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Das Theorie-Modell der Charakterbildung

Getreu dem Leitsatz – ich liebe diesen Spruch – von Kurt Lewin „Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie“ stelle ich nachfolgend mein Theorie-Modell der Charakterbildung dar. Charakterbildung bzw. Persönlichkeitsentwicklung kann dort geschehen, wo drei Lebensphilosophien zusammen kommen und durch ihr Zusammenspiel eine Dynamik entsteht.

Sokrates bzw. Platon

Sokrates verstand sich selbst als die ‚Hebamme der Erkenntnis‘. Seine Dialoge sind von vielen Fragen gekennzeichnet, durch die er seinen Gesprächspartner zum Nachdenken und Durchdenken seiner Positionen anregte. Bei Sokrates bzw. Platon war die Einsicht prägend, dass Menschen das gute Leben (eudaimonia) wählen würden, wenn sie das Gute erkennen. Was bedeutet dies im Blick auf die Charakterbildung bzw. die Persönlichkeitsentwicklung?

  • Ich rufe mir erstrebenswerte Tugenden und Werte ins Bewusstsein und fokussiere mich darauf, z. B. durch mentale Bilder.
  • Ich kläre mein Verständnis über zentrale Tugenden wie Tapferkeit, Mut, Ehrlichkeit, Demut usw.
  • Ich korrigiere mein Denken über bestimmte Werte und Tugenden anhand einer Norm (vgl. Röm 12,2).
  • Ich suche mir inspirierende Vorbilder, die diese Tugenden leben. Vorbilder machen uns ihr Leben anschaulich.
  • Ich werde mir der tugendhaften Sprache (siehe virtues project) bewusst und erkenne die Mechanismen dieser Technik.
  • Ich werde mir der Zuwendung und Liebe Gottes zu mir bewusst (vgl. Eph 4,32b; 5,2), die in mir eine Dynamik entfaltet, aus diesem Angenommensein ein „Nachahmer Gottes“ zu werden (Eph 5,1).

Aristoteles

Aristoteles ist ganz der Empiriker unter den antiken Philosophen. Er möchte sich – im Gegensatz zu seinem Lehrer Platon – nicht in der Welt der Ideen verlieren, sondern sucht die praktische Handlung, das Tätigsein. Es gehe ihm um die Einübung des Charakters. Deshalb würde uns Aristoteles auf die Frage nach dem guten Leben (eudaimonia) antworten: „Tue die kleinen unscheinbaren Handlungen des Alltags. Diese werden mit der Zeit zu Gewohnheiten und Gewohnheiten prägen den Charakter“ (meine Paraphrase). Auf Aristoteles geht dieses Zitat zurück:

Wir sind das was wir wiederholt tun. Vorzüglichkeit (Exzellenz) ist daher keine Handlung, sondern eine Gewohnheit.

Aristoteles (384 – 322 v. Chr.)

Was bedeutet dies im Blick auf eine nachhaltige Charakterbildung?

  • Ich mache mir der Bedeutung der praktischen Tat bewusst und übe gute Gewohnheiten ein (z. B. eine Morgenroutine).
  • Ich räume den Ritualen in meinem Leben einen hohen Stellenwert ein und übe mich darin.
  • Ich übe eine tugendhafte Sprache (siehe virtues project) ein. Meine sprachlichen Handlungen prägen meinen Charakter.

Desmond Tutu

Desmond Tutu (geb. 1931), südafrikanischer Menschenrechtler und anglikanischer Theologe, ist fasziniert über ubuntu. Ubuntu (Menschlichkeit, Nächstenliebe, Gemeinsinn) ist eine Lebensphilosophie, die die gegenseitige Angewiesenheit der Menschen betont. „Ich bin nur Mensch durch andere Menschen“, sagt Desmond Tutu. Das gute Leben ist ein Leben in Gemeinschaft und gesunden Beziehungen. Was bedeutet das für eine nachhaltige Charakterbildung?

  • Ich werde mir der Kraft der Gemeinschaft und der gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnisse bewusst.
  • Ich fördere gemeinsame Erlebnisse, in denen Tugenden sichtbar werden (z. B. durch erlebnispädagogische Elemente, gottesdienstliche Erfahrungen usw.).
  • Ich bringe mich aktiv in einer Gruppe ein und trete entschieden ein, wenn das gemeinschaftliche Erleben durch destruktive Faktoren gestört wird (z. B. Lästern, überhöhter Individualismus usw.).

Die Präsenz des Geistes Gottes

Charakterbildung aus christlicher Perspektive wird mit der Präsenz des Geistes Gottes in all diesen Dimensionen rechnen. „In ihm leben, weben und sind wir“ (Apg 17,28), „Alles Gute kommt von Gott“ (Jak 1,17) und der „Geist weht wo er will“ (Joh 3,8) sind die grundlegenden Prämissen des Christen.

  • Die erste Prämisse weist darauf hin, dass Gott in der Welt präsent ist und schon da ist, bevor ich ankomme. Sie bewahrt vor einer pneumatologischen Verkürzung allein auf das Individuum oder allein auf die Kirche bzw. die heilige Gemeinschaft (Das sind zwei typische Verkürzungen in der Kirchengeschichte).
  • Die zweite Prämisse sieht in allem Guten Gott am Werk. Er steht für alles Gute (auch über meine eigenen konfessionellen Grenzen hinaus) und ihm ist dafür zu danken.
  • Und die dritte Prämisse verdeutlicht die Unverfügbarkeit Gottes. Christen haben keine Macht über Gott. Gott wirkt und handelt wie Er will. Christen können als die geliebten Kinder Ihn bitten, stets wissend, dass Er noch mehr als all unser Bitten und Flehen sich seiner Welt zuwendet.

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