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Richard B. Hays: Zugänge zur neutestamentlichen Ethik

R. B. Hays hat wie kaum ein anderer die Forschung in Bezug auf die ntl. Ethik im Blick. Aus dem folgenden Sammelband habe ich heute diesen Aufsatz gelesen, den ich hier kurz wiedergeben möchte (Quelle: HAYS, Richard B.: Mapping the Field: Approaches to New Testament Ethics. In: VAN DER WATT, Jan G. ; MALAN, François S. (Hrsg.): Identity, ethics, and ethos in the New Testament. Berlin [u.a.] : de Gruyter, 2006).

Hays berichtet zunächst von einer von ihm im Jahr 1995 organisierten Konferenz an der Duke University mit ca. 30 führenden Forschern im Bereich NT, Theologie und Ethik. Die Zusammenkunft scheiterte in dem Sinne, dass sowohl kein Konsens als auch ein Sammelband über die ntl. Ethik erschien. Zu unterschiedlich sind hier die Zugänge, Prämissen und Modelle. Sechst solcher Modelle stellt Hays vor.

1) Historical Description der ethischen Unterweisung im NT
Leitend ist hier die Ethik von W. Schrage. Sie eruiert vor allem die wesentlichen ethischen Inhalte des NT, wobei ein abschließendes Kapitel über die Einheit der ntl. Ehtik fehtl (4f). Allein gelassen wird der Leser – und das ist die Kritik – auch in der ethischen Übertragung. Inwiefern sind die ntl. Aussagen normativ und wie lassen sie sich übertragen? Ethik wird auch als ein Teil der ntl. Theologie verstanden (5f).

2) Ethnographic Description of the Social World of the Early Christians
Bedeutendster Vertreter ist Wayne Meeks (im dt. Raum: Michael Wolter). Meeks versteht sich hier demnach als Kulturantrhropologe, der das „daily life“ der Christen beschreibt. Es geht ihm um das Ethos. Hierbei schöpft er aus allen verfügbaren Quellen (6f).
Auch in diesem Modell scheut es Meeks, die Erkenntnisse in normative ethische Aussagen zu bringen. Er verbleibt lediglich auf einem descriptive level (7f).

3) Extraction of Ideals or Principles
Dies ist wohl in popularwiss. Veröffentlichung und Frömmigkeit gut bekannt. NT-Texte werden auf ihre Prinzipien u. mögliche Ideale hin untersucht und vorgetragen. Bsp: Reinhold Niebuhr. Hat man das ethische Konzept erarbeitet, ist die ntl. Geschichte nich wirklich nötig mehr (8f).
Hier besteht die Gefahr, dass man allzu schnell mit einer Übertragung beginnt. Eine gründliche Exegese kann schnell vernachlässigt werden (9f).

4) Cultural Critique of Ideologies in the NT
In den ltzt. 25 Jahren entwickelt. Die These ist: Die Bibel beinhaltet versch. Ideologien – vor allem patriarchialische – die in Bezug auf die menschliche Gesamtheit destruktiv sind. Die Texte müssen von diesen Strukturen – auch unter Einbezug (persönlicher) Erfahrungen – befreit werden (10f). Bsp.: Schüssler Fiorenza. Man beginnt mit einem politischen oder sozialen Konflikt und nutzt diesen in der Begegnung mit der ntl. Ethik (11).
Hier besteht im wesentlichen die Gefahr (noch stärker als bei Niebuhr), dass die den Texten eigene untergraben wird (12).

5) Character-Formation and ‚the Ethics of Reading‘
Bsp. Stanley Hauerwas. Der Startpunkt sind hier nicht die Texte, sondern die vom Geist geleitete Gemeinschaft. Erst diese Gemeinschaft – die den den Texten mit Gehorsam begegnet – vermag es, die ntl. Ethik richtig zu interpretieren. Hauerwas interessiert sich weniger für einzelne ethische Anweisung, als viermehr an einer „Charakter-Bildung“ der Gemeinschaft (12ff).
Schwierig ist hier, dass dieses Modell nicht erklärt, wie die NT-Texte auch als Korrektiv für die Gemeinschaft gelten können, wenn diese mal nicht vom Geist inspiriert ist. Zudem bleibt immer noch die Aufgabe, die eigentliche ethische Botschaft zu beschreiben (:15).

6) Metaphorical Embodiment of Narrative Paradigms
Vertreter: R. Hays, der von K. Barth, J. H. Yoder und der sog. Yale School geprägt ist. Hier wird die Bibel als eine story gelesen, die Gottes Aktion in der Versöhung der Welt beschreibt. Diese story schafft eine symbolic world, in welcher wir unsere Orientierung und Identiät finden können. Die NT-Texte haben eine Korrektiv-Funktion und Autorität. Es beginnt mit einer gründlichen Exegese u. mit einer grds. Bereitschaft, den Texten zu gehorchen. Als Ergebnis steht fest, dass nicht nur die ntl. Ethik erhoben wird, sondern dass die von diesen Texten geprägte Gemeinschaft ihrerseits Licht auf die ntl. Texte zurückwerfen kann (16f).

Gerade das 6. Modell scheint mir sehr vielversprechend, verbindet es doch m. E. die Spiritualität einer Gemeinschaft (auch hier positiv: ein Kollektiv ist im Sinn) mit der „Theologie“ (sprich: ntl. deskriptiven Ethik). Unsicher bin ich mir nur darin, dass es ähnlich wie Modell Nr. 5 nebulös in der Umsetzung bleibt bzw. kann die interpretierende Gemeinschaft, wenn sie nicht „geistlich auf der Höhe ist“, eine Ethik, die dem NT angemessen ist, entfalten?

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