#0 Lebenskunst-Athlet – Eine Blogserie über das Wesentliche

Der Bonner Professor für Antike Philosophie, Christoph Horn, verweist in seinem lesenswerten Buch Antike Lebenskunst (1998, C.H.Beck) darauf, dass der häufig gebrauchte Begriff „Glück“ seit der Antike eine tiefgreifende semantische Verschiebung erfahren hat. Der Glücksbegriff (auch der heutigen Glücksforschung) „wird weniger auf einen Lebensabschnitt oder auf das ganze Leben einer Person angewendet als auf hervorgehobene Augenblicke, die von Hochgefühlen geprägt sind“ (62). Menschen erleben Glück in besonderen Momenten im Urlaub, Fußballstation, beim Shopping, nach einer Gehaltserhöhung usw. Ein glückliches Leben ist die „Summe solcher Hochstimmungen“. Dabei ist das subjektive Wohlbefinden wichtiger als das objektive Wohlergehen. Man kann es kaum treffender fassen, wenn Horn dann von der Privatisierung des Glücks schreibt, so dass „wir jeder Person nicht nur eine primäre, sondern sogar eine ausschließliche Autorität in der Feststellung ihres Glücks oder Unglücks zugestehen“ (62).

Bildung in der Antike bzw. die Philosophie, die im Allgemeinen auf das praktische Leben bezogen war, suchte dagegen ihr Glück in der Umformung der Persönlichkeit, der Entwicklung wünschenswerter Eigenschaften und der Gewinnung eigener angemessener Lebenshaltung (9). Die eudaimonia, der antike Begriff für Glück par excellence, ging auf die Vorstellung zurück, dass „jemand ein wohlgeratenes, gesegnetes, wunschgemäßes und preisenswertes Leben führt“ (65). Dabei fällt Glück dem Tugendhaftem nicht unverdient zu.

Es war also die Denke prägend, dass eudaimonia der Übung, des Trainings und der Eingewöhnung bedarf. So findet sich wiederholt der Vergleich der Philosophen mit einem Athleten. „Das griechische Verb askein bedeutet ‚etwas intensiv bearbeiten'“ und bekommt erst später die negative Färbung (Askese – eine Verzichtsleistung, um triebhafte und begehrliche Neigungen niederzukämpfen). Anfangs war eher die Mäßigung und die Beschränkung auf einfache Güter – wir würden sagen die Reduzierung bzw. Fokussierung – im Sinn, die zu einer genussvollen Lebensweise führte (32).

Diogenes sagt: „Der Schlaf auf der nackten Erde ist die angenehmste Ruhe.“ (32).

Die Entwicklung der eudaimonia ging dabei stets mit einer geistigen und körperlichen Übungspraxis einher (33). Die antiken Philosophen kannten einen Zusammenhang und ihre Wechselwirkung zwischen geistiger und körperlicher Anspannung sowie Entspannung. Bei dieser Art des Denkens herrschte (noch) keine platonische Dichotomie vor.

Auf diesem geistesgeschichtlichen Hintergrund ist der inspirierende Begriff Lebenskunst einzuordnen, der im Grunde moderne Konzepte wie Selbstmanagement, Selbstführung, Disziplin, Work-Life-Balance umschreibt, sie aber auch überbietet. Denn „Kunst“ ist oft naturgemäß etwas Gegebenes, Empfangendes, Erlebtes – es bietet Raum für ein passivum divinum, das göttliche Einwirken auf den Menschen (vgl. Jürg Bucheggers Dissertation zur Erneuerung des Menschen). Es ist ein Empfangen, nicht nur ein Machen. Und Lebenskunst bezieht den ganzen Menschen mit ein und reduziert das Wohlergehen nicht auf besondere Momente bzw. Zeiten (z. B. Arbeit und Freizeit).

In der Blogserie „Lebenskunst-Athlet“ widme ich mich Themen rund um die Lebensführung, das Sich-selbst-Organisieren, die Entwicklung von Gewohnheiten usw. Ziel ist eine sowohl wissenschaftlich verantwortbare wie auch praktische Darstellung. Dabei nehme ich nur solche Aspekte auf, die ich selbst durchdacht und in meiner Lebensführung eingeübt habe bzw. einübe. Geplant sind folgende Beiträge:

#1 Gesellschaftliche Trends

#1.1 Der ’neue Mensch‘ und der Optimierungswahn (S. Duttweiler)

#1.2 Der Mensch als Selbstausbeuter (Buyng-Chul Han)

#1.3 Eine müde Gesellschaft (Buyng-Chul Han)

#1.4 Die Sehnsucht nach purem Leben

#2 Biblisch-theologische Perspektiven

#2.1 Die Lebenskunst des Jesus von Nazareth (Joh 4,34 u.a.)

#2.2 Der Rhythmus des Meisters (Mk 11,28-29)

#2.3 Wüste – Weg – Fest – das Paradies in uns (W. Vorländer)

#2.4 Begabung und Sendung (M. Malm)

#2.5 Die Transparenz Gottes als theologisches Konzept?! (L. Boff)

#2.6 Gott hören im Alltag (J. Reimer u.a.)

#2.7 Transformation der Gedanken (C. Leaf)

#2.8 Gospel-driven productivity (M. Perman)

#3 Systematisierung der Selbstmanagement-Ratgeber

#3.1 Down-top- / Top-Down-Ansätze berücksichtigen

#3.2 Einordnung diverser Ratgeber in die Systematik (z.B. Linenberger / Covey)

#4 Down-Top-Ansätze

#4.1 Workflow (überwiegend digital)

#4.2 Pareto-Prinzip in der praktischen Umsetzung

#4.3 Prioritäten setzen – unterschiedliche Modelle

#4.4 Umgang mit Mails in Outlook

#4.5 Taskmanagement in Outlook

#4.6 Terminplanung in Outlook

#4.7 Ablage organisieren mit Onenote

#4.8 Ablage und Dateistruktur mit OneDrive (Tipps und Tricks, z.B. Dateiversionsverlauf)

5# Top-DoWn-Ansätze

#5.1 Die Kunst, eine Vision zu finden

#5.2 Sind Ziele immer smart? Zielsetzung kritisch beurteilt

#5.3 Projektmanagement und Tools

#5.4 Einfache Projekte über Outlook und OneNote koordinieren

#5.5 Rückblick halten, Auswerten & Danken

6# Fazit

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