Lebenskunst

#1.1 Der ’neue Mensch‘ und unser Optimierungswahn

Thaddaeus Koroma, Blogger und Trainer für Selbstmanagement aus Berlin, inspiriert. Mir gefällt seine Metapher „Lebensathlet“, die körperliches und mentales Training für die persönliche Entwicklung hervorhebt. Sein Clip „Zwei Leben“ motiviert, begeistert und hat schon fast spirituelle Züge.

Ich bin ich und ich bin hier. Dieser Slogan prägt sich ein. Thaddaeus Koroma begeistert, indem er zu einem selbst bestimmten Leben herausfordert. Das Leben ist endlich – es solle daher wirklich gelebt werden. Mir kommt sogleich Psalm 90,12 in den Sinn.

Gleichwohl schwingt in diesem Clip (und ähnlichen Beiträgen im Internet) eine Denke mit, die Stefanie Duttweiler als einen neuen Optimierungswahn in neoliberalen Gesellschaften bezeichnet hat.

Die Idee eines Neu-Werdens des Menschen hat über das Christentum (z.B. Epheserbrief 4,22.24) in die Moderne gefunden. Die Utopie des 'neuen Menschen' hatte besonders Ende des 19. Jhr. und in der ersten Hälfte des 20. Jhr. Hochkonjunktur (siehe Nationalsozialismus, Kommunismus usw.). Auch wenn das Ende solcher Utopien längst besiegelt ist, hat sich die Idee des neuen Menschen überlebt. "Das Kollektiv wurde [lediglich] gegen das Individuum ausgetauscht, Sozialtechnologien wie Erziehung und Politik gegen Sachtechnologien wie genetische Modifikationen und Digitalisierung. (...) Unterhalb der Ebene einer vollständigen Transformation zu einem Neuen Menschen haben sich zudem Techniken der alltäglichen Selbstoptimierung etabliert - Stück für Stück gilt es, besser, fitter, gesünder, glücklicher zu werden: nicht neu, aber bestmöglich" (Anne Seibring, APuZ 2016, S.3).

Die gegenwärtige Optimierungsmentalität wird vornehmlich von zwei Motivationssträngen getragen: a) Der Mensch als homo oeconomicus bzw. als Unternehmer, der sich selbst managt, zwischen vielen Optionen zu seinem Besten entscheidet und sein eigener Produzent bzw. seine eigene Einkommensquelle. b) Der Mensch als homo psychologicus, der sich selbst als authentisch und einzigartig erfahren, sich verwirklichen, wachsen und entfalten möchte.

„Zentraler Knotenpunkt, an dem sich die Logik des Unternehmerischen mit der Logik der Selbstverwirklichung verbindet, ist der Körper. (…) Der Körper wird zu einem Display, auf dem die Arbeit an sich als Ausdruck des eigenen Selbst – seines Willens, seiner Disziplin, seiner Idealvorstellungen, seines ‚Charakters‘ – sichtbar wird“ (Duttweiler 2016:28f).

Duttweiler stellt in ihrem Artikel sodann Felder aktueller Selbstoptimierung vor:

a) Die Suche nach Glück – Seit ca. 30 Jahren ist ein Glücksboom zu beobachten (:29f). „Angesichts der Verunsicherung traditioneller Wert- und Sinnorientierungen ist die Orientierung am Glück zu einer der Problematisierungsformeln für gelungene Selbst- und Lebensführung geworden“ (30). Glück ist dabei etwas Subjektives, zwar nicht selbstverständlich, aber für jeden , zu jeder Zeit, an jedem Ort und in jeder Tätigkeit möglich. „Wer an seinem Glück arbeitet, so wird argumentiert, macht sich frei von Umständen, indem er das Beste aus ihnen macht“ (:30).

b) Die Optimierung des Körpers – Es wird ein unzertrennbarer Zusammenhang zwischen Körper und Selbst hergestellt, so dass die „konsequente, disziplinierte Arbeit am Körper profunde Selbsttransformation bewirken kann“ (:30). „Denn der fitte Körper entspricht nicht nur dem gängigen Schönheitsideal für beide Geschlechter, ihm eignet auch ein symbolischer Mehrwert, der Leistungsfähigkeit und -Bereitschaft, Zielorientierung und Ehrgeiz, Willensstärke und Disziplin, Flexibilität und Agilität anzeigt (:30).

