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Lesen und Schreiben im 1.Jhr. n. Chr.

In den Papyri, also den gängigen Schreibdokumenten des Altertums, findet sich am Ende ein Zusatz wie etwa im P. Ryl II. 193:

„Maron, ein Schreiber von Euhemeria ’s Hirten, schrieb für ihn, weil er die Buchstaben nicht kennt“.1

Dies wirft die Frage auf, wie viele Menschen tatsächlich lesen und schreiben konnten. In der Forschung wird mit unterschiedlichen Schätzungen operiert. Die meisten Neutestamentler führen hier im Allgemeinen William V. Harris (Ancient Literacy, 1989) und für die jüdische Bevölkerung Catherine Hezser (Jewish Literacy in Roman Palestine, 2001) an.

Lesen und Schreiben nach Harris und Hezser

W. V. Harris hat behauptet, dass ca. 10% der Bevölkerung lesen und schreiben konnten. Er konkretisiert seine Schätzung, indem er für Italien von ca. 20-30% Literalität bei Männern und von weniger als 10% bei Frauen ausgeht. In Städten kann im Allgemeinen mit höherer Literalität (ca. 15% der Bevölkerung), in (westlichen) Provinzen mit geringerer Literalität (ca. 5-10% der Bevölkerung) gerechnet werden. C. Hezser geht von ähnlichen Schätzungen aus, rechnet aber für Palästina tendenziell mit einer geringeren Literalität.2

Methodische Probleme nach Brian J. Wright

B. J. Wright kritisiert ganz grundsätzlich die methodischen Annahmen solcher Studien. Diese Probleme konzentrieren sich auf insgesamt drei Aspekte:

  • Die Annahme, ein breit funktionierendes Schulsystem führe zur Massenliteralität und das Fehlen von Schulen begünstige den Analphabetismus. Die aus der Geschichte verfügbaren und ausreichend dokumentierten Beispiele deuten vielmehr darauf hin, dass eine Massenliteralität ohne öffentliche Schulen etabliert worden ist. Literalität wurde insbesondere in den Häusern und Kirchen gefördert.3
  • Die Annahme, der Mangel an Büchern, Schreibmaterialien, Torah Schriftrollen, Bibliotheken und literarischen Aktivitäten im Allgemeinen sei Indiz für eine geringe Literalität der Gesamtbevölkerung.4
  • Die Beurteilung der Literalität stützt sich auf summarische Überblicke und nicht auf die Primärquellen selbst. Die Folge sind allgemeine Aussagen, die im Vergleich mit den Primärquellen nicht zu halten sind.5

Nach M. B. O’Donnell können wir davon ausgehen, dass überhaupt 20-30 % einer existierenden Gesellschaft schreiben konnten. Es wird sich hier um mit Wohlstand ausgestatteten Männer einer existierenden Gesellschaft handeln6.

Die Literalität war in paulinischen Gemeinden über 50%

Einen deutlich optimistischere Sicht über den Alphabetismus der Bevölkerung hat U. Schnelle jüngst formuliert. Gerade seit Augustus (63 v. Chr. – 14. n. Chr.) sei die Literaturproduktion enorm angestiegen. Rudimentäre Lese- und Schreibkenntnisse waren in jeder größeren Stadt einfach erforderlich. Deshalb sind bei ca. 30-50% der Bevölkerung mit Alphabetisierungskenntnissen zu rechnen7. Für die paulinischen Gemeinden rechnet Schnelle sogar mit einem Anteil von mindestens 50%. Schnelle führt für diese These folgende Argumente an:

  • Zu Beginn der paulinischen Mission handelte es sich vorwiegend um Stadtgemeinen, wo der
    Alphabetisierungsgrad deutlich höher als auf dem Land war.
  • Die Gemeinden bestanden zu einem erheblichen Teil aus Judenchristen. Das Judentum wies eine höhere Alphabetisierungsrate als der Durchschnitt des römischen Reiches auf.
  • „In den frühen Gemeinden herrschte ein reges literarisches und geistiges Leben.“
  • Die Texte zeigen, dass die Briefe laut gelesen und vorgelesen wurden. Paulus selbst fördert das „Lesen“, indem er explizit in Gal 6,11 betont: „Seht, mit wie großen Buchstaben ich euch schreibe mit eigener Hand“ (vgl. 1Kor 16,21; Phlm 19).
  • „Zudem war Bildung im 1. Jhr. n. Chr. nicht an Schichtenzugehörigkeit gebunden.“
  • „Von Anfang an waren Lehrer in den Gemeinden tätig“, die sich auf die Interpretation der Texte konzentrierten.
  • „Besonders die Mehrsprachigkeit (Griechisch/ Latein/ Hebräisch/ Aramäisch/ lokale Sprachen) vieler Gemeindeglieder, die Schaffung neuer literarischer Gattungen (Evangelien) und die in den Briefen behandelten hochstehenden
    Themen (vornehmlich in den Paulusbriefen) lassen deutlich erkennen, dass eine große sprachliche und denkerische Kreativität in der neuen Bewegung herrschte.“ 8.

Zusammenfassend ist also für paulinische bzw. urchristliche Gemeinden mit einer hohen Lese- und Schreibfähigkeit zu rechnen. Bisherige Schätzungen waren bisher allzu pessimistisch.

Fussnoten

  1. O’DONNELL, M.B. (2005). Corpus linguistics and the Greek of the New Testament, New Testament monographs. Sheffield: Sheffield Phoenix Press, S. 111.
  2. Wright, B. J., 2015. Ancient Literacy in New Testament Researche. Incorporating a few more Lines of Enquiry. TRINJ, 36, S. 161f.
  3. Wright 2015, S. 164.
  4. Wright 2015, S. 164f.
  5. Wright 2015, S. 164f.
  6. O’DONNELL 2005, S. 111
  7. Schnelle, U., 2015. Das frühe Christentum und die Bildung. NTS, 61(02), 119.
  8. Schnelle 2015, S. 119f

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