Zusammenfassung – Der Christ und der Krieg 2003

 

In der bekannten Reihe Vier Standpunkte von Robert Clouse lässt der Herausgeber vier Theologen zu Wort kommen, die ihre Sicht der Dinge auf Gewalt und Frieden darstellen.

 

I. „Gewaltlosigkeit“  (S. 31ff)

Hermann A. Hoyt, Mitbegründer des Grace Theological Seminary, macht folgende Ausführungen (in Stichworten):

    • Entscheidend ist, dass die Gemeinde nicht ein Teil dieser Welt ist. Daher ist eine konsequente Trennung von Kirche und Staat geboten. Somit „sollten sich ihre Verteidigungs- und Angriffsstrategien“ grundlegend voneinander unterscheiden (:34). Christen ist es verboten, „durch physische Gewaltanwendung ihre Ziele erreichen zu wollen“ (:35, Mt 5,38-48). Vielmehr sind die Christen herausgefordert, „geistliche Mittel einzusetzen, um andere zu segen und Gutes zu bewirken“ (:36).

 

    • Entscheidende NT-Texte sind für ihn: Mt 5,38-48; Lk 6,27-36; Röm 12,19; 13,8; 1Petr 2,18-24.

 

    • „Die Pflicht zur Gewaltlosigkeit gilt allein den Gläubigen“ (:39) und hat keine Relevanz für das Reich dieser Welt. Deshalb dürfen Christen keine „fleischlichen Methoden“ (bedeutet hier: Krieg, Gewalt etc.) anwenden. Die Position der Gewaltlosigkeit „gesteht jedoch der Regierung das Recht zu, zum Schutze des Lebens und des Eigentums der Bürger Gewalt anzuwenden“ (:52).

 

    • Hoyt sieht vor allem der fehlenden Trennung von Staat und Kirche und einer falsch verstandenen Eschatologie (viele Christen glauben gar nicht, dass erst mit Christus der Frieden auf Erden kommt, deshalb setzen sie sich zusammen mit dem Staat für den Frieden auf der Erde ein und heißen alle Mittel, einschließlich des Krieges, für legitim) als Gründe dafür an, dass die Lehre der Gewaltlosigkeit nicht zum Mainstream der Christen gehört (:53).

 

II. „Der christliche Pazifismus“ (S. 85ff)

Myron S. Augsburger, ehem. Professor und Leiter des Eastern Mennonite Colleges, tritt für den christlichen Pazifismus ein:

    • zunächst ist es Augsburger wichtig, seine Prämissen darzulegen: aufgrund einer fortschreitenden Offenbarung darf die ntl. Lehre nicht durch das AT eingeschränkt werden (:86), die Kirche stellt eine „Minderheit innerhalb der Gesellschaft dar“, die sich vom Staat getrennt weiß (:87), die Bergpredigt und die Ethik Jesu sind nicht auf ein anderes Zeitalter zu beziehen, vielmehr heute gültig (:87) u. a.

 

    • „Der theologische Ausgangspunkt ist die Realität und Priorität unserer Zugehörigkeit zum Reiche Christi. Diese Zugehörigkeit erfordert von uns ein Leben der Liebe…“ (:90). Für Augsburger ist die Ethik Jesu maßgeblich. Da Friede aber ein ganzheitlicher Begriff ist, setzt diese Haltung Aktivität voraus. Es geht nicht darum, gegen etwas zu sein, als vielmehr sich für den schalom einzusetzen (:91f, 100).

 

    • Gerade weil sich die Kirche als weltweite Gemeinschaft versteht, darf sich ein Christ nicht in einen Krieg verwickeln lassen, in dem er womöglich seinen Mitbruder tötet bzw. einem Menschen die Möglichkeit, Christus kennenzulernen, nimmt (:92f., 97).

 

    • „Wer sich zur Treue gegenüber Jesus Christus verpflichtet, wird immer zum Gewissen der Gesellschaft werden, wenn die Gesellschaft unter dem Niveau des Willens Gottes lebt“ (:102).

 

III. „Die Theorie vom ‚gerechten Krieg'“ (S. 125ff)

Arthur F. Holmes,  ehem. Professor für Philosophie am Wheaton College (Illionois), vertriit die Theorie vom „gerechten Krieg“:

    • Holmes stellt zunächst heraus, dass (1) nicht alles Böse vermeidbar ist (es gibt Situationen, wo jegliche Handlung das Böse zur Folge hätte, auch der Verzicht; in der Ethik manchmal als „Pflichtenkollision“ bezeichnet), dass (2) die Theorie vom „gerechten Krieg“ ein für alle Zeiten normatives Ideal darstellt, dass (3) sein Ansatz in keinem Fall den Krieg rechtfertigen möchte und dass (4) für Privatbürger diese Position nicht gilt, d. h. nur ein Staat kann kriegerisch tätig werden (:126-9).

