Zwei Erziehungsweisen – Ergänzung oder Widerspruch?

Der Theologe Otto Rodenberg unterscheidet in seinem Artikel Zweierlei Erziehung (in Lubahn, E. & Betz, O. (Hg.) 1992. Von Gott erkannt: Gotteserkenntnis im hebräischen und griechischen Denken, Theologische Studienbeiträge 3, 2. Aufl., Stuttgart.) die vom hebräischen und griechischen Denken geprägte Erziehung.

Die „Erziehung“ – griechisch interpretiert

Grundvoraussetzung ist hier, „daß der Mensch einen guten Kern habe, dessen Möglichkeiten in der Erziehung zu stärken, zu entwickeln und entfalten sind, wogegen die schlechten zurückgedrängt und womöglich ausgeschaltet werden müssen“ (:137). Diese Art der Erziehung bekommt durch Erziehungsziele, die wiederum ganz unterschiedlich – positiv wie negativ – formuliert werden können, ihre Stoßrichtung und Kraft. In der griechischen Sphäre ist es sodann geeigneter von Bildung zu sprechen.

Die „Erziehung“ – hebräisch interpretiert

Im hebräischen Denken dominiert das Verb (nicht ein Substantiv!) „jasar“ (ziehen bzw. züchtigen) das Geschehen. Es bedeutet „vor allem zurechtbringen, auf den rechten Weg bringen. Es ist ein Ausdruck der Therapie auf dem Grunde einer bestimmten Diagnose“ (:143). Alles erzieherische Handeln zielt auf Gott, wird durch Gott bewirkt – sie zielt auf und wurzelt in einer Beziehung (mit Gott). Gott ist der erste Erzieher (vgl. z. B. Hebr 12).

Prägnant formuliert bedeutet dies:

  • griechische Erziehung: Bildung ist Entwicklung zum Besseren mit Vermeidung des Schlechten
  • hebräische Erziehung: Erziehung ist Heilwerden in und durch Beziehung (als passivum divinum – d. h. Gott ist im Spiel)

Die entscheidende Frage ist nun:

Ist das Griechische und das Hebräische ein Gegensatz (entweder … oder) oder eine Ergänzung (sowohl … als auch)?

Rodenberg plädiert dafür, dass wir beide Erziehungsarten unterscheiden, aber nicht gegeneinander ausspielen.

Wenn wir von zweierlei Erziehung sprechen, dann sehen wir uns nicht imstande, uns für die eine und gegen die andere zu entscheiden. Beiden sind wir verpflichtet. Aber wir sehen beide, und wir unterscheiden sie beide, und wir sind dabei dankbar für beide, zugleich aber auch bemüht, an den Eigentümlichkeiten beider besser zu erkennen, welche Gefahrenstellen und Nöte uns drohen, und welche Hilfen uns geboten werden (:137). … Es gibt zweierlei Erziehung, nicht als Alternative, aber im Ansatz und Wurzel (:151).

Christian Education (christlich-integrierte Bildung) wird diese zentrale Frage für sich klären müssen. Ist das Aleph und das Alpha nun ein scharfer Gegensatz? Dann ist es geboten, sich mit aller Kraft gegen das Eine und für das Andere einzusetzen. Oder ist das Aleph und das Alpha nun eine hilfreiche Ergänzung? Dann können beide Erziehungsarten aufeinander korrigierend einwirken.

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