Stefan Paas über die Krise der Mission und einen hoffnungsvollen Weg

Europäische Uhren ticken anders. Modelle des Gemeindewachstums, Missionsstrategien usw. werden allzu oft von nordamerikanischen Theologen und Pastoren geprägt. Da ist es umso bedeutender, Forscher zu lesen und zu hören, die selbst Europäer sind und den europäischen Kontext kennen.

Stefan Paas, niederländischer Missionswissenschaftler

Stefan Paas ist für mich ein solcher inspirierender Missionswissenschaftler, dessen Gedankengänge mir total relevant erscheinen. Im Folgenden stelle ich deshalb eine Kürzung und Übersetzung seines herausragenden Artikels „The Crisis of Mission in Europe: Is There a Way Out?“ (2012) Scandinavian Evangelical e-Journal (3), 16–51 dar.

 

1. Konversion (Bekehrung, Umkehr) und Zivilisierung

Jesu Umgang mit der Frau, die beim Ehebruch ertappt wird (Joh 8), wurde von den Kirchenvätern unterschiedlich gelesen und gedeutet. Während Ambrosius (339-397 n. Chr.) darin die Aufhebung der menschlichen Gerechtigkeit zugunsten der Gerechtigkeit des Reiches Gottes sah, plädierte Augustinus (354-430 n. Chr.) für eine Transformation der irdischen Gerechtigkeit durch die nun erscheinende Gerechtigkeit des Reiches Gottes. Ambrosius war damit für eine Trennung der Kultur, Augustinus war für ihre Durchdringung (16f). Die Strategie des Augustinus wurde von der westlichen Kirche in ihrer Missionierung praktiziert (17). So war das Christentum bestrebt, nicht nur Gemeinschaften von Christen zu gründen, sondern es wollte auch die Welt beeinflussen. Konversion (Bekehrung zu Christus) und Zivilisierung (Schaffung einer Kultur) gingen zusammen (17). Evangelikale betonten in der Folge (im 19. Jhr.) die individualistische Position: Der Kulturwandel würde durch die Bekehrung Einzelner folgen (17). Wie auch immer, die Kombination von Konversion und Zivilisation gehörten stets zum Grundverständnis christlicher Mission, wobei die Zugänge sich etwas unterschieden (18). Dort, wo das Christentum neu war (Afrika, Lateinamerika usw.), haben Christen ihren Glauben als einen besseren Weg fürs Leben und die Gesellschaft dargestellt (im 19. Jhr. zeigte sich das Christentum in praktischer Hinsicht als überlegen, in Bildung, Medizin, Menschenrechten usw.). In Europa und westlichen Ländern wurde dagegen die persönliche Umkehr auf dem Hintergrund des offensichtlichen kulturellen Christentums betont (18). Hier hatte sich die Denke etabliert, dass die ‚wahren Christen‘ stets eine Minderheit bleiben würden (18f). Aber diese Christen waren von ihren ‚getauften Heiden‘ akzeptiert. Sie wurden im Allgemeinen als die Halter tieferer Quellen einer Gesellschaft [als Salz der Welt?] betrachtet und geachtet (19).

Krise der Mission. Davon kann heute keine Rede sein. Heute ist die Rede von einer Krise der Mission in Europa. Dies hat damit zu tun, dass das (früher bestehende) Band zwischen Konversion und Zivilisation sehr dünn geworden ist (19). Es ist für die Mehrheit nicht mehr einsichtig, warum man Christ werden müsse (19). Ein Missionar mit Afrika-Erfahrung, der nun in Europa lebt, berichtet: In Afrika ist einfach, das Böse zu definieren, zu sehen. Man kann dagegen predigen und sich anders verhalten. Man kann zeigen, dass Jesus einen Unterschied (auch im Leben) macht. Aber im Westen ist schwierig zu sehen, was das Böse ist. Es ist so unklar, worin Jesus im Westen eine Verbesserung darstellt. „So Little that Jesus can do for us“ (20). Darin ist die Krise der Mission begründet: Unsere Gesellschaften waren ein Jahrtausend dem christlichen Einfluss ausgesetzt. Die christliche Mission ist redundant geworden. Hinzu kommt ein Verlust der Sympathie gegenüber dem Christentum. Und auch die Kirche hat ihre Sicherheit verloren. Christentum ist old-school (20). Die meisten Menschen glauben dann auch, dass die Verbindung von Christentum und westlicher Kultur nicht mehr zwingend sei. Und auch wenn manche – mit gutem Willen – den Einfluss des Christentums auf Menschenrechte und humanitäre Werte nicht ganz absprechen, sind sie nicht überzeugt, dass das Christentum nötig sei, um diese Werte auch weiterhin zu praktizieren. Es herrscht der Glaube vor: Wir können auch so gut sein, ohne das Christentum (20).

