wenn wir unsere Gegenwart völlig mit Gott identifizieren. „Eine solche Vorstellung erlaubt der Welt nicht, Welt zu sein. Sie läßt einer rein menschlichen Geschichte keinen Platz“ (:50). Gott ist hier nichts anderes als eine Erscheinung der Welt. Deshalb: „An die Stelle einer epiphanen Vorstellung, die Gott als Phänomen in der Welt sieht, muß eine theologische Vorstellung treten. Gott ist in der Welt, aber er übersteigt sie auch“ (:50f). Das Kritische liegt darin, dass man hier Gott als eine Kategorie menschlicher Macht, Gerechtigkeit und Liebe ansieht (:51). Dieses anthropomorphe Gottesbild ist zu überwinden.

Die Transparenz der Welt – Weg zur Erfahrung des lebendigen Gottes

Bei der Transzendenz bejahte man Gott, verneinte aber die Welt. In der Immanenz-Vorstellung bejaht man die Welt und verneint Gott. Ist denn eine Bejahung beider möglich? Ja, wenn man beide Grundhaltungen nicht als Gegensätze sieht, sondern auch annimmt – Gott ist auch transparent (mit Paulus): „Er ist ein Gott und Vater aller, der über allem – transzendent – und durch alles – transparent – und in allem – immanent – ist“ (Eph 4,6). „Transparenz bedeutet Gegenwart der Transzendenz und Immanenz (…). Sie mein die Gegenwart des alles Übersteigenden und alles Umfassenden in der Welt“ (:52).

Gott hat für den Menschen nur eine wirkliche Bedeutung, wenn er in der geschichtlichen Dimension der Welt zum Vorschein kommt. Wenn er sich als radikaler Sinn des Lebens erweist und als Licht, durch das der Mensch Licht sieht.

Boff, Leonardo (1985): Zeugen Gottes in der Welt. Ordensleben heute. Zürich, Einsiedeln, Köln: Benziger, S. 52.

In der Erfahrung verinnerlicht der Mensch die Wirklichkeit, ordnet sich in die Welt ein und die Welt wird in ihm eingeordnet. „Die Erfahrung enthält also ein subjektives Element – die Existenz – und ein objektives Element – die Gegenstände“ (:57). Wie Menschen die Welt aufnehmen bzw. erfahren, ändert sich im Laufe der Geschichte (z. B. der mythische Mensch, der Mensch der klassischen Metaphysik oder der heutige Mensch innerhalb einer technisch-wissenschaftlichen Welt (:58f)). „Die Erfahrung bewegt sich immer innerhalb eines vorrangigen Denkmodells (…). Die Antworten stimmen mit der Erfahrung überein“ (:59). Unsere Welterfahrung ist geprägt von Technik und Wissenschaft. Wenn der Mensch sucht bzw. forscht, wünscht er zunächst eine Erklärung, dann Sinn / Ganzheit (letztlich den Sinn des Lebens) (:60).

Wir fühlen, daß selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.

L. Wittgenstein, Tractatus 6.52.

Wie zeigt sich Gott in der technisch-wissenschaftlichen Welt?

„Gott als Geheimnis ist also in der technisch-wissenschaftlichen Welt zu finden“ (:62). Gott ist wie die Wurzel eines Baumes (nicht sichtbar; bei den Früchten denken wir nicht an die Wurzel und doch ist sie es, die den Baum mit dem Saft des Lebens versorgt) und wie die Sonne (wenn wir einen lichten Raum erkunden, denken wir nur selten an die Sonne; trotzdem hört sie nicht auf zu scheinen, ob sie vergessen wird oder nicht (:62f). Dies zeigt sich auch am Menschen, da er letztlich größer ist als die Welt. „In ihm ist ein unendliches Sehnen (…). Nur das Unendliche ist fähig, ein unendliches Sehnen zu stillen“ (:63f). Die Sinnsuche und Sehnen des Menschen ist letztlich Zeichen für die Gegenwart des einen SINNES, was wiederum die verborgene und schweigende Gegenwart Gottes offenbart (:66).

Den uns so besuchenden Gott annehmen heißt, sich einer Glaubensatmosphäre öffnen. Und indem wir glauben, sagen wir ein radikales Ja zum verborgenen SINN, den wir in der Welt, in der wir leben, finden.

Boff, Leonardo (1985): Zeugen Gottes in der Welt. Ordensleben heute. Zürich, Einsiedeln, Köln: Benziger, S. 66.

Fussnoten

  1. Boff, Leonardo (1985): Zeugen Gottes in der Welt. Ordensleben heute. Zürich, Einsiedeln, Köln: Benziger. S. 45

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