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Auf der Suche nach Männlichkeit

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Der im März 2017 verstorbene klinische Psychologe, Joseph Nicolosi (1947-2017), schildert auf der Seite des Dt. Instituts für Jugend und Gesellschaft ein eindrückliches therapeutisches Beispiel eines Jungen und seiner Eltern. Auch wenn die reparative Therapie heute umstritten ist, die automatische Abfolge eines Elternverhalten auf das Kind zu hinterfragen ist und ich mich bei Fragen, Umgang und Bewertung von Homosexualität grundsätzlich an Christophe Yuan und Rosaria Butterfield halte, zeigt J. Nicolosi einige spannende Perspektiven für das Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit auf.

Mein Statement zum Artikel: Das Fallbeispiel zeigt, wie bedeutend ’sichtbare‘ und männliche Väter für die Identitätsfindung ihrer Söhne (und Töchter) sind. Und es macht deutlich, dass eine komplementäre (zwei scheinbar widersprüchliche Phänomene, die sich aber wechselseitig ergänzen) Beziehung eines Mannes und einer Frau das Beste ist, was Kindern in ihrem Aufwachsen und Erwachsenwerden passieren kann.

Im Folgenden gebe ich den Artikel von J. Nicolosi und Linda Ames Nicolosi gekürzt (auf das Fallbeispiel beschränkt) wieder:

Bei einigen Jungen ist eine Verwirrung in Bezug auf die eigene Männlichkeit deutlich zu erkennen. Dazu möchte ich einige Beispiele nennen, zunächst das von Stevie. Seine Geschichte ist ungewöhnlich.

Eines Tages verband mich meine Sekretärin mit einer Anruferin aus dem nahegelegenen Pasadena in Kalifornien. Ich hörte eine Frau: „Doktor, mein Name ist Margaret Johnson“, begann sie mit zittriger Stimme. – Für einen Moment dachte ich, die Leitung sei unterbrochen worden.

„Sind Sie noch da? Kann ich Ihnen helfen?“

„Ich … ich glaube, ich habe Sie vor ein paar Wochen im Fernsehen gesehen. Das waren Sie doch, oder? Sie diskutierten mit einem Psychiater?“

„Das ist möglich“, erwiderte ich. Ich hatte zwei Wochen zuvor mit einem Aktivisten der Homosexuellen-Bewegung, der häufig in Talkshows auftritt, eine hitzige Debatte im Fernsehen gehabt.

„Wahrscheinlich meinen Sie die Diskussion mit Dr. Isay?“

„Ja“, antwortete sie. „In der Talkshow ging es um kleine Jungen, die lieber kleine Mädchen sein möchten.“

„Stimmt“, sagte ich. „Es war eine Sendung über Identitätsverwirrung und über…“

Mrs. Johnson unterbrach mich entschlossen und bestimmt: „Doktor, Sie haben meinen Sohn Stevie beschrieben. Er ist ein wunderbarer, kleiner Junge, ein ganz besonderes Kind. Aber…“ Sie zögerte: „Stevie ist fasziniert von Mädchensachen, sogar mehr als meine Töchter! Er ist vernarrt in die Farben pink und rot. Er … nun, er spielt sogar mit Barbie-Puppen und … tanzt auf Zehenspitzen durchs Haus wie eine Ballerina.“

Ich hörte aufmerksam zu, als Mrs. Johnson mir weitere Einzelheiten nannte. Ihr Sohn war fünf. „Ich beobachte dieses Verhalten nun seit fast zwei Jahren“, erklärte sie.

Für mich war diese lange Zeit bedeutsam. Es ist in Ordnung, wenn ein kleiner Junge sich mal fragt, wie er wohl mit langen blonden Lokken aussehen würde und deshalb eine Perükke ausprobiert, einfach aus Spaß. Aber wenn er das immer macht und gleichzeitig wenig Interesse an „Jungensachen“ hat, liegt wahrscheinlich ein Problem vor.3

„Und das geht seit zwei Jahren so?“ fragte ich.