Die wachsende Kluft zwischen Konversion und Zivilisation führt auch zu Veränderungen in der Kultur, z. B. in unserer Haltung zur Kriminalität (21). Der Einfluss von Augustinus führte zu einem umsichtigen Umgang mit dem Kriminellen, da die Gleichheit und Sündhaftigkeit aller Menschen als theologisches Fundament diente. In einer Gesellschaft der ‚Guten‘ wird sich diese Haltung ändern. Die Gesellschaft wird sich zu einer moralischen Meritokratie (der Einzelne wird aufgrund seiner Verdienste bewertet). Wenn alle gut sind, gibt es keine Entschuldigung dafür, schlecht zu sein. Barmherzigkeit mit ‚Sündern‘ (Kriminellen) wird als Schwäche bzw. moralische Schlamperei ausgelegt. In den Niederlanden ist schon heute eine Zunahme an Härte gegenüber Kriminellen zu beobachten (21). Dabei sind die moralischen Standards der ‚Guten‘ gestiegen. Es entsteht – auf dem Hintergrund von Augustinus bewertend – eine heidnische Ethik der Ehre („pagan ethics of honour“, 21). Dies hat Augustinus an der römischen Gesellschaft kritisiert. Eine Meritokratie kann das Böse eindämmen. Aber sie wird gegenüber den Kriminellen an Härte zunehmen.

And thus, post-Christian nations have killed more People of the ‚uncivilized‘ world in the name of human rights and democracy, than any so-called Christian Nation before them in the name of orthodody and authority (21).

All das führt zum Verlust von Sicherheit/Zutrauen („confidence“) unter Christen (22). Sicher, wir meinen, dass Individuen von einer Konversion profitieren würden. Aber tief in unserem Herzen zweifeln wir, inwieweit unsere Gesellschaft Jesus braucht. Wir finden es unmöglich, als Kirche unsere Gesellschaft zu re-evangelisieren. Aber historisch gesehen war dies stets die treibende Kraft in der christlichen Mission: Die tiefe Überzeugung, dass die Welt mit Jesus besser sei als ohne ihn. Nur wenn wir wirklich glauben, dass es für eine Gesellschaft (sogar indirekt für nicht-Christen) besser sei, wenn möglichst viele Christen sind, werden wir eine Motivation für Mission aufbringen.

We need to re-establish the link between conversion and civilization in the West. We need to do it in a new way, from a minority position, without political control or use of force (22).

Krise der Kultur. Wir sind nicht allein in dem Wunsch, dass es einer neuen Verbindung zwischen Konversion und Zivilisation braucht. Es gibt interessanterweise viele Kulturkritiker, die auch als nicht-Christen dies betonen. Sie erscheinen als „Menschen des Friedens“ (Lk 10,6), die in unserer Gesellschaft agieren.

Paas zählt die Beiträge der französischen Soziologin Danièle Hervieu-Leger, des deutschen Philosophen Jürgen Habermas, des wohl bekanntesten (niederländischen) Biologen Frans de Waal und des britischen Zoologen Richard Dawkins auf (22-24). Als Atheisten erkennen De Waal und Dawkins, dass allein eine naturalistische Weltanschauung keine ausreichende Inspiration für Gutes-Tun sein wird (23). So hat Dawkins in einem Artikel den Slogan geprägt: Atheisten für Jesus (24). Nach Paas gibt es also ausreichend Stimmen außerhalb von Kirche, die nach einer einfachen, schlichten Mission fragen, weil sie die Zusammenhänge zwischen Konversion und Zivilisation erkennen (24).

