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Schnabel 2013 – Das NT und die Endzeit

Schnabel, Eckhard J. (2013): Das Neue Testament und die Endzeit. Gießen u. a.: Brunnen (TVG).

#4/2019

Bewertung 9Innovationsgrad 7
Relevanz 10
Stil 9

Die Eschatologie (die Lehre über die Endzeit bzw. die letzten Tage) hat heute einen schweren Stand. Unsere Kultur ist davon geprägt, sich nur am Diesseits zu orientieren. „Wir wollen optimal leidfreies Glück: In neunzig Jahren. In Liebe, Arbeit und Amüsement“ (Paul M. Zulehner, vgl. Marianne Gronemeyer, Leben als letzte Gelegenheit bzw. „Versäumnisangst“). Die populäre dispensationalistische Auslegungsmethode der Left behind Romane (Finale – die letzten Tage der Erde) haben der Eschatologie ein Korsett angelegt, das von den Autoren des NT sicher nicht so beabsichtigt war. Und nicht zuletzt herrscht – in manchen Teilen der Christenheit – eine große Scheu vor dem letzten Buch der Bibel. Oder wann haben Sie das letzte Mal eine Predigt aus der Apokalypse des Johannes gehört?

Da ist es nur willkommen, wenn ein erfahrener Neutestamentler wie Eckhard Schnabel seine Sicht der Dinge (aus evangelikaler Perspektive) darlegt. Sein Werk ist absolut lesenswert und ist das erste Werk, das ich in diesem Zusammenhang konsultieren würde. Im Folgenden möchte ich einige der Thesen von Schnabel in Bezug auf die Apokalypse darstellen:

  • Endzeit ist nach Jesus, Petrus, Paulus und Johannes die Zeit zwischen dem ersten und zweiten Kommen Jesu, die auch gleichzeitig Trübsalszeit ist (:77).
  • Eine rein futuristische oder rein symbolische Auslegung von Apk 6-16 ist abzulehnen. Vielmehr haben „Ereignisse in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft Ähnlichkeiten“ mit den drei Gerichtsserien (:72f).
  • Die „große Trübsalszeit“ (Jesus in Mt 24,21) beziehe sich auf die Ereignisse rund um 66-70 n. Chr., die „große Trübsal“ (Apk 7,14) ist keine zukünftige Epoche, sondern eine Beschreibung der Endzeit zwischen dem ersten und zweiten Kommen Jesu. Es soll deutlich werden: „Leiden, Verfolgung und Anfechtung sprechen nicht gegen, sondern für den Glauben“ (:89).
  • Das „Tier aus dem Meer“ (Apk 13,1-10) sei die Inkarnation des Bösen, ggf. bezogen auf einzelne historische Gestalten (z. B. Nero) oder als symbolische Figur für das „politische, wirtschaftliche, kulturelle und religiöse System“, das Satan nutzt, um Gottes Pläne zu durchkreuzen (:127).
  • Folgt man der symbolischen Deutung, wäre das „Tier aus der Erde“ (Apk 13,11-17) ebenfalls das antichristliche System (:133).
  • Die „große Hure“ bzw. „das große Babylon“ symbolisieren „die bestehenden wirtschaftlichen und religiösen Institutionen der politischen und gesellschaftlichen Systeme der Weltgeschichte“ (:141).
  • Die 144.000 (Apk 7,1-8) stehen für das Volk Gottes. Auch die beiden Zeugen (Apk 11,1-14) symbolisieren die Gemeinde, die Jesus bekennt und den Menschen auf der ganzen Erde verkündigt (:152, 158).

An Schnabels Exegese überzeugt mich, dass er die Apokalypse im Kontext der Gerichtsreden Jesu (Mt 24+25; Mk 13) auslegt, die Gattung der Apokalypse in seiner Auslegung berücksichtigt und – ganz dem evangelischen Prinzip – „von den klaren Stellen auf die unklaren Stellen“ seine Auslegung entfaltet.

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