Mrs. Johnson muss meine Frage als Vorwurf verstanden haben. Sie klang ein wenig abwehrend, als sie dann antwortete: „Aber seine Lehrerin hat gesagt, ich solle mir keine Sorgen machen. Das sei nur eine vorübergehende Phase. Genau das hat meine Schwiegermutter auch gesagt. Sie gibt Stevie sogar ihre Seidentücher und ihren Schmuck zum Anprobieren. ‘Oma findet ihr kleines Püppchen hinreißend‘ sagt sie ihm dann.“

„Und Sie haben gehofft, dass die beiden recht haben und es sich wirklich nur um eine vorübergehende Phase handelt?“

„Ja. Aber gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass da etwas nicht stimmt.“ Mrs. Johnsons Stimme klang jetzt laut und bestimmt: „Letzte Woche bestand Stevie darauf, dass ich ihm eine Pocahontas Puppe kaufe. Und dann habe ich Sie im Fernsehen gesehen. Sie haben meinen Sohn haargenau beschrieben. Und wenn Sie Recht haben, dann wird Stevie…“ Sie zögerte, als hätte sie Angst, das Wort auszusprechen: „Er wird homosexuell werden, schwul. Das haben Sie gesagt. Und um ehrlich zu sein, deshalb habe ich Sie angerufen.“ Ihre Stimme zitterte wieder: „Doktor, wird mein Sohn später schwul sein?“

Ich wollte auf den Begriff „schwul“ eingehen. Es ist ein politischer Begriff mit sehr viel ideologischem Ballast. Ein besserer, wissenschaftlicher Ausdruck ist „homosexuell“. Aber Mrs. Johnson war weder an der Wissenschaft noch an der Politik der Schwulen-Bewegung interessiert. Sie machte sich einfach Sorgen um ihren Sohn.

So behutsam wie möglich erwiderte ich: „Ohne eine entsprechende Intervention ist es sehr wahrscheinlich, dass ein Junge wie Stevie sich homosexuell, bisexuell oder transsexuell entwickeln wird. Statistisch liegt diese Wahrscheinlichkeit bei 75%. Stereotyp geschlechtsuntypisches Verhalten bei Jungen ist oft eine frühes Zeichen von…“

„Das bedeutet also, dass er homosexuell, schwul wird? Gibt es keine Hoffnung?“

„Er kann es, muss es aber nicht unbedingt werden. Noch ist Zeit, ihm zu helfen, dass er sich in seinem Jungesein und seiner Männlichkeit mehr zuhause fühlt.“

„Gut. Aber was soll ich tun?“ Sie hielt inne. Ich konnte ihre Aufregung spüren.

Männliche und weibliche Identität werden in der Familie gefunden

Während des Telefonats mit Mrs. Johnson bat ich sie, mir ein wenig von Stevies Vater zu erzählen. Der Vater hat eine zentrale Rolle und Aufgabe in der Entwicklung des Jungen und seiner Männlichkeit. Tatsächlich ist er für die Entwicklung der geschlechtlichen Identität des Jungen wichtiger als die Mutter.

Stevies Mutter antwortete: „Mein Mann Bill ist hier. Möchten Sie ihn sprechen?“ Sie bat ihren Mann, ans Telefon zu kommen und informierte ihn kurz über das, was ich ihr gerade gesagt hatte. „Bill, der Psychologe sagt, Stevie könnte homosexuell werden.“

„Also, was können wir tun?“, fragte der Vater schroff. Er war offensichtlich ein Mann der Tat. Im selben Moment beantwortete er seine Frage selbst: „Wir kommen zu Ihnen in die Praxis.“

Ich antwortete, dass das eine gute Idee sei. Außerdem sagte ich ihm, dass mit etwas professioneller Hilfe er und seine Frau lernen könnten, einige wichtige Maßnahmen zu ergreifen und einige familiäre Muster zu ändern, um Stevie zu helfen. Aber zunächst müssten sie verstehen lernen, was überhaupt vor sich ginge.

In der eigenen Männlichkeit oder Weiblichkeit sicher aufwachsen

Am nächsten Tag kamen Bill, Margaret und Stevie Johnson in meine Praxis am Ventura Boulevard. Es war für mich nicht schwer, bei ihnen Anzeichen einer typischen Familiendynamik zu erkennen. Der fünfjährige Stevie war ein hübscher Junge mit einer weißen Porzellanhaut. Er hatte auffallend große Augen, die von langen, schwarzen Wimpern umrahmt waren. Margaret war charmant und gesprächig. Bill, ein erfolgreicher Banker, hatte wenig zu sagen. Für mich war dies ein vertrautes Muster.