Ein Ausweg. Wie kann diese Verknüpfung von Konversion und Kultur gestaltet werden? (1) Es ist nicht unsere Mission, das Christentum zu retten, geschweige denn irgendwelche ’nationalen Werte‘ zu retten. Zum ersten Mal [ggf. zum zweiten Mal, wenn man die ersten zwei Jahrhunderte hinzunimmt] müssen Christen in Europa lernen, Mission zu gestalten, ohne am Hebel der Macht zu sitzen (25). Christen sollten aber mutig erkennen, dass die Zukunft der westlichen Kulturen – zu einem großen Anteil – von der Vitalität der christlichen Tradition abhängig ist. Wir müssten mit Wilbert Shenk uns wieder als Fremde innerhalb unserer Gesellschaften sehen (25). Nur wenn wir schwach werden (also jegliche Unterstützung durch die Regierung und unsere historischen Privilegien aufgeben), werden Menschen uns hören wollen (26). Nur wenn Menschen spüren, dass sie nicht von einer institutionellen Macht gedrängt werden, werden sie bereitwillig hören, was Christen zu sagen haben (26). (2) Um eine solche Verknüpfung zu gestallten, müssten Christen darauf verzichten, moralische Höhen aufzubauen. Wir sagen unseren Zeitgenossen nicht, was sie nicht schon wissen. Denn post-christliche Gesellschaften erwarten selbst von jedem, dass er/sie Niemanden diskriminiert. Diese Spannung hängt mit der Moralität („morality“) selbst zusammen, die schnell einseitig werden kann: Denn oftmals war die beste menschliche Ethik die Wurzel für die schrecklichsten erdrückende Regime (vgl. z. B. den Kommunismus, 26). Das Gleiche gilt für Menschen, die nach Gerechtigkeit in einer Gesellschaft streben – sie sind auf der anderen Seite oft erfüllt von Aggression und Wut (27).

Was ist also nötig? Über Jahrhunderte haben Christen eine Ethik („morality“) für die Schwachen vorgelebt, nun bedarf es einer Ethik für die Starken. In unseren pluralistischen Gesellschaften brauchen wir eine Ethik, die Menschen hilft gut zu sein, ohne ihr Gutsein auszunutzen, um auf andere herab zu schauen (27). Mit Martin Luther gesprochen: Wir dürfen nicht die 10 Gebote zu missbrauchen, um unsere Ethik zu einem Götzen zu machen. Charles Taylor fordert, dass die christliche Agape besser artikuliert wird. Nur wenn wir bedingungslose Liebe für unsere Mitmenschen aufweisen, und nur wenn wir der destruktiven Kraft von Sünde uns bewusst sind (in uns und anderen), können wir die hohen moralischen Standards halten ohne arrogant zu werden und unsere Menschen in Bitterkeit und Verachtung zu führen (27).

(3) Die Kirche müsste „mehr mit Jesus machen“. Eine protestantische Kirche in Amsterdam wollte sich mit der jungen Generation verbinden. Die Gründer entwickelten Experten-Treffen mit einigen säkularen Jugendlichen und fragten sie, was denn die Kirche in der Stadt tun könnte, um Interesse bei ihnen und in der Gesellschaft zu wecken.

Darauf hin die Antwort: „Nun, an Kirche sind wir nicht so interessiert. Aber Jesus, das ist ziemlich cool. Wisst ihr, die Kirche sollte irgendwas mit Jesus machen. Ja, das würde helfen“ (27).

2. Bedingungen für die Evangelisation

2.1 Konversion. Die Minderheit entschiedener Christen symbolisiert nicht länger – wie oben dargestellt – das Zentrum der Gesellschaft, sondern wurde an ihren Rand gebracht (28). Die Kirche ist nicht länger Zentrum eines Dorfes bzw. einer Stadt. Daher ist Konversion – nicht wie früher als Hinkehr zu einem allgemein anerkannten Lebensstil – sondern der Beitritt zu einer durch die Mehrheitskultur nicht unterstützen Minderheit (28). Wie kann nun die Kirche die Konversion an die Mehrheitsgesellschaft wieder anschlussfähig gestalten?

