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Was ich von Manfred L. Pirner über „christian education“ gelernt habe…

Manfred L. Pirner ist Professor für Religionspädagogik und Didaktik des ev. Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und hat einen spannenden Artikel über christliche Bildung („Christian Education“) veröffentlicht (Pirner, M. L. 2011. Wie christlich können Schulen sein?: Überlegungen aus christlich-pädagogischer Perspektive. Kirche und Schule 38 (158), 3–8.). Was habe ich nun bei Pirner gelernt?

a. Auch wenn es wohl keine „christliche Metzgerlehre“ geben wird, ist die Rede von „christlicher Bildung“/Christian Education sinnvoll (und nicht absurd; 3f).

b. Die Pädagogik der 1970er Jahre unterscheidet sich wesentlich von der der 1980er/1990er Jahre. Die Postmoderne hat verdeutlicht, dass (1) Vernunft nicht voraussetzungslos und universal ist wie gedacht, (2) vielfältig ist und (3) ihre Möglichkeiten begrenzter sind als in den 1970er Jahren angenommen (3f).

c. Das Ablegen der Überheblichkeit der 1970er Jahre ermöglicht die Entwicklung und Konzeption einer christlichen (evangelischen/katholischen/evangelikalen) Bildungstheorie (4).

d. Christliche Schulen (Bildungseinrichtungen) „könnten der Ort sein, an dem die Multiperspektivität von Wirklichkeit [naturwissenschaftliche, religiöse, ästhetische usw.] in besonderer Weise thematisiert“ und gelebt wird (4).

e. Auch in der Philosophie wird heute dieses breite Wirklichkeitsverständnis postuliert und nicht etwa die einseitige/überlege Sicht der 1970er Jahre. Hier setzt sich auch die Erkenntnis durch, dass die allein rationale Vermittlung von Werten in der Gesellschaft nicht ausreicht, um z. B. Menschen für die Grundwerte des Grundgesetzes zu gewinnen (4).

f. Die Kommunikation von Werten erfolgt dann erfolgreich, wenn sie in Sinn- und Lebenskontexte eingebunden wird. Es bedarf einer „dichten“ Beschreibung von Werten aus Erzählungen, Symbolen und sozialen Erfahrungen.

g. Nach Hans Joas entstehen Werte nicht in erster Linie dadurch, dass Autoritäten sie setzen oder sie rational begründet werden. Werte „entstehen aus Erfahrungen im Umgang mit anderen, dort, wo ein Mensch anderen Menschen begegnet“. Das Erleben von Werten in einer GEMEINSCHAFT prägt Werte (siehe hierzu die Richtung des Kommunitarismus).

h. Aus dieser kommunitaristischen Perspektive werden christliche Schulen zu „Lerngemeinschaften, die durch ihre deutliche weltanschauliche Orientierung, durch eine relative interne Werte-Homogenität und durch die Kooperation mit dem wertemäßig ähnlich ausgerichteten Elternhaus sowie mit den Kirchengemeinden tatsächlich Erfahrungen von Sinn- und Wertvorstellungen ermöglichen“ (4f).

i. Evangelikal orientierten Schulen (aus Entwicklungen in den USA) wird – im Gegensatz zu evangelischen Schulen – unterstellt, sie lehnen das öffentliche Schulsystem ab, sie seien wissenschaftsfeindlich bzw. an einem Diskurs nicht interessiert und sie fördern Abschottungstendenzen (5).

j. Die sich selbst verordnete „weltanschauliche Neutralität von staatlichen Schulen“ führt zu Verlusten und Problemen, denn innerhalb dieser Schulen wird eine Einigung auf gemeinsame Bildungsziele immer schwieriger. Dies führt zu pragmatischen Antworten, so dass öffentliche Schulen nur noch kulturelle Basisfähigkeiten wie Lesen, Schreiben, Rechnen ihren Schülern beibringen. Aber die so notwendige – oben angedeutete – Kommunikation von Werten, Haltungen, Persönlichkeitsentwicklung usw. geht dabei verloren (5).