Zunächst sprach ich kurz mit der ganzen Familie, dann mit Bill und Margaret allein. Ich wies sie auf einige grundlegende Dinge hin, die ein Junge braucht, wenn er sich heterosexuell entwickeln soll. „Durch Mütter entstehen Jungen“, sagte ich, „durch Väter entstehen Männer.“

Ich erklärte ihnen, was das heißt. Im frühen Säuglingsalter haben beide, Junge und Mädchen, eine emotionale Bindung an die Mutter. In der psychodynamischen Sprache heißt das: Die Mutter ist das erste Liebesobjekt. Sie stillt die primären Bedürfnisse des Kindes. Mädchen entwickeln dann ihre eigene, weibliche Identität, können dabei aber in der Beziehung zur Mutter „bleiben“. Jungen dagegen haben eine zusätzliche Entwicklungsaufgabe – sie müssen sich von der Mutter lösen und sich mit dem Vater identifizieren.

Im gleichen Zeitraum, in dem das Kind die Sprache lernt („er und sie“, „seines und ihres“) entdeckt es, dass die menschliche Welt in zwei natürliche Gegenpole aufgeteilt ist: Jungen und Mädchen, Männer und Frauen. Der Junge wird dabei nicht nur die Unterschiede sehen, er muss sich auch entscheiden, wo er selbst in dieser männlich-weiblich geteilten Welt steht. Das Mädchen hat die leichtere Aufgabe, erklärte ich Stevies Eltern; die primäre Bindung an die Mutter besteht bereits. Es muss deshalb nicht diese zusätzliche Entwicklungsaufgabe angehen: Sich von der Person, die ihm in der ganzen Welt am nächsten steht – der Mutter – zu trennen und sich mit dem Vater zu identifizieren. Aber beim Jungen ist das anders: Er muss sich von der Mutter lösen und sich durch Anderssein von seinem ersten Liebesobjekt wegentwickeln, wenn er ein heterosexuell orientierter Mann werden will.

„Wenn es darum geht, ein Mann zu sein, heißt die erste Regel: sei keine Frau,“ schrieb deshalb der Psychoanalytiker Robert Stoller.

Auf der Suche nach Männlichkeit

Hier ist der Vater gefragt. Er muss die Männlichkeit seines Sohnes spiegeln und bestätigen. Er kann mit seinem Sohn balgen, kämpfen, wilde Spiele spielen, solche, die sich definitiv von denen unterscheiden, die er mit seinem kleinen Mädchen spielen würde. Er kann seinem Sohn beibringen, einen Ball zu werfen und zu fangen. Er kann ihm beibringen, wie man einen Holzstift in ein vorgelochtes Spielbrett hämmert. Oder er kann seinen Sohn mit unter die Dusche nehmen, wo der Junge unweigerlich feststellen wird, daß sein Vater einen männlichen Körper hat – genau wie er selbst auch.

Der Junge wird dadurch lernen, was es heißt, ein männlicher Mensch zu sein. Und er wird seinen Körper als Ausdruck dieser Männlichkeit annehmen können. Er wird denken: So also sind Jungen – und Männer – gebaut. So bin ich gebaut. Ich bin ein Junge und das bedeutet: Ich habe einen Penis. Psychologen nennen diesen Entwicklungsprozess: „Die Männlichkeit im Selbstbild verinnerlichen“ (oder „männliche Introjektion“). Dieser Prozess ist ein wesentlicher Bestandteil der Entwicklung zur Heterosexualität.

Ziel ist es, dem Jungen zu helfen, dass er sich nicht von seiner natürlichen Männlichkeit abkoppelt, zurückzieht. Er soll vielmehr ermutigt werden, die männliche Identität, die seinem Wesen entspricht, in Anspruch zu nehmen und zu leben. Es geht nicht darum, aus ihm die Karikatur eines „Macho-Mannes“ zu machen (so ist er nicht und das ist gut). Es geht darum, ihm zu helfen, seine eigene Männlichkeit im Zusammenhang mit seiner eigenen Persönlichkeit und seinen ihm eigenen, besonderen Eigenschaften zu entwickeln.