2.2 Evangelisation. (1) Konversion hat das Ziel, Menschen wieder mit Jesus, seinem Reich und seinen Gleichgesinnten zu verbinden (29). Das drückt der Begriff Evangelisation am besten aus, nämlich das begeisternde Berichten, was Gott in Jesus Christus getan hat, das Erklären der daraus folgenden Konsequenzen und die Einladung, dieser guten Nachricht eine positive Antwort zu geben. Wie kann nun Evangelisation in der Gesellschaft funktionieren? (2) Evangelisation ist die Tätigkeit christlicher Mission. Aber sie kann nicht von Kultur bzw. Zivilisation getrennt werden.

The church is a missionary, inviting, recruiting church, or she is no church at all (29).

(3) Die Kirche, die nicht mehr evangelisiert, ist ihrem eigenen Tod geweiht (29).

2.3 Die Krise der Evangelisation in unserer Zeit. Es gibt massive Unterschiede zwischen der Evangelisation in unserer europäischen Geschichte und dem Heute (30). (1) Die Kirche ist nicht mehr die kontrollierende Kraft und agiert nun aus einer anderen Position heraus. (2) Es gibt nicht mehr den selbstverständlichen christlichen Hintergrund in unserer Kultur. Evangelisation im 18. und 19. Jhr. während der großen Erweckungsbewegungen (G. Wesley, G. Whitefield, J. Edwards, D. Moody) funktionierte so: Es war die Bekehrung von einem nominellen/kulturellen Christentum zu einem entschiedenen Christsein durch eine persönliche Erfahrung der Grade Gottes für Sünder. Ihre Grundbotschaft war: Du weißt, wie du sein müsstest, aber du lebst nicht so. Bereue und nehme das neue Leben der Liebe und Vergebung Gottes an. / Heute hat die Botschaft therapeutische Züge: Du bist verletzt und abgemüht, aber Gott kennt deinen Schmerz und will ihn heilen, mit dir sein. Er akzeptiert dich so, wie du wirklich bist (30).

Beide Strategien setzen voraus, dass jemand weiß, was „Gott“, „Jesus“, „das Kreuz“, „Sünde“, „Liebe“ usw. bedeutet. Wir nehmen an, dass Menschen mehr oder weniger die biblische Story kennen. Wir nehmen an, dass der Bibel als zuverlässige Quelle vertraut wird. Das Einzige, was zu tun ist, ist eine Entscheidung für Christus zu treffen und wirklich zu glauben, dass Gott uns liebt. Aber Evangelisation heute funktioniert ganz anders (30).

2.4 Post-Christentum und der Ruf nach Fokussierung und Qualität. Der größte Unterschied zu damals ist die Tatsache der religiösen Freiheit bzw. Loslösung von den Privilegien des Christentums. Du kannst ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft sein, ob du religiös bist oder nicht (30). Somit ist Christsein und Bürgersein völlig voneinander getrennt (31). Die nationalen Kirchen verlieren damit ihre zentrale Position. Es gibt auch keine Gesetze mehr, die die Kirchenmitgliedschaft oder den Kirchgang regeln (nur noch in den europäischen Monarchien kann der König seine Religion nicht frei wählen). Es wird also so gedacht: Religion gehört der Kirche. Der Rest der Gesellschaft kümmert sich um das sozial-demokratische Wohlergehen des Staates (31). Damit kann die Zugehörigkeit zur Kirche allein nur intrinsisch motiviert sein (31). Kirchen können nicht länger erwarten, dass Menschen sowieso kommen werden (32). Menschen werden also nur kommen, wenn sie in der Kirche etwas finden, wo sie es anderswo nicht bekommen. Was könnten sie denn in der Kirche finden? Worin besteht nun diese Perle des unschätzbaren Wertes (Mt 13,46)?

Die Kirche ist herausgefordert, diese Perle in ihrer bestmöglichen Art zu präsentieren. Dem Geheimnis des Glaubens wird durch die Sakramente (Taufe und Abendmahl), Musik, Gemeinschaft, Mission, Predigt, gute Gespräche, Kaffeetrinken, Lese-Beiträge, Singen, Anbeten usw. begegnet (32). All diese Dinge müssen in unserer Zeit mit Exzellenz getan werden. Hier haben die meisten Kirchen noch einen langen Weg vor sich.

