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Keller 2017 – Predigen

Keller, Timothy (2017): Predigen. Damit Gottes Wort Menschen erreicht. Giessen: Brunnen.

#1/2019

Bewertung 10Innovationsgrad 8
Relevanz 10
Stil 10

Nach der Lektüre dieses Buches wissen Sie:

  • dass das öffentliche Predigen im Gottesdienst nur eine der drei Ebenen der Verkündigung nach dem NT ist (I. Verkündigung in persönlichen Gesprächen; II. Christen, die verschiedene Wortgaben (1Kor 12; 14; Röm 12; 1Petr 4,10f) einbringen; III. das öffentliche Predigen; :8-10).
  • dass eine gute Predigt von der Fähigkeit sowie Begabung des Predigers und der Qualität seiner Vorbereitung abhängt, vollmächtiges Predigen allerdings allein durch das Wirken des Geistes in den Herzen der Zuhörer bewirkt wird (:14f).
  • dass der Prediger immer zwei Instanzen verantwortlich ist: „dem Wort Gottes und dem menschlichen Hörer“ (:17). Und es ist eine doppelte Liebe – zum Wort Gottes und zu den Menschen (:18).
  • dass „Christus predigen“ – Mittelpunkt und Hauptthema jeder Predigt – nicht heißt, nur über Christus zu reden, sondern ihn den Menschen zu zeigen (vgl. 1Kor 2,1-5; 18-21).
  • dass relevantes Predigen die Grundsehnsüchte der Kultur aufnimmt, sie verstehbar macht und sie auf die Art neu erzählt, „die ihnen zeigt, wie ihre tiefsten Sehnsüchte allein in Christus gestillt werden können“ (:22f).
  • dass die Architektur einer guten Predigt einer Geschichte bzw. story ähnelt (a) Storys beginnen mit einem Krisenereignis bzw. Problem. b) Die Helden der Geschichte versuchen die ursprüngliche Balance wiederherzustellen, aber auch ihre Gegner arbeiten dagegen. c) Die Verwicklungen und Dramatik nimmt zu, bis am Ende das Gute wiederhergestellt ist) (:213).
  • dass die Tiefenstruktur einer Predigt folgendes beinhalte sollte: I. Wir haben folgendes Problem; II. Folgendes müssten wir tun. III. Warum wir das nicht schaffen. IV. Aber Jesus hat das geschafft. V. Wie wir als Menschen, die an Jesus glauben, leben sollten (:215).

Kellers Buch übers Predigen bzw. die Kunst der Homiletik ist ausgewogen, orientiert am Herzen, theologisch gründlich und praktisch wegweisend. Letztlich ist dieses Buch die Frucht einer 40jährigen Erfahrung. Und wer Kellers Predigten regelmäßig hört, wird merken, dass sich der theoretische Anspruch des Buches mit der Verkündigungspraxis des Autors deckt.

Warum ist es ausgewogen?

Keller orientiert sich an drei Leit-Kategorien, nämlich dem biblischen Text, dem heutigen Zuhörer und der Wirkung des Geistes Gottes. Innerhalb dieser drei Schwerpunkte dominieren zwei Meta-Themen das gesamte Werk: Christus und das Evangelium predigen – und dass immer. Solche Art des Predigens verkommt nicht zum moralischen Gerede oder zum relativen Getue. Das Zentrum bleibt klar, aber auch die Begrenzung des Predigers im Blick auf Vollmacht und die Relevanz des Zuhörers.

Was bedeutet „am Herzen orientiert“?

„Die Hälfte dieses Buches handelt davon, zu den Herzen zu predigen“ (:193). Keller nimmt nicht nur das Herz der Zuhörer in den Blick, sondern behauptet, dass relevantes Predigen „aus dem eigenen Herzen“ des Verkündigers entspringt. Damit werde die Art des Predigens von Selbstbewusstsein/ Autorität, Staunen, Herzlichkeit, Authentizität/ Echtheit und Anbetung getragen (:193f).

Und theologisch gründlich?

In seinem gewohnten Stil begründet er seine Thesen und Argumente durch andere Gesprächspartner der Theologie (M. Luther, J. Calvin, J. Edwards sowie auch neuzeitliche Autoren). Die Endnoten geben die Quellen an und belegen aktuelle Forschungsdiskurse (so z. B. Endnote 245: „Reaktion gegen die traditionelle Struktur der Auslegungspredigt“ im protestantischen Mainstream – :269-271). Kellers Werk vermittelt deshalb einen kenntnisreichen Überblick über die aktuelle angelsächsische Forschung zur Homiletik.

Warum praktisch wegweisend?

Nur in einem Anhang („Wie man eine Auslegungspredigt schreibt“) wird Keller wirklich praktisch. Es ist also nicht die Art von Buch, wo in aller Fülle die Exegese des Predigttextes erörtert bzw. das Formulieren des Predigtmanuskripts erörtert wird. Aber es ist praktisch wegweisend, weil Keller die großen Linien darstellt und gerade erfahrene Predigern in die Reflektion der eigenen Predigtpraxis führt. Seine Ausführungen zur Makrostruktur bzw. Tiefenstruktur einer Predigt habe ich so noch in keinem Homiletik-Lehrwerk entdeckt. Und allein die Orientierung an dieser Makrostruktur hat das Potenzial, dass die heutigen Predigten an Qualität und Relevanz für den Hörer gewinnen.

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