Auf jener Seite der Kluft, die wir geschaffen hatten, konnten wir der Homosexualität nicht entwachsen. Aktivisten der Schwulenbewegung und Therapeuten, die einen homosexuellen Lebensstil gutheissen, versicherten uns, dass unser Platz wirklich auf jener Seite der Kluft sei. Sie sagten, dass es ein guter Platz sei. Vielleicht stimmt das für andere, für uns stimmte es nicht. Wir wollten mehr. Wir wollten uns mit unseren Ängsten auseinandersetzen, unsere tiefer liegenden Probleme lösen und die Männer werden, die wir nach Gottes willen – so war unser Eindruck – werden sollten. Wir wollten keine Bestätigung als Schwule. Wir wollten Bestätigung als Männer… Wir wollten die tiefen Fragen und Nöte angehen, die zu lösen uns unsere innere Stimme aufforderte.“15

Diese Abkopplung oder Distanzierung hat viel mit einer unsicheren und schwachen Beziehung zwischen Vater und Sohn zu tun. Es gibt Väter, die sich um alles kümmern können, nur nicht um ihre Söhne. Sie engagieren sich und investieren in ihre Karriere, in Reisen, Golf spielen oder andere Aktivitäten, die so überaus wichtig werden, dass sie keine Zeit mehr für ihre Söhne haben. Oder sie merken nicht, dass gerade dieser eine Sohn jede Kritik schnell als persönliche Zurückweisung auffasst.

Aus unterschiedlichen Gründen neigen auch manche Mütter dazu, ihre Söhne länger als nötig von sich abhängig zu machen. Die Vertrautheit einer Mutter mit ihrem Sohn ist ursprünglich, total und ausschließlich. Diese machtvolle Bindung kann schnell zu dem werden, was der Psychoanalytiker Robert Stoller eine „perfekte Symbiose“ nennt. Die Mutter kann die Neigung haben, sich an ihrem Sohn festzuhalten, was zu einer gegenseitigen, ungesunden Abhängigkeit führt – vor allem dann, wenn sie keine emotional befriedigende, von echter Nähe gekennzeichnete Beziehung zum Vater des Jungen hat. Möglicherweise investiert sie dann zu viel Energie in den Jungen und benutzt ihn, um ihr Bedürfnis nach Liebe und Nähe auf eine Weise zu befriedigen, die dem Jungen nicht gut tut.

Ein Vater, der „sichtbar“ ist, der „Profil zeigt“ (d.h., der stark und zugleich zugewandt ist), wird die „perfekte Symbiose“ zwischen Mutter und Sohn unterbrechen, da er instinktiv spürt, dass sie nicht gut ist. Wenn ein Vater will, dass sein Sohn sich heterosexuell entwickelt, muss er diese enge Bindung zwischen Mutter und Sohn sprengen. Sie ist wichtig für den Säugling, tut aber dem Jungen später nicht mehr gut. Der Vater muss ein Vorbild sein und seinem Sohn zeigen, dass es möglich ist, eine liebevolle Beziehung zu dieser Frau, seiner Mutter, zu haben und gleichzeitig die eigene Unabhängigkeit zu behalten. So muss der Vater wie eine hilfreiche Pufferzone zwischen Mutter und Sohn wirken.18

Engagement für eine starke Zukunft

Ich erinnerte Margaret und Bill an die Worte des Psychoanalytikers Robert Stoller „Männlichkeit muss errungen werden“. Was ich damit meinte, war, daß die Entwicklung zur Heterosexualität nicht „einfach so“ passiert. Sie erfordert zugewandte Eltern. Sie erfordert die Unterstützung der ganzen Familie. Und sie braucht Zeit.

Margaret verstand das. „Sie meinen, es ist ein Weg?“, sagte sie.

„Ja.“

„Wie lange dauert es?“

Es war mir war klar, was sie wissen wollte. Wann würde sie wissen, ob Stevie homosexuell werden würde oder nicht? Ich erklärte ihr, dass die entscheidende Entwicklungsphase im Alter von eineinhalb bis drei Jahren liegt, dass aber eine sehr gute Zeit auch noch bis zum zwölften Lebensjahr gegeben ist. „Wenn wir nichts tun, wird er mit dem Beginn der Pubertät – wenn die tiefen, sexuellen Regungen und romantischen Sehnsüchte erwachen – seine Suche nach der eigenen Männlichkeit erotisieren.“

„Erotisieren?“ fragte der Vater und zeigte ein besorgtes Stirnrunzeln.

