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12 Dinge, wie das Smartphone die ‚Schule‘ verändert

Angelehnt an das hervorragend recherchierte, ausgewogene und interessant geschriebene Buch von Tony Reinke (2018. Wie dein Smartphone dich verändert: 12 Dinge, die Christen alarmieren sollten, Augustdorf.) stelle ich im Folgenden die wichtigsten Folgerungen für Schule und Bildung aus meiner Sicht dar.

Das Smartphone ist wie eine Rasierklinge – nützlich und/oder schädlich (John Piper im Vorwort, 7).

Dieser Generation kommt die einzigartige Aufgabe zu, zu beurteilen, wofür die neuen Medien eigentlich gut sind, und das bedeutet auch zu beurteilen, wofür sie nicht gut sind. Vermasselt diese Generation es, werden Generationen nach ihnen den Preis bezahlen. (Oliver O’Donovan, schottischer Ethiker; 16).

  1. Wir werden süchtig nach Ablenkung

Wir checken durchschnittlich alle 4,3 Minuten unserer Wachzeit das Smartphone (41). Von 8.000 befragten Christen prüfen 54% „innerhalb der ersten Minuten nach dem Aufwachen“ ihr Smartphone auf Nachrichten & Co. (42). Die massive Ablenkungsflut hat psychische, physische und geistliche/spirituelle Folgen (43). Was macht die Ablenkung so attraktiv?

a) Wir halten uns die Arbeit vom Hals. „Der durchschnittliche amerikanische Student vergeudet 20% seiner Schulzeit damit, an einem digitalen Gerät herumzufummeln und Dinge zu tun, die mit dem Unterricht nichts zu tun haben“ (44). Bei Anstrengung fliehen wir in die Ablenkung.

b) Wir halten uns die Leute (um uns herum) vom Hals. Wir weichen aus Situationen mittels des Smartphones, wenn uns diese kompliziert erscheinen oder wir auf „langweilige Menschen“ treffen (44f).

c) Wir halten uns die Gedanken an die Ewigkeit vom Hals. Der menschliche Appetit nach Zerstreuung ist der einfachere Weg, als der, den Stille und Einsamkeit bzw. die Konfrontation mit dem Endlichen bieten (45). Langeweile ist häufig ein Motiv der Flucht in die Ablenkung. „Ohne mögliche Zerstreuung zu leben bedeutet Einzelhaft“ (46). Die schonungslose Realität unserer Sterblichkeit relativiert soziale Medien und unsere Handy-Gewohnheiten (48).

Wenn wir als Christen versäumen, Ablenkungen weise in den Griff zu bekommen, werden wir unsere Prioritäten aus dem Blick verlieren und (…) ‚wir vergessen, wie man mit Jesus lebt‘ (Tony Reinke, 53).

In der Bildung wird ein gutes Ablenkungs-Management benötigt, d.h.

  • alle einstellbaren Ablenkungen (Signale, Piepstöne usw.) auf den Geräten möglichst abstellen
  • Langeweile zulassen bzw. in der Pädagogik bewusst einbauen
  • Balance zwischen Anstrengung und Entspannung (kontrollierter Zerstreuung) halten
  • sich räumlich für definierte Zeiten vom Smartphone bzw. anderen digitalen Geräten trennen

2. Wir ignorieren Fleisch und Blut

Im digitalen Zeitalter (ebenso wie im vordigitaler Zeit) können weit entfernte Leute und Dinge unpassenderweise unsere Aufmerksamkeit verlangen und uns blind machen für die wirklichen Nöte in unserer Nähe (Tony Reinke, 60).

Wir haben keine geteilte Existenz und können nicht zwei Dinge gleichzeitig (und mit voller Aufmerksamkeit) tun (60). [Multi-Tasking ist auch in allen neuesten Selbstmanagement-Ratgebern out und unbedingt zu meiden.]

Im digitalen Raum verlieren wir einen wichtigen Bezugspunkt, unseren Körper (61). „Wenn Zorn die virale Emotion der Online-Virtualität ist, dann ist Freude die christliche Emotion realer Gemeinschaft“ (62). „Christentum ist wahre Körperlichkeit“ (65). Die beiden wichtigsten christlichen Symbolhandlungen – Taufe und Abendmahl – werden ‚körperlich‘ und mit allen Sinnen erlebt (65). [In der jüngeren Psychologie (vgl. Maja Storch, Zürich) geht man von der Merkfähigkeit des Körpers aus.]

