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Christliche Bildung – ein Modell

Modell „Christliche Bildung“

In einem ersten Teil habe ich unter Rückgriff auf andere Veröffentlichungen die gängigen Zugänge einer christlichen Bildung dargestellt. Nun möchte ich ein Modell zur Diskussion stellen, wie christliche Bildung aus biblisch-theologischer und pädagogischer Sicht gestaltet werden kann. Dabei erstreckt sich dieses Modell auf folgende Aspekte:

Die Persönlichkeit der Lehrkraft (Impact)

Spätestens seit der populären Studie von John Hattie ist bekannt, wie entscheidend der Einfluss der Lehrkraft auf die Lernenden ist. Jeder Pädagoge beeinflusst die Lernenden. Eine Lehrkraft kann nicht nicht beeinflussen (nach P. Watzlawick). Der Einfluss der jeweiligen Lehrkraft unterscheidet sich lediglich im Wirkungsgrad, also der Tiefe des Einflusses (z. B. Klassenlehrer, Fachlehrer usw.) sowie in der Art (positiv/negativ) des Einflusses.

Die vom Evangelium von Jesus Christus geprägte Lehrkräfte bringen ihre gesamte Persönlichkeit in den Unterrichtsalltag ein und prägen damit eine Kultur (mindestens innerhalb der betreffenden Unterrichtseinheit). Christliche Bildung wird dort gelingen, wo Lehrkräfte authentisch ihren Glauben einbringen1.

Although curricular issues are vital, they must take second place to choosing the best people to be the role models and mentors for children in the classroom since, at the end of the day, we will see much of the character, values, and worldview of their teachers mirrored in our children2.

Richard J. Edlin

Das pädagogische Handeln (Education)

Das Gros der Veröffentlichungen über christliche Bildung versäumen es, explizit das pädagogische Handeln in den Blick zu nehmen und aus einer christlichen Perspektive zu reflektieren3. Gemeint ist hier nicht die geistesgeschichtliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Konzepten der Didaktik4, sondern der Prozess des Lehrens selbst.

Diese Forschungslücke möchte David I. Smith mit seiner empfehlenswerten Monographie On Christian Teaching (2018; eine ausführliche Rezension folgt) schließen. Smith geht induktiv vor, indem er eine Unterrichtssequenz beschreibt und Rechenschaft über seine didaktischen Entscheidungen ablegt.

Das latent wirkende Weltbild (Worldview)

Es gibt eine rege Diskussion und eine Fülle an Forschungsliteratur zum westlich-postmodernen Weltbild und die latente Wirkung desselben auf die gesamte pädagogische Wirklichkeit. Eine ehrliche und kritische Selbstreflektion ist unabdingbar, um bestimmte Annahmen zu durchschauen und diese gemäß dem Gebot aus dem Römerbrief 12,1-2 durch ein biblisch-christliche Perspektive zu ersetzen.

Like religion, worldview is not just a set of beliefs but is a core perspective of the heart of every human being that is lived and breathed (even if not consciously articulated) by ist adherents5.

Es wäre ein Missverständnis, würde man das Weltbild eines Menschen nur mit seiner Sicht zu den religiösen Fragen gleichsetzen bzw. voraussetzen, dass das Weltbild eine Ansammlung von „Glaubenssätzen“ über die Wirklichkeit ist. Mir scheint, dass das Weltbild tief im Herzen eines Menschen verankert ist und eher als eine Story (eine Geschichte)6 wirkt. Der Mensch erklärt sich die Entstehung der Welt, sein Dasein und den Sinn des Lebens mittels einer Geschichte, einer Story.

„Weltanschauung zu verstehen gleicht dem Versuch, die Linse des eigenen Auges zu sehen. Normalerweise sehen wir unsere eigene Weltsicht nicht, stattdessen sehen wir alles andere durch diesen Filter. Einfach gesagt ist die Weltanschauung das Fenster, durch das wir die Welt – oft unbewusst – wahrnehmen und (dann) entscheiden, was real und wichtig oder nicht real und unwichtig ist.“ (Ph. E. Johnson)

Das Curriculum bzw. das jeweilige Unterrichtsfach (Content)

Lehrkräfte an einer christlichen Schule sollen lehren. Neben der pädagogischen Qualifikation wird selbstverständlich eine den staatlichen Schulen mindestens gleiche fachwissenschaftliche Qualität erwartet. Manfred L. Pirner u. a. stellen fest, dass die EKD und die DBK sogar erwarten, dass die „persönliche religiöse-weltanschauliche Orientierung der Lehrkräfte (…) einen Einfluss auf die Professionalität haben“ soll7.  Mir scheint daher, dass die Erwartung an die inhaltliche Qualität des Unterrichts (Content) höher ist als bei einer Lehrkraft an einer staatlichen Schule.