k. Die gegenwärtige Bildungspolitik – wie sie aktuell daher kommt – beschreibt Pirner etwas flapsig mit: „Wir konzentrieren uns in der Schule auf das, was Konsens ist und was messbar ist, den Rest sollen die Schulen mal selber richten“ (5). Diesen Missstand können christliche Schulen abfedern, weil sie von spezifischen anthropologischen Prämissen (Menschen- und Wirklichkeitsverständnis) ausgehen (6).

l. Das Christliche an christlichen Schulen ist deshalb, dass diese Schulen für das Menschsein, das Zusammenleben und Überleben der Menschheit stehen und sich nicht nur auf das Messbare (etwa PISA-Ergebnisse) konzentrieren (6). Deshalb bedürfen christliche Schulen ihrer eigenen Qualitätskriterien und können diese nicht unbesehen von staatlicher Bildungspolitik auf sich übertragen.

m. Seit den 1950er Jahren setzt sich die Einsicht durch, dass es keine Pädagogik geben kann, die theologischen Prämissen bzw. der Theologie untergeordnet ist. K. E. Nipkow hat 1969 postuliert, dass „ein Modell christlicher Pädagogik, das diese grundsätzlich als die einzige umfassende und darum höchste und beste Pädagogik versteht, nicht länger vertretbar“ sei (6).

n. Andererseits hat B. Dressler auch darauf hingewiesen, dass „Bildungstheorien ’nicht außerhalb des weltanschaulich-religiösen Pluralismus zu haben‘ sind“ (bei 6). Es bedarf einer weiteren theologisch-hermeneutischen wechselseitigen Erschließung, damit „christliche Pädagogik“ im Lehreralltag ankommt (7).

o. In einer Befragung eines christlichen Jugenddorfwerks kam heraus, dass die Mitarbeiter im wesentlichen schöpfungstheologischen und ethischen Aussagen zustimmen, bei Aussagen zum Sündersein des Menschen und bei eschatologischen Aussagen deutlich zurückhaltender waren. Offensichtlich fehlen bei letzteren Themen „griffige und überzeugende theologische Interpretationen“ (7).

p. „Eine andere Aufgabe, die auch als eine theologische begriffen werden sollte, ist die Entwicklung von christlichen bzw. evangelischen Perspektiven zu den Fachdidaktiken der Unterrichtsfächer, und zwar gerade jenen über den Religionsunterricht hinaus“ (7). Erste Anstöße hat K. E. Nipkow schon in den 1980er Jahren gegeben und angemahnt, selbst der Unterricht müsse ein evangelisches Profil erhalten (7). Dieser Appell wurde nach Pirner bisher nur wenig beachtet. Plakativ formuliert ist also zu fragen: „Wie christlich kann der Englischunterricht, der Mathematikunterricht, der Sportunterricht, der Biologieunterricht usw. sein?“ (7). Hier könnte es helfen, nach dem Verhältnis des Religionsunterrichts zu den anderen Fachdidaktiken zu fragen (vgl. Pirner / Schulte).

q. Die Untersuchung der Fachdidaktiken zeigt, dass z. B. in Englischbüchern „Religion als Teil der Kultur und Lebenswelt weit gehend aus Standard-Unterrichtsbüchern und Lehrplänen ausgeblendet bleibt“ oder in der Politikdidaktik Religion „überwiegend als konfliktverursachender Störfaktor und nicht zumindest auch in ihren humanen und Friedenspotenzialen dargestellt wird“ (7f). So muss die Physikdidaktik nicht in einen Gegensatz zur Religion treten, was aber in klassischen Lehrbüchern leider impliziert ist (8).

r. Jede Fachdidaktik steht unter einer bestimmten weltanschaulichen Perspektive. Eine Neutralität gibt es nicht. An einer christlichen Schule würde demgegenüber klar sein, unter welcher Perspektive die Fächer gelehrt werden (8). Insofern würde die Rede von einer „christlichen Metzgerlehre“ durchaus Sinn machen, denn es ging hier um die Frage, wie Tiere aus schöpfungstheologischer Perspektive gesehen und behandelt würden (8).

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