„Das moderne Mantra, das wir so oft hören: ‚Ich will Christus zwar nachfolgen, aber mit organisierter Religion will ich nichts zu tun haben‘, ist symptomatisch für das entkörperlichte Denken im digitalen Zeitalter“ (Tony Reinke, 66f).

In der Bildung

  • ist das Einlassen und Fokussieren auf eine Tätigkeit zu bevorzugen (kein Multi-Tasking)
  • sind Begegnungen mit Personen um mich herum im derzeitigen Moment wichtiger als Personen, die aus der Entfernung mich kontakten (mit wohl dosierten Ausnahmen)
  • ist die Körperlichkeit elementar – Je mehr positiver ‚körperlicher‘ Erfahrungen erlebt werden, desto besser steht es um die Gesamtentwicklung des Individuums
  • schlägt die Handschrift das Tippen (das ‚Gerät‘ kann variieren – denkbar ist auch eine ‚Glasscheibe‘ mit einem dazu passenden Stift dazu)

3. Wir lechzen nach unverzüglichem Beifall

Mein Selbstwertgefühl beruhte im Grunde genommen nur noch auf sozialer Anerkennung (Essene O’Neill, 19jähriges australisches Modell in 2015; 70)

Helden werden nach Daniel Boorstin (Historiker) in der digitalen Welt gegen Stars (celebrities) eingetauscht. Helden haben Charakter, bekannt für mutige Taten und gefeiert lange nach ihrem Tod. „Nicht das Image, sondern die Zeit schafft Helden“ (72). [Heldentum entstehen wie guter Wein – es braucht seine Zeit.] Die Medien generieren heute jedoch Stars. „Im Gegensatz zum Helden ist der Star eine Nachricht wert allein wegen seines äußerlichen Charmes und seines glamourösen Auftritts, schreibt Boorstin“ (73). Die lange Zeit zerstört den Star.

Im digitalen Zeitalter ist das [gemeint ist das Atemholen der Seele] vielleicht sogar ein Hauptzweck des Gemeindebesuchs. Wir müssen uns unseren Online-Welten entziehen, um in unseren örtlichen Gemeinden als ein zusammengehöriger Leib zusammenzukommen (Tony Reinke, 79).

In der Bildung

  • ist der Selbstwert des Individuums an etwas Größeres als menschlichen Beifall ‚anzubinden‘: an die Anerkennung durch Gott (Röm 2,29) sowie die Ebenbildlichkeit des Menschen (Gen 1,26f)
  • ist Heldentum (Werte/Tugenden + Training + Zeit/Stetigkeit = Held/in mit Charakter) angesagt, nicht Starallüren
  • bleibt die Herausforderung für das Individuum, mit mangelnder bzw. fehlender Anerkennung verantwortlich umzugehen (ohne Flucht in die Online-Welt bzw. Zwänge jeglicher Art)
  • ist digitaler Content nicht per sé abzulehnen. Vielmehr sollte jeglicher Content wahrhaftig sein und einem größeren Zweck als der Anerkennung dienen.

4. Wir verlieren unsere Lesekompetenz

Tendenziell gilt: Wer wenig liest, dem fällt es auch schwer, sein schlechtes Handy-Verhalten in den Griff zu bekommen (87). Eine nichtwissenschaftliche Umfrage (unter 8.000 Christen) des Autors macht deutlich: a) Personen, die bisher gelesen haben, werden noch begierigere Leser. Medien und Online-Communities wirken als Triebfeder zum weiteren Lesen. b) Ein großer Teil der Befragten gab jedoch auch an, dass ihre Handynutzung die Anzahl der gelesenen Bücher negativ beeinflusse (88).

Die Texte, Schnappschüsse, Tweets in der Online-Welt gleichen einer Cocktailparty. Dagegen kommt das Lesen von Büchern mit viel weniger Reizen daher. „Die bruchstückhafte, fragmentarische Natur der Online-Welt macht diese Art der in Zusammenhängen denkenden Konzentration schwer aufrechtzuerhalten“ (91).

„Bei digitalem Text auf unseren Handys sind wir es gewohnt, ihn flüchtig zu überfliegen. Mit einem gedruckten Buch in der Hand hingegen lesen wir automatisch langsamer, mit einer Geschwindigkeit, bei der wir uns das Gelesene einprägen können“ (93). Grundsätzlich gilt also: Informationsgewinnung benötigt Zeit. In der digitalen Welt werden wir darauf getrimmt, „uns keine Zeit für digitale Texte zu nehmen“ (93). Hauptproblem nach Reinke ist nicht die Lese-Inkompetenz, sondern die Lese-Unwilligkeit (94). Dies hat dann auch zur Folge, dass die Bibel als altes, langes und komplexes Buch gemieden wird, denn „Bibellesen ist eine unglaublich anspruchsvolle Arbeit“ (98).