Ein Grund für die höhere Erwartung liegt auf der Hand: Die Lehrkraft ist demselben Lehrplan wie an einer staatlichen Schule verpflichtet. Gleichzeitig wird aber von ihr erwartet, dass die Unterrichtsinhalte vom katholischen, evangelischen o. ä. Profil durchdrungen sind. D. h. die Lehrkraft wird ihre eingesetzten Medien (Unterrichtswerke, Texte, digitale Medien Bild und Ton, Internetquellen usw.) reflektieren müssen. Sie wird ihre Quellen kritisch überprüfen und dort wo nötig, Ergänzungen bzw. Auslassungen vornehmen.

Christliche Bildung wird von der Annahme geprägt, dass Jesus Christus Herr über die Dinge dieser Welt ist, sie erhält und alles auf IHN hin geschaffen ist (vgl. Kolosserbrief 1,15-20). Damit ist alles Wissen für eine christliche Bildung relevant. Ein solcher Ansatz wird deshalb den dualistischen, biblizistischen Zugang sowie den „religiösen Zuckerguss“ meiden und stattdessen eine biblisch-christliche Perspektive als Zugang wählen. Nachahmenswerte Beispiele bietet hier die englischsprachige Plattform What if Learning.

Der kulturelle Kontext (Context)

Im Blick auf den Kontext wird man zwei Aspekte im Zusammenhang mit christlicher Bildung berücksichtigen müssen.

  • A) Das Verhältnis des christlichen Glaubens zur Kultur
  • B) Der unmittelbare Kontext der Bildungseinrichtung

A) Christen haben sich im Laufe der Geschichte ganz unterschiedlich zur Mehrheitskultur verhalten. Richard H. Niebuhr hat in seinem Klassiker8 fünf unterschiedliche Modelle vorgestellt. Die Spannbreite reicht von „Christus gegen die Kultur“ bis hin zu „Christus in der Kultur“.

Christliche Bildungseinrichtungen werden sich mit ihrem Blick auf die Mehrheitskultur auseinandersetzen müssen. Die Frage nach dem Verhältnis zur Kultur tangiert auch das Weltbild und wird jegliches Handeln an der Schule enorm prägen. Hier gilt es, eine aus biblisch-theologischer Perspektive verantwortete Haltung zur Kultur zu entwickeln9.

B) Ganz entscheidend ist auch der unmittelbare Kontext der jeweiligen Bildungseinrichtung. Welche Milieus dominieren in der Schüler- und Elternschaft? Wer sind die ideellen Unterstützer? In welchem Sozialraum ist die Bildungseinrichtung verortet? Usw.

Fussnoten

  1. Die EKD erwartet, dass Lehrer an Schulen in evangelischer Trägerschaft ihren Glauben, der in vielerlei Gestalt gelebt werden kann, „sichtbar werden lassen“ (EKD, 2008. Schulen in evangelischer Trägerschaft. Gütersloh: Gütersloher Verl. Haus, S. 59.). Und auch die Deutsche Bischofskonferenz sieht die katholischen Lehrkräfte als „Handelnde der Schulpastoral“, die die Schüler „zum persönlichen und gemeinschaftlichen Gebet, zur Meditation, zur Mitfeier des Gottesdienstes und zu anderen Ausdrucksformen des religiösen Lebens“ anregen (DBK, 2009. Qualitätskriterien für Katholische Schulen. Bonn. Die deutschen Bischöfe, 90, S. 22f.)
  2. Edlin, R. J., 2014. The cause of Christian education. Fourth edition. Sioux Center, Iowa: Dordt College Press, S. 161.
  3. Smith, D. I., 2018. On Christian Teaching. Practicing Faith in the Classroom. Grand Rapids: W. B. Eerdmans, S. vii
  4. Vgl. z. B. Mauerhofer, A., 2009. Pädagogik auf biblischer Grundlage. 2., verb. und aktual. Aufl. Nürnberg, Hamburg: VTR; RVB, S. 540-558.
  5. Edlin 2014, S. 14.
  6. Meine These hier ist, dass der Mensch in Geschichten und/oder Bildern/Metaphern sein Weltbild konstruiert.
  7. Pirner, M. L., Scheunpflug, A., and Holl, A., 2010. Lehrkräfte an Schulen in christlicher Trägerschaft im deutschen Sprachraum. Theo-Web. Zeitschrift für Religionspädagogik, 9(1), S. 194.
  8. Niebuhr, H. R., 2001. Christ and culture. 2nd ed. New York: Harper & Brothers.
  9. Als Startpunkt der Diskussion könnte sich der aktuelle Bestseller von Rod Dreher eignen (Dreher, R., 2018. Die Benedikt-Option. Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft. 2nd ed. Kißlegg: fe-medien), der für eine lokale Gegen-Kultur plädiert.

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