Wissenschaft und Religion: Getrennte Welten?

Gülker, S. 2015. Wissenschaft und Religion: Getrennte Welten? APuZ 65 (41-42), 9–15.

Silke Gülker, Projektleiterin zum Thema Wissenschaft und Religion am Wissenschaftszentrum Berlin, plädiert für eine neue Verhältnisbestimmung von Wissenschaft und Religion. Die wesentlichen Thesen ihres Artikels stelle ich hier dar:

These1: In Deutschland herrscht das Weltbild vor (anders etwa in angelsächsischen Ländern), „dass Wissenschaft und Religion zwei substantiell unterschiedliche Weltbilder zugrunde liegen“: Wissenschaft = Wissen, Rationalität, Wahrheit / Religion = Glaube, Irrationalität, Unsicherheit. Die Aussage einer Stammzellenforscherin ist hier charakteristisch: „Als Wissenschaftler kann man ja nicht an alles glauben, was die Kirche einem erzählt“ (9f).

These2: Geprägt hat diese Sicht u.a. Auguste Comte (1798-1857) mit seinem „Dreistadiengesetz“: Das Individuum bzw. die Menschheit soll sich vom theologischen, über das metaphysische zum positiven Staditum entwickeln. Comte verstand seine Philosophie als „Menschheitsreligion“ und inszenierte sich als Stifter einer säkularen Religion (10).

These3: „Wer fortan in der Wissenschaft ernst genommen werden wollte, musste sich an positivistischen Prämissen orientieren – und sich gegenüber religiösen Bekenntnissen eindeutig abgrenzen“. So wurden z. B. zu Beginn des 20.Jhr. religiös motivierte Soziologen aus der Fachgemeinschaft ausgeschlossen, „um eine Etablierung als ernst zu nehmende Disziplin nicht zu gefähden“ (10).

These4: Die Verbindungen zwischen Wissenschaft und Religion sind komplexer, als viele Historiker – aus dieser positivistischen Sicht – wohl zunächst angenommen haben. So hatte auch Galileo Galilei einige Befürworter auf Seiten der Kirche und große Wissenschaftler wie Robert Boyle und Isaac Newton haben ihre naturwissenschaftliche Arbeit aus religiösen Motiven heraus betrieben (10f).

These5: „Offensichtlich hat Comte mit seiner These von der Ablösung der Religion durch die Wissenschaft nicht Recht behalten“ (11).

These6: Am Beispiel der Stammzellenforscherin kann gezeigt werden, dass Religion mit einem institutionalisiertem Wahrheitsanspruch abgelehnt wird, der Glaube aber an „irgendetwas“, das „in schlechten Zeiten“ möglicherweise Halt gibt, durchaus als sinnvoll erscheint (11). Religion ist dann etwas Irrationales für das gute Gefühl in Krisenzeiten.

These7: In der kritischen Auseinandersetzung der Religion wird häufig die ideologische und intellektuelle Dimension von Religion betont und damit abgewiesen. Der Religionsbegriff und seine Funktion ist aber umfassender. So ist Religion auch „ein Mittel zur Krisenbewältigung“ (12).

Der Soziologe Ulrich Oevermann: „Menschen wissen um ihre Endlichkeit und müssen doch permanent, mit jeder kleinen und großen Entscheidung, davon ausgehen, dass ein erfülltes Leben möglich ist. Je deutlicher die eigene Endlichkeit wahrgenommen wird, desto wichtiger wird eine Utopie von einem Jenseits, in dem Erfüllung und Heil möglich sind“ (12).

These8: Man kann Max Weber (gest. 1920) folgend Religion und Wissenschaft als komplementär sehen: „Religion wäre demnach für Fragen des Sinns in Form außerweltlicher Erlösung zuständig, Wissenschaft auf die Erforschung des innerweltlichen Erkennbaren spezialisiert“ (12). Bei einer Selbstbeschränkung auf diese Sphären ist eine friedliche Koexistenz möglich.

Beobachtung: In solchen Auseinandersetzung wird der Wissenschaftsbegriff und seine spezifische Bedeutung praktisch nicht thematisiert. Denn…

These9: Die Wissenschaft als „rein rationale, objektive Wahrheitssuche“ ist längst vielfach infrage gestellt worden und es ist in der Wissenschaftssoziologie keine leitende Annahme mehr (12). Wegen der subjektiven Färbung jeder Wissenschaft sind also auch hier „religiöse Weltbilder (…) als beeinflussende soziale Bedingungen anzunehmen“ (12).

These10: Es ist vielmehr so, dass es erstaunliche Parallelen zwischen Wissenschaft und Religion gibt. So ähneln nach dem polnischen Naturwissenschaftler und Erkenntnistheoretiker Ludwik Fleck (1896–1961) „die gemeinschaftlichen Rituale sogenannter wissenschaftlicher Denkkollektive denen religiöser Gemeinschaften (…). Erst in der gemeinschaftlichen Bestätigung wird eine Hypothese zu einem wissenschaftlich validierten Ergebnis.“ (12). So ist funktionieren gemäß dem französischen Soziologen Emile Durkheim (1858–1917) Religion und Wissenschaft wie Stammesgemeinschaften. Sie sind eine „Quelle religiöser Erfahrung und schaffen zugleich (wenn auch nur vorläufige) Verbindungen zwischen Dingen zur Erklärung bis dahin unerklärter Phänomene“ (12f).

These 11: Auch wenn Religion und Wissenschaft nicht dasselbe sein können, kann man hier dem französischen Wissenschaftssoziologen Bruno Latour folgen, der sie als „unterschiedliche Kommunikationsmodelle charakterisiert“ (13).

„Der Glaube entspricht demnach dem Gespräch in einer Liebesbeziehung: Der oder die Gläubige (wie der oder die Liebende) fragt nicht nach Beweisen; die Basis der Beziehung ist Vertrauen, das durch die Frage nach Beweisen zerstört wird. In der Wissenschaft wird hingegen nach Beweisen gefragt.“ (13)

Jedoch – und das ist entscheidend (!) ist ein präsentiertes wissenschaftliches Resultat das Ergebnis zahlreicher Transformationsschritte und beruht auf implizitem Wissen Einzelner.

„Auch die Akzeptanz eines wissenschaftlichen Ergebnisses hat also mit Glauben zu tun.“ (13)

These12: Aus funktionaler Perspektive kann sowohl Religion als auch die Wissenschaft ähnliche Funktionen in einer Gesellschaft erfüllen. Z. B. wird Endlichkeit in der Wissenschaft transzendiert (in der Religion ist es ein Jenseits), wenn mit Hilfe wissenschaftlicher Experimenten die menschlichen Grenzen überwunden werden (13).

„Wissenschaft und Religion voneinander zu trennen ist also nicht so einfach und selbstverständlich, wie manche Debatten es nahelegen. Das gilt sowohl für den Entstehungsprozess, also die Produktion von wissenschaftlichem Wissen, als auch für dessen gesellschaftliche Akzeptanz.“ (13).

Fazit: Wissenschaft und Religion sind historisch und gegenwärtig miteinander verknüpft und es wäre in der Zukunft lohnenswert, die (in Deutschlang) gängigen Säkularisierungsthesen neu auf den Prüfstand zu stellen und eine (komplementäre) Neubetrachtung vorzunehmen (15).

Mein Statement: Wer polemisch gegen die Wissenschaft bzw. die Religion urteilt, sieht nicht das ganze Bild der Wirklichkeit und verrät sich einer allzu einseitigen Betrachtung.

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