„Es kann sein, dass er dann anfängt, mit anderen Jungen homosexuell zu experimentieren“, erklärte ich. „Oder dass er Kontakt zu älteren Homosexuellen aufnimmt.“

Bill stöhnte auf: „Das ist der Albtraum eines jeden Vaters.“

Ich hörte die Sorge in seiner Stimme. Wie die meisten Eltern hoffte er, dass sein Sohn einmal heiraten und Kinder haben würde.

„Tatsache ist“, sagte ich ihm, „dass ein Junge, der unsicher und verwirrt ist in bezug auf seine sexuelle Identität, gleichgeschlechtliche sexuelle Intimität ausprobieren mag, und manchmal eben mit einem älteren Mann. Das wird natürlich seine ‘homosexuelle Identität‘ verstärken.“25

Bill setzte sich zurück und runzelte wieder die Stirn: „Doktor, wir werden alles tun, was nötig ist. Wir sind bereit, die Farm zu verkaufen.“ In dem Moment, denke ich, war Bill wirklich überzeugt, dass er „alles“ tun würde, um Stevie zu helfen, egal wie drastisch die Maßnahmen sein müssten.

Ich konnte seine Ängste verstehen und versicherte ihm: „Sie müssen die Farm nicht verkaufen. Den größten Teil der Aufgabe können Sie selbst bewältigen. Seien Sie einfach emotional zugänglich für Stevie. Halten Sie eine warmherzige, zugewandte, liebevolle Beziehung zu ihm aufrecht und lassen Sie es nicht zu, dass er sich Ihnen entzieht.“

In diesem Moment erinnerte ich mich an die vielen Stunden, in denen ich erwachsenen homosexuell orientierten Männern zugehört hatte, wenn sie mir von ihrer Suche nach einem männlichen Partner erzählten, von ihrer tiefen Sehnsucht, von einem Mann geliebt zu werden, von ihrer Sehnsucht nach Nähe und Erotik. Da war eine große Leere in ihrem Leben, die sich bis in ihre frühste Kindheit zurückverfolgen liess, da war die Suche nach Zuwendung, Zuneigung und Bestätigung durch einen Mann und das Bedürfnis, umarmt und gehalten zu werden. Später ging es um das Gefühl, jemand Besonderes für den einen „besten Freund“ zu sein, den es doch „irgendwo da draußen“ geben muss. Viele suchten immer noch nach der Liebe ihres Vaters.

„Seien Sie ein ‘sichtbarer‘ Vater für das Kind“, sagte ich zu Bill.

Er runzelte die Stirn. „Ein ‘sichtbarer‘ Vater? Was meinen Sie damit?“

‘Sichtbar‘ heißt: ‘Zeigen Sie Profil‘, seien Sie stark und zugewandt zugleich. Stevie muss Sie als selbstbewusst, sicher und entscheidungsfreudig erleben. Aber er muss Sie auch als je manden erleben, der feinfühlig, die Familie unterstützend und zugewandt ist. Mit anderen Worten, Bill, geben Sie Stevie Gründe, warum er genauso werden soll und will wie Sie.“

Ich warf Bill einen langen, forschenden Blick zu.

Zu Margaret sagte ich: „Und Sie werden sich zurückhalten müssen.“

Sie wirkte bestürzt. „Ich bin nicht sicher, dass ich Sie richtig verstanden habe. Natürlich muss ich mich um ihn kümmern und…“

Ich sagte: „Was ich meine, ist, bemuttern Sie Stevie nicht wie ein kleines Kind. Lassen Sie ihn mehr alleine tun. Versuchen Sie nicht, Mutter und Vater gleichzeitig für ihn zu sein. Wenn er Fragen hat, sagen Sie ihm, er soll seinen Vater fragen.“

„Welche Fragen?“

„Alle Fragen. Fragen zum Thema Sex, ja. Aber auch alle anderen Fragen. Warum ist der Himmel blau? Warum bläst der Wind? Überlassen Sie Ihrem Mann die Antworten. Überlassen Sie ihm alles, was Ihrem Mann eine Chance gibt zu zeigen, dass er an Stevie wirklich interessiert ist, dass Stevie jemand ganz Besonderes für ihn ist. Er muss sozusagen beweisen, dass er als Vater ihm etwas Besonderes geben kann.“

Viele homosexuell orientierte Klienten erzählen mir, dass ihre Väter ihnen nichts geben konnten. Einer meiner homosexuell orientierten Klienten, ein sechsundzwanzigjähriger Mann, erzählte kürzlich: „Mein Vater war da und doch nicht da. Ich meine, er war zuhause, aber ich kann mich an nichts erinnern, was an ihm besonders oder erinnerungswürdig gewesen wäre.“26

Bill fragte: „Sie meinen also, Stevie braucht keine Therapie?“

Ich antwortete ihm, dass Stevie eigentlich keine Therapie bräuchte. „Er braucht seinen Vater.“

Er braucht seinen Vater. Das konnte ich so leicht sagen.