c) Ein neuer Mensch wird man auch mittels Wellness – im deutschsprachigen Raum eine Sehnsuchtsformel (:30f). Der große Gegner ist der Stress. „Erlaubt und gefordert ist, sich ‚etwas zu gönnen‘, die ‚Seele baumeln‘, sich ‚behandeln‘ und ‚verwöhnen‘ zu lassen“ (:31). „Selbstoptimierung qua Wellness ist ähnlich wie die Arbeit am Glück vor allem Management der Umwelteinflüsse“ (:31).

d) Eine umfassende Technik der Selbstoptimierung stellen aktuell die online-gestützten Selbstvermessungssysteme (Self-Tracking) dar (:31). „Neben Selbsterkenntnis ist Self-Tracking daher auch ein Instrument der Selbstvergewisserung und der Verantwortungsübernahme für sich selbst, denn nun wird unmittelbar augenfällig, was man tut und dass das eigene Handeln Spuren hinterlässt“ (:31). Einen motivationalen  Drive erhalten diese Systeme, wenn die Daten in einer Community geteilt werden. Hier spielen dann Belohnungssysteme (z. B. die Bonusprogramme der Krankenkassen) eine Rolle (:31f).

Welche Folgen hat dieser Trend nun?

Menschen sehen die einzige Möglichkeit, wirklich etwas zu bewirken, in erster Linie in der Optimierung des eigenen Körpers, der eigenen Emotionen und Einstellungen. Der Glaube an die Revolution der Strukturen und Systeme schwindet bzw. gerät aus dem Blick.

Alles – Lebensmittel, Farben, Beziehungen, Tätigkeiten, Gefühle – werden permanent dahingehend geprüft, ob sie dem Einzelnen nützen oder schaden. „Tätigkeiten und Menschen [finden] nicht mehr um ihrer selbst willen Beachtung“ (:32).

Die immer besser werdenden Selbstvermessungstechniken machen das Subjekt im Umkehrschluss auch steuerbar – „und nicht zuletzt auch für andere kalkulier-, kontrollier- und verwaltbar“ (:32).

Aus meiner Sicht fehlen dem Optimierungstrend auch bestimmte Perspektiven, ohne denen ein solcher Trend sich selbst emanzipiert und damit auch eine sinnvolle Grenze erhält. Ich sehe insbesondere drei Perspektiven, die unbedingt zu beherzigen sind:

a) Die kulturell-globale Perspektive

Den von Duttweiler treffend skizzierten Techniken fehlt die (Ein-)Sicht, dass es sich dabei vielfach um Luxusprobleme des Westens handelt. Der Appell an das Individuum, sein Leben in die Hand zu nehmen und zu gestalten, kann nur für den kleinsten Teil der Weltbevölkerung greifen. Das Gros der Menschheit ist Strukturen und Zwängen unterworfen (z. B. Armut), die ein Aufbegehren und Selbstoptimieren kaum möglich machen. Es handelt sich also um Luxusprobleme des „Westens“.

b) Die kosmologische Perspektive

Der Optimierungswahn verkennt, dass die Schöpfung bzw. die Welt (Umstände, Arbeit, Strukturen) einer destruktiven Kraft unterworfen ist. Aus christlicher Perspektive ist hier von einer „gefallenen Schöpfung“ (Römerbrief 8) die Rede. D.h. der Glaube, alles kontrollieren und optimieren zu können, ist ein Irrglaube.

c) Die theologische Perspektive

Der Optimierungswahn macht den Menschen zum Subjekt und Zentrum allen Denkens und Handelns. Ja sogar spirituelle Anklänge haben ihre Quelle in dem Selbst, so wie es der wirklich überzeugende Clip von Thaddaeus Koroma implizit vermittelt. Spiritualität ist eine Erfahrung des Selbst und im Selbst zu suchen bzw. zu finden. Damit verkennt diese Denke zum einen die Einwirkung des Übernatürlichen (Offenbarung Gottes) in die Welt und auch die Schwäche und Begrenzung des Menschen vor seinem Gott. Das Erste sucht alle verfügbare Kraft nicht nur in einem Selbst, sondern baut auf Einen, der höher und größer ist als man selbst. Das Zweite grenzt das Selbst ein und führt zur Demut vor dem Einen, der höher und größer ist als man selbst und auch zur Annahme und Akzeptanz der eigenen Grenzen als ‚Gabe von oben‘.

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