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Störungsfrei beten, Gott hören, Gemeinschaft leben

(c) Modelfoto: Colourbox.de

„Wer seine Bibel dabei hat… Wir lesen aus dem Markusevangelium Kapitel 10, Vers 45 …“, sagt ein Prediger zu den Kirchenbesuchern. Diese Aufforderung, die zumeist in (freikirchlichen) Kirchengemeinden Sonntag morgens zu hören war bzw. ist, wird bald ganz der Vergangenheit angehören. Schon heute betrifft der Appell nur einen Bruchteil der Zuhörerschaft.

Diese Entwicklung hat zunächst nichts mit Christen zu tun, die damit ihre abnehmende Wertschätzung zur Bibel ausdrücken. DIE MEISTEN ZUHÖRER HABEN JA IHRE BIBELN DABEI! Nur halt nicht in Buchform. Und ich behaupte mal, dass der Anteil der Bibel-App-Besitzer im Gottesdienst höher liegt als der Anteil derer, die die Bibel als Buch mit dabei hatten.

Also, wir können mit einer hohen Präsenz von Bibeln im Gottesdienst rechnen. Denn laut dem Statistik-Portal nutzen in 2018 57. Mio. Menschen in der BRD ein Smartphone. Das sind mehr als 2/3. Und man kann davon ausgehen, dass ein Großteil derjenigen Nutzer, denen auch sonst die Bibel wichtig ist, über kurz oder lang sich eine Bibel-App installieren werden.

Die Bibel im Smartphone – das ist erst einmal eine positive Entwicklung. Diverse Apps erlauben persönliche Einstellungen. Der 17jährige Robert Mokry hat z. B. eine App entwickelt, die dem Nutzer passend zur Stimmungslage Bibelverse samt Auslegungshinweisen mitliefert.

ABER ein Smartphone ist auch eine herrliche Quelle der Ablenkung. Während unser Kirchenbesucher Mk 10,45 aufschlägt, poppt eine WhatsApp-Frage auf, ob er denn heute Abend mit anderen in die City gehen wolle. Und Hand aufs Herz – wer von uns sagt sich da nicht, das beantworte ich doch ganz schnell, dann habe ich es erledigt? Und dann geht es weiter – mit der Predigt oder mit Ebay Kleinanzeigen? Manchmal auch umgekehrt oder beides zugleich… ABLENKUNGEN sind das Problem der Smartphone-Nutzung, nicht das Smartphone selbst. 

Es ist schwer, Gott von ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft und ganzem Verstand zu dienen, wenn wir ständig abgelenkt und zerstreut sind und multitaskingmäßig mehreres gleichzeitig tun.

Douglas Groothius, bei Reinke, T., 2018. Wie dein Smartphone dich verändert. 12 Dinge, die Christen alarmieren sollten. Augustdorf: Betanien, S. 49.

Da sitze ich in einem Gottesdienst am Gründonnerstag. Unsere Kirchengemeinde feiert traditionsgemäß das Abendmahl an diesem Tag. Für mich ein absolutes Highlight des Kirchenjahres. Ich fokussiere mich mit anderen Christen auf das Werk des Herrn an uns. Ein absolut heiliger Moment mit dem Teilen des Brotes, Gebet, Musik im Hintergrund, Gemeinschaft des Kelches, Ge… Es irritiert mich nur ein wenig, dass inmitten einer solchen Gemeinschaft dann eine WhatsApp-Nachricht bei einer Christin eine Reihe vor mir einen höhere Priorität bekommt. Das Profane dominiert über das Heilige. Der Alltag über das Hochfest. Dabei wünschen wir uns doch alle mehr Feste.

Alles, was wir am Smartphone in einer (heiligen) Gemeinschaft tun, sind nur Kleinigkeiten. Wir klären in der Regel nicht die wichtigen Lebensfragen, sondern bringen uns um die Momente der Begegnung mit Gott und anderen Christen, weil wir kurz einmal checken wollen, was die Wetter-App für heute 14.00 Uhr verrät.

Heute glauben viele Christen – darunter auch solche, in deren Kirchen Liturgie gepflegt wird – der Sonntagsgottesdienst sei lediglich eine Ausdrucksform; das heißt, sie nehmen an, es gehe nur darum, was die Leute zu Gott zu sagen haben. Im traditionellen christlichen Verständnis hingegen geht es in der Liturgie [bzw. Gottesdienst] in erster Linie, wenn auch nicht ausschließlich, darum, was Gott uns zu sagen hat.

Dreher, R., 2018. Die Benedikt-Option. Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft. 2. Aufl. Kißlegg: fe-medien, S. 175.

Ich hoffe, es ist deutlich geworden: Wir bringen uns durch die Ablenkungen im Gottesdienst um Gotteserfahrungen erster Güte. Was also tun? Das Smartphone verbieten? Wieder zur Bibel als Buch greifen? – Ich meine, es gibt zwei proaktive Wege:

  • Für Smartphone-Junkies: Getreu dem Motto (Jesus nutzt hier die Stilfigur der Übertreibung) „Wenn dich das Auge ärgert, so reiß es raus…“ (Mt 18,8f) ist für Manche vielleicht ein Verzicht für eine Zeit lang angesagt. Jeder prüfe sich selbst und handle.
  • Für andere Smartphone-Nutzer empfiehlt sich die Einstellung des „Nicht-Stören-Modus“. Thomas Zimmermann hat hier eine hilfreiche Anleitung für alle Systeme veröffentlicht. 

Das Smartphone ist ein herausragendes Werkzeug. Aber ich möchte darüber herrschen, nicht das Phone über mich! Wir lassen es beim Thermomix bzw. bei der Makita-Bohrmaschine normallerweise ja auch nicht zu.

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