3) BibleWorks 8: eine Predigt mit BW8 vorbereiten

bibleworks8Diese Serie ist eine ausführliche Auseinandersetzung mit BibleWorks 8 (BW8). Neben der Rezension von Prof. Dr. Thomas Hieke, einer Rezension von Hans-Georg Wünch zu BW7 (in JETh 21 (2007), S. 219-221), der Rezension von Prof. Dr. Boris Repschinkski SJ und einem Vergleich zwischen SESB und BW8 existiert nämlich m. W. keine eingehende Würdigung von BW8 im deutschsprachigen Raum.

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So gut eine Bibelsoftware in der Theorie auch ist, ihren eigentlichen Nutzen kann sie erst in der Praxis beweisen. Wie steht es aber mit BW8 diesbezüglich? Also, am 27.02.2011 habe ich eine Predigt zu halten – wie gehe ich mit Hilfe von BW8 vor? Übrigens, hier ein Post von Ron Kubsch, wie Tim Keller sich auf Predigten vorbereitet.

a) Zielsetzung
Am Anfang steht die Frage nach Inhalt und Zielsetzung der Predigt. In diesem Fall ist eine Perikope (in unserer Gemeinde) nicht festgelegt. Hier kann ein längeres „Fragen im Gebet“ eine Strategie für die Auswahl des Predigttextes sein und/oder die relativ zügige Festlegung auf einen Predigttext, der mir aktuell als relevant für die Gemeindesituation erscheint. Da ich in den letzten Tagen einiges über den Dialog mit dem Islam gelesen habe und die Gemeinde hier kontextuell herausgefordert ist, neige ich zu einem Text, der in diese Richtung eine Anwendung bietet.
Kann mich BW8 (bei der Auswahl des Predigttextes) unterstützen?
– ich könnte die bible outline nutzen (letztlich sind es Überschriften über einzelne Abschnitte der Heiligen Schrift)
– weiter stehen mir viele vorbereitetete Ressourcen, die die Texte nach Themen gliedern: the Stephan, Biographical Bible, the Nave, Nave’s Topical Bible, the Thompson, New Chain-Reference Bible und the Torrey, New Topical Text Book
Ich erinnere mich an den Aussage des Paulus „ein Jude den Juden werden usw.“ und suche [.Jude Juden], lande 4 Treffer, wovon 1Kor 9,20 der richtige Vers ist. Nach einem kurzen Überblick entscheide ich mich grob für den Text 1Kor 9,14[oder 15]-23[oder 27]. Den genauen Textumfang kann ich später noch bestimmen.
Ich entscheide mich für die Predigt, die irgendwie in Richtung „die Mission der (univesalen) Kirche mit besonderem Blick auf den Islam am Beispiel des Apostel Paulus“.

b) Texteingrenzung, Kontextfragen, Strukur
Um sich einen Überblick über die Struktur und den Zusammenhang eines Textes zu verschaffen, bietet BW8 das Leedy Greek NT Diagrams und das MacDonald Greek Transcription an.
Leedy ist insofern hilfreich, als es die grammatikalischen Zusammenhänge (insbesondere im Vers selbst) graphisch darstellt (die „lexikalisch-grammatische Textanalyse“ nach H. v. Siebenthal). Der Nutzer hat auch die Möglichkeit, den Text für sich zu erarbeiten und eine eigene Übersicht darzustellen. Dies wir in diesem Fall auch nötig sein, da Leedy hier nur bis 1Kor 9,1-10 eine Übersicht anbietet.
MacDonald arbeitet ähnlich, hebt farblich aber wichtige bzw. aufeiander bezogene Begriffe im Text hervor. Dadurch können wesentliche Schlüsselbegriffe zügig erkannt werden. Auch hier werden Haupt- und Nebensätze durch Einrückungen im Text hervorgehoben. Ich erkenne auf Anhieb, dass mit 1Kor 9,15 ein neuer Abschnitt beginnt (der natürlich sich auf 1Kor 9,14 bezieht) und dass 1Kor 9,23 mit den folgenden Versen nach MacDonald zusammenhängt. Ich kann also meinen Text eingrenzen und lege mich (vorerst) für die Übersetzung auf 1Kor 9,15-27 fest.