2.5 Post-Christentum und der Ruf nach Mündigkeit/Reife („Maturity“). In den bisherigen Evangelisationsbewegungen konnte ein Wissen über das Christentum vorausgesetzt werden. Und auch seine (moralischen) Standards waren im Allgemeinen unbestritten (so auch heute z. B. in Amerika). Aber dies ist nicht der Fall in West-Europa (32). Die westlichen Gesellschaften haben teils auch eine starke Aversion (Ablehnung) gegen das Christentum (33). „The Christian story is no longer the ruling story of our culture“ (33). Die Story ist auch nicht mehr bekannt. Stuart Murray erzählt eine Geschichte eines Teenagers aus London, der die interessant erzählte Weihnachtsgeschichte hört und seinen Lehrer fragt, warum sie dem Baby nach einem „Schimpfwort“ genannt haben (33).

Im Allgemeinen sieht die post-christliche Gesellschaft so aus: Da ist eine kleine Gruppe entschiedener Christen sowie eine kleine Gruppe von entschiedenen Gegnern (Menschen, die Religion albern und gefährlich finden und es lautstark vertreten) und eine große Gruppe in der Mitte, die von beiden Seiten unter Druck gesetzt wird, aber im Allgemeinen das Christentum nicht plausibel [und relevant] findet (33). Warum ist das so? Eine Antwort hängt mit der modernen Geschichte des Rationalen (Rationalismus) zusammen (33). Zudem ist modernes Leben ein Leben unter menschlicher Kontrolle (34). Weiterhin glauben viele, dass Religion gefährlich sei oder sie raube einem jegliche Lebensfreude. Sie bringt uns weg von dem allgemein Guten und macht zu Feinden menschlicher Wünsche nach Freundschaft, Sexualität, Unterhaltung und Arbeit. Das bedeutet nicht, dass man in der modernen Gesellschaft nicht religiös sein kann. Aber es ist allgemein kulturelles Empfinden, dass die Wissenschaft Gott überflüssig gemacht hat und Religion gefährlich sei. Dieses Empfinden basiert weniger auf Argumenten, sondern wird schlichtweg gefühlt (34). Erwachsen zu werden bedeutet in unserer Gesellschaft, dem Weihnachtsmann und Gott goodbye zu sagen. Religion ist für Kinder, deshalb sind religiöse Brauchtümer in der Erziehung nicht uninteressant. Und weil im religiösen Glauben immer eine Spur von Unmündigkeit mitschwingt, macht es viele Glaubende unsicher und höhlt damit ihren missionarischen Eifer aus (34).

Deshalb brauchen wir Menschen, die das Christentum der Masse, die die Bibel nicht kennt und Christianesisch nicht spricht, erklären kann (34). Aber all dies wird nicht helfen, wenn wir nicht verstehen, warum Menschen dieses Empfinden über Religion als attraktiv haben (35). Teil der Evangelisation muss daher sein, dass wir diese Narrative der Autonomie und des Heldentums entwirren. Unser Hauptproblem sind nicht die fehlenden Argumente, sondern uns fehlt die Vision, was es bedeutet ein religiös Erwachsener zu sein. Nur wenn Menschen anfangen zu glauben, dass Christsein aufregend und ein Abenteuer ist, also passend für die Mutigen, werden sie bereit sein, unseren Argumente zu hören (35). Als Nachfolger Jesu müssten wir als solche gesehen werden, die dem mündigsten aller Menschen folgen. Christsein ist das Folgen einem Menschen, der das höchste Gut wahrhaftig verkörpert hat. Die beste Apologetik ist also die, eine provokative Kirche in diesem Sinn zu sein (35).