‚Soziale Netzwerke sind viel zu neu, zu modern, zu hautnah, zu sehr wie ich, um vom wahren Nutzen von Literatur zu profitieren. Um verändert und herausgefordert zu werden, brauchen wir die saubere Seeluft alter Bücher‘, sagt C. S. Lewis (bei Reinke 99).

Für die Bildung bedeutet das:

  • Die Lektüre ganzer Bücher, Artikel usw. fördert die Lesemuskel, weil nur so Zusammenhänge erkannt werden und dem bruchstückhaften Scrollen entgegen gewirkt werden kann. Auch das Lesen der ganzen Bibel bzw. ganzer biblischer Bücher (nicht nur einzelne Verse aus Andachtsbüchern) bleibt ein wertvolles Unterfangen.
  • Im Lesen alter (vor-digitaler) Texte liegt ein großer Schatz. Weisheit ist (nur) über diesen Weg zu erlangen.
  • Das konzentrierte (langsame?) Lesen kann auf digitalen Geräten gefördert werden, wenn mittels eines Stiftes Markierungen gemacht werden.
  • Papier ist nur deshalb besser wie Pixel, weil ein Buch die Reize minimiert und bei vielem Lesen die Augen schont. Es gibt aber auch Alternativen zum Papier, siehe.
  • Papier ist besser als Pixel für visuelle Lerntypen. Sie merken sich dann, wo etwas im Buch/Artikel stand. Das Scrollen auf dem Bildschirm steht diesem Umstand entgegen.

5. Wir ernähren uns von künstlichen Produkten

Reinke unterscheidet zwischen dem Original (Gottes Schöpfung, Gottes Offenbarung in Jesus Christus) und dem Re-Produzieren des Menschen (alle kulturellen Erzeugnisse) (102-105). Die Berücksichtigung dieser Unterscheidung und die dankbare Reaktion des Menschen führt auch zur Balance im Umgang mit den Medien und zu ihrer passenden Einordnung (106f). „Christus ehrende Kunst bedeutet, dass alles, was wir auf unseren Handys erschaffen, teilen und verbreiten – Gemälde, Musik, Fotos, Gedichte und Bücher – Gottes natürliche und besondere Offenbarung verstärken kann“ (107). „Wir müssen uns bewusst sein, dass der gesamte Inhalt des Handydisplays eine Reproduktion ist. Das ist weder gut noch schlecht, sondern eine Realität“ (108).

Früher machten die Leute etwas, veröffentlichten es anschließend und erhielten ggf. Beifall. „Heute ist der antizipierte Beifall die treibende Kraft für das Verhalten oder die Aktivität“ (Donna Freitas bei 109). „Handys mit sozialer Netzanbindung verwandeln uns – und unsere Familien und Kinder – in Schauspieler“ (109).

Musiker bitten auf ihren Tourneen ihre Fans immer häufiger, die Konzerte nicht mit ihren Handys zu filmen. ‚Lasst das Handy in der Tasche und genießt den Augenblick‘, sagen sie. Diese Aufforderung entspricht in gewisser Weise der Freude des Christen an Gottes Gaben (Tony Reinke, 112).

In der Bildung

  • kann das intensive Beschäftigen mit originaler Wirklichkeit von Gott erst das scharfsinnige Beurteilen reproduzierender Kunst ermöglichen.
  • sind wir nicht „rückwärts gerichtet, fort von jeglichen digitalen Medien, sondern nach vorn und offen für neue Technologien. „Christliche Kunstschaffende tun das alles mit der Zielsetzung, Gottes Herrlichkeit widerzuspiegeln, die Welt mit einer biblischen Weltsicht bekannt zu machen und die Hoffnung des Evangeliums zu verkünden“ (Reinke, 115).
  • erlangen wir Weisheit, wenn wir unser jetziges Leben (den Augenblick) im Glauben genießen und die Herrlichkeit der Wirklichkeit Gottes zu feiern lernen (112).

6. Wir werden, was wir liken

„In unserem innersten Kern wollen wir uns anpassen, um unsere Identität zu finden“ (125). Identität wird besonders durch zwei Kräfte geprägt: „Wir werden wie das, was wir anschauen. Wir werden wie das, was wir anbeten“ (126). Beim Ersteren orientieren wir uns an dem, „was wir meinen, dass andere es von uns denken“ (124). Beim Zweiten haben wir die Wahl zwischen Erschaffenem (Götzen) oder der Anbetung des Schöpfers (Christus) (127).