c) Textkritik und Übersetzung
Für das textkritische Arbeiten am Text (also die Untersuchung der verschiedenen Varianten und ihre Bewertung) bietet BW8 den Tischendorf, NT Apparatus an. Dieser kann über das Analyse-Fenster direkt angesteuert werden. Abgesehen davon, dass die regelmäßige Predigtvorbereitung bei mir sich am NA 27 (Nestle-Aland NT Graece 27. Aufl.) orientiert (und ich kaum in die Textkritik einsteige), ist der Tischendorfer mir wegen lateinischer Erklärungen nicht zugänglich und daher wenig brauchbar (im Hilfe-Text werden die wichtigsten lateinischen Ausdrücke englisch erläutert).

Eine anspruchsvolle Arbeit kann mit BW8 geleistet werden, indem einzelne griechische Ausgaben (NA 27, textus receptus usw.) miteinander verglichen werden können (Text Comparison Settings). Nach Durchführung zeigt das Programm voneinander abweichende Lemma farblich markiert. Soweit will ich in diesem Fall gar nicht gehen.
Für die Niederschrift der Übersetzung kann ich die Notes-Funktion (oder den Editor) nutzen.
d) Tiefenbohrungen: begriffsgeschichtliche Studien, Hintergrund des Textes usw.
Das Untersuchen einzelner wichtiger Begriffe im Text erscheint mit BW8 relativ simpel.

Indem der Nutzer auf einen bestimmten Begriff mit der Maus im „Browse Window“ zeigt, erscheinen rechts im „Analysis Window“ diverse Verweise auf Lexikas. Je nach Auswahl kann der Nutzer eine ganze Auswahl an Lexikas überblicken oder er arbeitet vornehmlich mit einem Lexikon. Desgleichen kann er auch zügig auf andere Parallelstellen zugreifen, in denen der Terminus ebenfalls verwendet wird.
Über die BibleWorks Timeline erfahre ich, wann der 1Kor allgemein datiert wird und welchem Verhältnis dies zu anderen geschichtlichen Ereignissen steht.

e) weitere Hinweise zur Anwendung von BW8
Der Nutzer kann im Verlauf seiner Untersuchung auf einige Kommentare (u. a. der Kirchenväter) zurückgreifen, sich eigene Notizen zu der untersuchten Stelle machen, über diverse (thematische) Bibellexika sich den Hintergrund des Textes erarbeiten (Paulus, Barnabas und deren Apostelamt, zu Korinth als Stadt etc.). Bei atl. Texten wird auf das Werk Old Testament Quotations in the New Testament (Gleason L. Archer and Gregory Chirichigno) eine enorme Hilfe sein  bzw. den hebräischen Text mit der LXX vergleichen/analysieren.

Für den sprachlichen Background stehen hebräische und griechische Grammatiken zur Verfügung, die im einzelnen (nach dem bekannten Prinzip) zu der jeweiligen Stelle aufgerufen werden können.
Abschliessend bestünde die Möglichkeit, die Notizen zu den einzelnen Versen (auch Teile der lexikalischen Ressourcen zur Stelle) in ein einziges rtf-Dokument zu generieren. Der Nutzer entscheidet über den Umfang der Stelle, die jeweiligen Bibelversionen und die Inhalte, die er aus dem Analysis Window schon kennt. Durch den Export ins rtf-Format kann der Nutzer sich dem Formulieren des Predigtmanuskripts zuwenden.


f) Fazit
Wie der Überblick zeigt, hilft mir BW8 nicht so sehr bei der Ausformulierung der Predigt (wie denn auch! es bleibt etwas individuelles), aber BW8 zeigt Wege auf, wie ich mich mit dem Text vertraut machen kann. Der problemlose Export (mit diversen Einstellungsmöglichkeiten) in mein Textverarbeitungsprogramm vervollständigt den positiven Eindruck.

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