2.6 Postmoderne und der Appell zur vollen Menschlichkeit. Die Postmoderne hat den Rationalismus hinterfragt und im Allgemeinen die Sicherheiten des Lebens destabilisiert (35). Was bedeutet dies in Bezug auf Evangelisation? Traditionell konzentriert sich Evangelisation auf die Überzeugungen der Menschen (35f): Du meinst, du bist gut, aber in Wahrheit bist du ein Sünder. Wenn du Gott glaubst, bekommst du das ewige Leben (36). Oder. Du glaubst, du bist wertlos, aber sei gewiss: Gott liebt dich wie du bist. Wenn du nur Jesus glaubst, wird sich deine Welt verändern. Du bekommst eine neue Identität. Diese Art der Evangelisation ist nicht falsch. Es ist nur das Problem, dass sie stets mit der Überzeugung der Lebensveränderung („life-change“) arbeitet. Es beginnt bei einer Weltanschauung und setzt voraus, dass Menschen dies ändern werden, wenn sie (auf rationale Weise) von der Wahrheit überzeugt worden sind. Es nutzt dieselben Gesetzmäßigkeiten wie eine spirituell angehauchte rational-emotive Verhaltenstherapie: Es impliziert, dass unser Problem in falschen oder unlogischen Glaubenssätzen liegt. Mit anderen Worten: Bekehrung funktioniert meist in der Ansprache des Verstandes (36).

Aber in der Postmoderne geht diese Strategie ins Leere. Glaube bzw. Spiritualität wirkt nicht primär durch Überzeugungen, sondern Emotionen und Instinkte (36).

Der Unterschied zwischen Glaube und Unglaube ist nicht eine Frage rationaler Urteile, sondern eine Sache unterschiedlicher Orientierungen, „or ‚loves‘ (Augustine)“ (36). Der christliche Glaube ist kein Argument, sondern eine Neigung (Affekt; „affection“, J. Edwards). Für die Evangelisation bedeutet dies, dass wir die Menschen ernster nehmen müssen. Konversion geschieht durch Änderung unserer Neigungen bzw. Haltung („affections“). Missionswissenschaftliche Forschung zeigt, dass Musik, Bilder, die Schönheit von Gebäuden, Gerüche, Temperatur, gute Geschichten – im Allgemeinen die Atmosphäre, die Freundlichkeit der Glaubenden und ihre Haltung und Freundschaftlichkeit einen direkten Einfluss auf die Konversion von Newcomern hat (36f). Das sind keine „netten Extras“, sondern für den postmodernen Menschen die „Sakramente“ (37). Durch diese Art wird das Evangelium auf der nicht-rationalen Ebene verkörpert, so dass es den ganzen Menschen, nicht nur sein Hirn anspricht (37).

Daher müssen wir vorsichtig sein mit unserer bisherigen Art des Verständnisses von Evangelisation. Wir brauchen ein eher ganzheitlichen Zugang, der die Menschlichkeit würdigt. Interessanterweise geschah genau dies in der frühen Kirche. Dort bezog sich Evangelisation nicht auf eine punktuelle Entscheidung, sondern es war ein sich entwickelnder Prozess, der mehrere Jahre andauern konnte und der Bibelstudium, Face-to-Face-Unterhaltungen, Gottesdienste, bestimmte Rituale, Lehrunterweisungen, Coaching und geistliche Leitung, Fasten usw. enthielt (37). Kurzum: Wir benötigen einen ganzheitlichen und prozess-orientierten Ansatz der Evangelisation (Menschen kommen nicht zum Glauben in einer einzigen großen Entscheidung, sondern in vielen kleinen Mini-Entscheidungen).

Zudem müssten Kirchen/Gemeinden mehr Raum für Zweifel und Kritik (persönliche Auseinandersetzung) dem postmodernen Menschen bieten. Vieles entsteht im Dialog. So braucht es Raum für Zweifel und ihre Äußerungen. Paradoxerweise bedarf diese Haltung für die Kirche eine starke Überzeugung/Festigkeit und einen soliden theologischen Rahmen. Eine Kirche ohne Überzeugungen kann keinen Raum für Zweifel schaffen. Es wichtig, eigene Überzeugungen des Glaubens zu haben und gleichzeitig Verständnis für Skepsis, Zweifel und Fragen zu zeigen (37).