In der folgenden Woche, als Margaret von Pasadena kam, war sie allein. Und ich muss sagen, es überraschte mich kein bißchen, dass Bill nicht dabei war. Das ist – leider – ein vertrautes Muster. Mütter spüren oft, was getan werden müßte. Aber, wie so oft, scheinen viele Väter die Bedeutung dessen nicht zu erkennen. („Deine Mutter wird das schon machen“, sagen sie.)

„Bill hat Stevie nicht viel Aufmerksamkeit gewidmet“, sagte Margaret fast entschuldigend. „Sogar als wir nach der letzten Sitzung von Ihnen nach Hause fuhren, hat Bill fast nichts mit Stevie geredet. Und so viel ich weiß, hatten sie seitdem keinen einzigen Moment allein miteinander.“

„Was passiert, wenn Bill von der Arbeit nach Hause kommt?“ fragte ich.

„Auf jeden Fall redet er nicht mit Stevie. Er redet kaum mit mir. Er mixt sich einen Martini und stellt den Fernseher an.“

Oh, dachte ich, dieselbe alte Geschichte.

Es war noch nicht einmal eine Woche her, dass Bill gesagt hatte, er würde „die Farm verkaufen“, um seinem Jungen zu helfen. Ich zweifelte nicht daran, dass dieser Vater seinen Sohn liebte und dass er, zumindest in seinem Kopf, wirklich „Großes“ tun wollte. Aber er konnte die kleinen Dinge nicht tun – die alltäglichen Dinge, die alltägliche Zuwendung und Liebe, die notwendig waren, wenn sein Sohn seine Identitätsverunsicherung überwinden sollte. Aber wie es aussah, schaffte Bill es nicht einmal, mit seinem Sohn zu reden. Es ist tragisch, aber es ist das nur zu vertraute Verhaltensmuster. In den letzten fünfzehn Jahren habe ich mit Hunderten von homosexuell lebenden Männern gesprochen. Vielleicht gibt es Ausnahmen, aber ich habe niemals einen homosexuell orientierten Mann getroffen, der sagte, dass er eine von Nähe geprägte, liebevolle und respektvolle Beziehung zu seinem Vater gehabt hätte.27

Meiner Auffassung nach ist das Folgende ein guter „Test“ dafür, wie es um die Vater-Sohn-Bindung steht: Zu wem rennt der kleine Junge, wenn er glücklich ist oder stolz auf etwas, was er getan hat, wenn er Ermutigung sucht oder Spaß und etwas Aufregendes will? Wenn er immer nur zur Mutter läuft, dann stimmt etwas mit der Vater-Sohn-Beziehung nicht.

Ich wollte Stevies Vater noch nicht aufgeben. Trotzdem riet ich Margaret als Notlösung, sich nach einem anderen männlichen Vorbild für ihren Sohn umzusehen. Ein Onkel zum Beispiel, der mit Stevie Angeln gehen könnte. Oder ein Cousin, der dem Jungen Baseball beibringen könnte. Oder andere vertrauenswürdige, erwachsene Männer, die Zeit mit dem Jungen verbringen würden und ihm das Gefühl geben könnten, jemand Besonderes zu sein.

Natürlich ist keine Intervention eine Garantie dafür, dass der Junge sich heterosexuell entwickeln wird. Margaret und Bill können nur Stevies Chance so groß wie möglich machen, indem sie ihm die bestmögliche Umgebung geben. Und ich vertraute darauf, daß Margaret und Bill ihren Sohn ebenso lieben würden, wenn sich ihre Bemühungen als nicht erfolgreich erwiesen.

Aber es gibt vieles, das wir tun können, um ein gutes Fundament zu legen. Und es ist Zeit, dass wir damit beginnen.

Quelle: <http://www.dijg.de/homosexualitaet/maennliche/maennlichkeit-beziehung-vater-sohn/>

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