Wenn wir Christus anbeten, werden wir wie Christus (Tony Reinke, 128).

Wir sind als Gottes Ebenbild erschaffen. Es bedeutet, „dass wir aus zwei Gründen existieren: 1.) um in dem unendlichen Wert des Schöpfers Erfüllung zu finden und 2.) der Welt zu zeigen, wie herrlich und zutiefst erfüllend er ist“ (130).

Unterwerfung unter ein geschaffenes Objekt wie ein Smartphone ist Götzendienst, wenn dieses erschaffene Objekt oder Werkzeug unsere Lebensziele bestimmt (Tony Reinke, 130f).

In der Bildung ist

  • die Ebenbildlichkeit des Individuums mit Gott zu prägen, damit eine durch diese Wahrheit geprägte Identität in die Freiheit führt, Gott über all den Dingen dieser Welt zu suchen und das Smartphone als das zu behandeln, was es in Wahrheit ist – ein Werkzeug.

7. Wir vereinsamen

Einsamkeit ist der Zellkern der Psychiatrie (J. H. van den Berg, Psychiater in Reinke, 136).

Technik bietet uns viele Vorteile, aber auch einen Fallstrick: die Isolation! (137). „Je besser die Technik wird, desto mehr ersetzen Maschinen die Menschen, und Automation ersetzt Interaktion“ (138). Bedenke:

  • Zusammenkommen um ein Feuer -> Zentralheizung
  • Nachrichtenaustausch in der Kneipe/Dorfplatz -> Zeitunglesen
  • das kleine Kino im Stadtviertel -> Privates Fernsehen
  • Besuch einer Orchesteraufführung -> Plattenspieler -> Transistorradio -> Ghettoblaster -> Walkman -> iPod (138f)

Damit ist von einer „Miniaturisierung und Personalisierung der Technik“ zu sprechen (141). „Das Smartphone verursacht eine gesellschaftliche Umkehrung: Plötzlich haben wir den Wunsch, in der Öffentlichkeit allein und in der Abgeschiedenheit niemals allein zu sein“ (141). Zudem folgt ein zunehmender „Heimatortverlust“, der mit einer Entwurzelung an einen Ort einhergeht (142).

Reibung ist der Weg zu echter Authentizität, und keine noch so ausgeprägte Online-Kommunikation kann einen Mangel an echter Integrität beheben (Tony Reinke, 143).

„Gleichzeitig braucht diese Von-Angesicht-zu-Angesicht-Authentizität wahres Alleinsein“ (144). Dabei ist gerade der Start in den Tag enorm wichtig und entscheidend. Hier greifen 73% von ca. 4.000 Christen vor ihrer geistlichen Andacht, um Emails und die sozialen Netzwerke zu checken (145f). Folgender Gleichung liegt Weisheit zugrunde: „Alleinsein + Fütterung der Eitelkeit = Einsamkeit, die die Seele geistlich aushungert / Alleinsein + Gemeinschaft mit Gott = Qualitätszeit, die die Seele gesund ernährt“ (147).

Für die Bildung bedeutet dies:

  • Es ist alles daran zu setzen, dass Gruppen echte, wahrhaftige, lebendige und positive Gemeinschaft erleben, spüren und auskosten.
  • Es ist alles daran zu setzen, dass Zeiten der Stille und der Einsamkeit – ohne Ablenkung durch digitale Geräte – erprobt und erlebt, manchmal ertragen und auch ausgekostet werden können.

8. Wir leben mit heimlicher Unmoral

Am Beispiel des Ashley-Madison-Plattform zeigt der Autor, „dass ein trügerisches Doppelleben im digitalen Zeitalter ganz einfach geworden ist“ (152). Unter 8.000 Christen bekannten fast 50% der 18-29jährigen Männer fortwährenden Pornographiekonsum. Seit der Einführung des Smartphone sind die Schwangerschaftszahlen von Minderjährigen in England und Wales drastisch gesunken – man vermutet, „dass vielleicht die Neugier, aufgrund der Teenager früherer Generationen Sex ausprobierten, jetzt mit Sexting und Online-Porno befriedigt wird“ (154). Der Verlust der Fähigkeit zu menschlicher Intimität steht bei den Konsumenten der Pornographie in Gefahr (155). Und wir verlernen die Tugend der Selbstbeschränkung (155).