2.7 Zusammenfassung [nur gekürzt].

1. We need to focus on our core business. … What is the pearl of great value that can be found nowhere else?
2. We must leave behind a monopolist attitude, and be serious about the quality of our programmes, and the level of motivation of our members. …
3. We need good theology and apologetics. It is important that theology is done on the market place, that it goes ‘public’ again.
4. We need a convincing picture of Christian adulthood. Christianity must become an adventure again, a challenge for the brave.
5. Evangelism must be holistic: we must take seriously that human beings are primarily driven by instincts and affections rather than by reason. Therefore we need a great variety of approaches, and especially those approaches that target the emotions and affections of people. …
6. Evangelism is a process of discovery, a quest rather than a momentary decision. Very often, it will take years for someone in Europe to become a Christian. And even then, we must always keep in mind that a Christian has never arrived. As post-modern people we remain confused and sceptical about much of what we believe (38f).

3. Gemeindegründung und Gemeindeerneuerung

3.1 Die Flut abwenden? Im letzten Teil beschäftige ich mich mit der Strategie: Wie kann das O.g. umgesetzt werden? (39).

3.2 Adaption und Innovation. Seit dem Fortschreiten des Säkularisierungsprozesses wurde zu allen Zeiten eine Erneuerung/Re-Evangelisierung Europas ausgerufen (40). Diese Beispiele – wie z. B. das von Gerhard Hilbert (1916) – zeigen, dass mehrheitlich in Strukturen der Adaption gedacht wurde. Diese nimmt an, dass die Mehrheitsgesellschaft christlich geprägt sei und wieder eine Anpassung an das wahre Christsein zu erleben hat. Unsere Situation verlangt aber nicht nach Adaption, sondern nach INNOVATION. Adaption bedeutet: Wie können wir den morgendlichen Gottesdienst verändern, so dass Teenager gerne kommen? Wie kann der Pastor effektiver predigen? Innovation fragt: Warum haben wir einen morgendlichen Gottesdienst an erster Stelle? Ist ein öffentlicher Monolog wirklich die beste Form, das Wort Gottes zu verkündigen? (40).

3.3 Ein genauerer Blick auf kirchliche Innovation. Es ist unmöglich Innovation zu planen. Wenn man daraus ein Projekt mit definierten Ergebnissen macht, wird das Ganze wohl nicht mehr innovativ (41). Wie geschieht Innovation? Wenn man nicht auf die Ergebnisse achtet. Zudem geschieht Innovation an den Rändern einer Gemeinschaft, nicht in ihrem Zentrum (41). Das Zusammenkommen unterschiedlicher Menschen in eine Art Labor wirkt begünstigend (42).

Ein Inkubator könnte eine Strategie für bestehende Kirchen sein. Diese benötigen Unterstützung durch die ‚Mutterkirche‘. Inkubatoren werden vom Zentrum der Kirche aus organisiert und unterstützt, um Innovation zu schaffen. Dies kann geschehen, wenn kreative Menschen ermutigt werden, innerhalb oder außerhalb der Organisation etwas zu gründen (43). Innovation kann also nicht komplett organisiert werden, aber sie kann begünstigt bzw. stimuliert werden (44). Wodurch? a) Distanz zum Zentrum mit möglichst wenig Kontrolle, viel Vertrauen und Unabhängigkeit. b) Unerwartete Begegnungen. Es müssen verschiedene Personen mit Vielfalt an Begabung und Persönlichkeit zusammen kommen. c) Unterstützung durch Training, Finanzen, Forschung, gute Netzwerke (44).

3.4 Gemeindegründung. Kann dies durch Gemeindegründung geschehen? Ja und nein (44). Im Allgemeinen ist Gemeindegründung nicht an sich der sichere Weg zur Erneuerung (44). Denn vieles, was hier geschieht, sind letztlich Kopien bestehender Gemeindemodelle (45). Aber Gemeindegründung kann uns zwei Dinge lehren: a) Gemeindegründung hilft der Kirche dort zu sein/hinzugehen, wo die Menschen sind. b) Gemeindegründung betont den Zusammenhang zwischen Kirche und Mission (45).

Was ist nun in Bezug auf Gemeindegründung zu tun? a) Finde Leiter, denen du vertraust. b) Entzerre Strukturen bzw. mach sie flexibler („relax structures“). c) Trainiere und bilde Leiter aus (Mentoring), aber viel stärker an der Praxis orientiert als bisher. d) Bilde Netzwerke. e) Forsche und Lerne von verschiedenen Initiativen um dich herum (50).

Kommentar verfassen