Zu glauben bedeutet, sich die unsichtbare Wirklichkeit Gottes zu fokussieren (Hebr 11; 158).

Je mehr die Augen des Glaubens Gottes unsichtbare Herrlichkeiten wahrnehmen und je mehr die neugeborenen Herzen diese Herrlichkeiten ergreifen, desto stärker verdichten sich alle sichtbaren Herrlichkeiten Gottes in dieser Welt zu ihrer eigentlichen Fülle (Tony Reinke, 160).

Diese christliche Betonung des Unsichtbaren macht das Sichtbare nicht wertlos. Aber das Sichtbare erhält erst dadurch seinen vollständigen Sinn durch das Unsichtbare (160f). Deshalb sind der Konsumismus und das Evangelium von Christus totale Gegensätze (161). „Im Glaubensleben geht es darum, das Ganze zu erkennen, während wir nur einen Bruchteil sehen. Dafür bedarf des der Vorstellungskraft des Glaubens“ (162).

In der Bildung

  • ist diese Dimension des Unsichtbaren beständig in den Alltag einzuplanen. Es gilt, einen Geschmack für das Unsichtbare zu wecken. Dies kann gut durch lebendige Rituale gelingen.
  • sind die Fragen nach Weiblichkeit, Männlichkeit, erfüllender Sexualität aufzugreifen und positiv zu prägen.
  • ist angesichts der Zahlen eine positive in der realen Welt verortete Jungenarbeit aufzubauen und zu etablieren.

9. Wir verlieren den Sinn des Lebens aus den Augen

Wer einen Technik-Pessimismus vertritt (z. B. N. Postman), kritisiert die Symptome nicht den eigentlichen Kern des Problems (168). So war die Lesekompetenz auch vor Facebook ein bekanntes Problem. Nicht die Informations-Überflutung ist das Problem, sondern unser ungezügelter Appetit auf „Vernetztsein mit der penetranten Dringlichkeit des ‚großen kommunikativen Dramas‘ unserer Gesellschaft“ (Alastair Roberts bei 169f). Die 3 Kernprobleme des digitalen Zeitalters sind:

  • Wir erkennen die Tragweite der Auswirkungen nicht (Passivismus)
  • Wir reflektieren uns und unser Verhalten nicht ausreichend und tiefgründig genug (Narzissmus)
  • Wir geraten in eine existenzielle Verzweiflung (Nihilismus) (173)

Die Lösung kann nur sein (gemäß Salomo, Pred 12): a) Weisheit erkennen und wertschätzen, d.h. Informationen von ihrem Wert her beurteilen, uns vom Lärm der Neuigkeiten abschotten, Lesekompetenz ausbauen (173f). b) Ernsthafter Gehorsam und Gottesfurcht ist wichtiger wie Zugang zu Informationen und Prominenz in den Social Media (174). c) „Bei all dem Lärm müssen wir unsere Freiheit in Christus ergreifen“ und damit einen gesunden Abstand vom Ansturm der Online-Inhalte und inflationärem Wildwuchs gewinnen (175).

In der Bildung

  • gilt es zu lernen, zwischen den Hauptdingen (Sinn, Weisheit, Gottesfurcht) und den Nebendingen (Information, Wissen) zu unterscheiden. Das Erstere hat Vorrang und hilft in der sachgemäßen Einordnung des anderen.
  • gilt es, einen befreiten Lebensstil vorzuleben, schmackhaft zu machen und die Freiheit in Christus zu betonen.

10. Wir haben Angst, etwas zu verpassen

Die Kern-FOMOS („fear of missing out“ / Angst, etwas zu verpassen) in der Online-Welt sind: Status-Angst und Netztrennungsangst (179). Die FOMO-Angst geht ganz grundsätzlich auf den Fall des Menschen in Gen 3 zurück und kann in Einsamkeit und Leid an Dynamik gewinnen sowie befeuert den Neid (180-184). „Hinter der ersten Sünde stand der Wunsch nach einem ‚anderen‘ Leben“ (184).

Der Reiche und der arme Lazarus (Lk 16) symbolisieren zwei Wirklichkeiten. Der Reiche stellt die FOMO-Angst dar: Es ist die Angst des „Zu-Kurz-Kommens“. Und Lazarus, „der offenbar in jeder erdenklichen Weise zu kurz gekommen war“ (185). Die Tragik ist, dass der Reiche – was er mit allen Mitteln vermeiden wollte – der Lüge glaubt und „das ewige Zukurzkommen“ erhält (185f). „Lazarus lernte diese herrliche Wahrheit: Der Himmel ist Gottes ewige Antwort auf alle FOMOs dieses Lebens“ (187).

11. Wir werden hart zueinander

Mittels der App „peeple“ sollten Menschen anhand eines Punktsystems von 1-5 Sternen bewertet werden. Das Ganze geriet aus dem Ruder. „Bewertungen auf öffentlichen Plattformen neigen immer dazu, destruktiv zu sein, wie wir instinktiv wissen“ (190). Stattdessen gibt die Heilige Schrift einen Weg vor, wie Sünden und Vergehen anzugehen sind (Mt 18,15-20).

„Für Menschen, die nicht als Schlichter in eine konkrete Situation berufen sind, besteht die sehr reale Versuchung, Fälle aus der Ferne zu beurteilen, voreilige Schlüsse zu ziehen und online um breite Rückendeckung zu werden“ (193). Diese Mechanismen gab es in früheren Zeiten auch (z. B. Stammtisch-Gespräche, Dorfplatz-Getratsche usw.), nur dass durch die Online-Medien die Verbreitungsmöglichkeit überdimensional hoch ist und der Einzelne nicht in eine echte face-to-face-Diskussion eingebunden ist.

Das biblische Verständnis von Verleumdung (Jak 4) ist ein anderes wie das der gegenwärtigen Kultur. Nach Jak 4 ist jede Rufschädigung einer Person, auch wenn der Vorwurf wahr ist, unrechtmäßig (194f). „Gott will, dass wir uns darin üben, die Sünden anderer in Liebe zu bedecken…“ (197).

Die leichteste Arbeit der Welt ist es, Fehler zu finden (Charles Haddon Spurgeon bei Reinke, 197).

Für die Bildung bedeutet das:

  • Gegen Mobbing ist jeder. Wir brauchen ein tiefer gehendes Verständnis von Verleumdung (Mobbing) als es im Allgemeinen vertreten wird.
  • Wir müssen Strategien lernen, wie wir mit Fehlern anderer umgehen sollen (auch in Beziehung von Unbeteiligten).
  • Einfacher als verbales Lästern ist das Lästern in der digitalen Welt. Hier gilt es zu überlegen, wie wir uns selbst begrenzen können.
  • Chats und ihre Kommunikationsdynamik haben anscheinend eigene Gesetzmäßigkeiten. Diese gilt es gedanklich zu durchdringen und destruktive Verhaltensweisen bewusst zu machen.

12. Wir verlieren unseren Platz in der Zeit

Es gibt eine Zeit zum Lachen, eine Zeit zum Weinen… (vgl. Pred 3,1-8). „Aber im digitalen Zeitalter kommen diese wechselnden Zeiten zu schnell auf uns zu, und weil sie so schnell kommen und gehen, spüren wir selten das ganze Gewicht unserer Gefühle“ (209). Wir neigen uns von unserem „Platz in der Zeit“ zu entfernen, indem wir a) den Überblick verlieren, b) die Ziel- und Prioritätenfindung für uns aus den Augen verlieren und c) etwas Gottloses in der digitalen Welt konsumieren, trennen wir uns von Gott (210f).

In der Bibel tritt die Zerstörungskraft des Götzendienstes nirgendwo deutlicher zutage als bezüglich des Erinnerns und Gedenkens an Gott, und aus diesem Grund sind kulturelle Götzen die stärkste Ausdrucksform der Gottvergessenheit (Tony Reinke, 211).

Wir entkoppeln uns also von der Erinnerung an Gott (seine Barmherzigkeit, Güte usw.) und erhalten damit eine neue Bewertung der Wirklichkeit (211). Es geht darum, eine „Theologie des Erinnerns“ zu entwickeln, wie sie z. B. in den Psalmen und NT dokumentiert wird (vgl. 217-220). Wir erinnern uns Sterbens Christi, der Allmacht und Güte und Allgegenwart Jesu, unserer dunklen sündigen Vergangenheit und der Gnade Gottes an uns usw. (219).

Für die Bildung bedeutet dies:

  • Es gilt das Erinnern an Gott und seine Wirklichkeit zu fördern, wach zu halten.
  • Nicht jeder, der eine Smartphone oder eine Kalender-App hat, kann gut mit seiner Zeit haushalten, Ablenkungen minimieren, Prioritäten und Ziele setzen usw. Zeitmanagement ist eine Kunst, die durch Training digital oder analog erworben werden muss.

 

 

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