 

    • Wann ist ein Krieg „gerecht“? Es wird ein Verteidigungskrieg von den „höchsten Behörden“ angeordnet zur Sicherung des Friedens geführt, nachdem alle Verhandlungen fehlgeschlagen sind. Dabei ist die bedingungslose Kapitulation des Gegners nie eigentliches Ziel und auch die Rüstung und Gewalt bleiben auf das Maß begrenzt. Die Zivilbevölkerung darf nicht angegriffen werden (:130).

 

    • Die traditionsgeschichtlichen Quellen für diese Theorie sind die biblische Geschichte im AT vermittelt und „griechisch-römische Gedankengänge“ in der Antike (:130).

 

    • Anhand von Röm 13,1-7 kommt Holmes zu dem Schluss, dass (1) die Gewaltanwendung der Obrigkeit überlassen bleibt, dass (2) Gläubige in beiden Testamenten sich an „obrigkeitlicher Gewaltanwendung“ beteiligt haben, dass (3) solche Gewaltanwendung auf das Nötigste zu beschränken sei und dass (4) Vergeltungsschläge und alle Formen der Aggression ausgeschlossen sind.

 

    • Es ist Holmes hoch anzurechnen, dass er auch die Schwierigkeiten seiner Position darlegt: (1) Diese Theorie gründet sich auf das Naturgesetz, auf dessen Grundlage Gerechtigkeit suprakulturell definiert werden kann. Diese Ethik des Naturgesetzes wurde allzu optimistisch eingeschätzt, weil sie z. B. voraussetzte, dass „Vernunft stärker als die Leidenschaft“ sei (:143). (2) Auch die ungeheure zerstörerische Kraft moderner Rüstung stellt diese Theorie vor besondere Schwierigkeiten. Daher treten viele Anhänger dieser Position für eine Art „nuklearen Pazifismus“ ein (:147).

 

IV. „Der ‚Kreuzzug‘ oder ‚präventiver Angriffskrieg'“ (S. 165ff)

Harald O. J. Browns, ehem. Professor am an der Trinity Evangelical Divinity School, Thesen sind:

    • Brown geht von vornherein davon aus, dass der Pazifismus keine befriedigende Lösung ist. Dies bildet seine grundsätzliche Voraussetzung (:166; 171). Von hieraus bemüht er sich die Unzulänglichkeit der dritten Position darzustellen.

 

    • Zu den Definitionen: „Wir können also einen Kreuzzug als einen Krieg bezeichnen, der geführt wird, um ein vergangenes Unrecht auszumerzen“ (:168). Also ein Kreuzzug ist ein Krieg dann, wenn z. B. „verlorene“ Gebiete wieder erobert werden. „Ein Präventivkrieg will ein Übel verhindern, das noch nicht Wirklichkeit geworden ist“ (:167).

 

    • Brown räumt das Recht ein, für ein Ideal kämpfen zu dürfen (:169f), was die Kreuzzüge letztlich waren (:171). Er gesteht aber ein, dass „unter gewissen Umstände kein Krieg gerechtfertigt werden könnte“ (:173).

 

    • „Wenn die Selbstverteidigung überhaupt als legitim betrachtet werden darf, dann muss es erlaubt sein, einem tödlichen und lähmenden Erstschlag zuvorzukommen. (…) Schwierig ist nur, das Ausmaß und die Wirklichkeit der bevorstehenden Bedrohung abzuschätzen“ (:175). Letzteres erwähnt Brown häufiger, gibt aber keine eindeutige Antwort darauf.

 

Zusammenfassung, Würdigung und weitere Impulse

* Kurz zusammengefasst: (I.) steht dafür, dass der Krieg für den Christen nicht legitim ist, für die Obrigkeit schon. Weil der Christ einer anderen Berufung folgt, „mischt“ er sich nicht in die Angelegenheiten des Staates ein, darf aber wohl indirekt unterstützend (z. B. Sanitätsdienst) mitwirken. (II.) ist der Ansicht, dass ein Krieg moralisch verwerflich sei, dass Christen sich nicht beteiligen dürfen und dass sie sich bemühen sollten, andere vor Gewaltanwendung abzuhalten. (III.) rechtfertigt den Krieg unter eindeutig definierten aus dem Naturrecht kommenden Prinzipien. (IV.) rechtfertigt auch den Präventivkrieg bzw. den „Kreuzzug“, wenn ein bestimmtes Maß voll ist und ein solcher Zug langfristig Schutz und Sicherheit garantiert.

* Beobachtungen: (1) das Buch ist verfasst worden, als die Dimension des Terrors (09. Sept.) nicht bekannt war. Würde diese Kategorie eine solche Darstellung nicht beeinflussen? (2) Hermeneutisch gesehen, entscheidet sich vieles, wie man das Verhältnis zwischen AT und NT wertet. (3) Je mehr einer gegen den Krieg ist, desto mehr neigt er tendenziell zum „Rückzug“ aus der Welt, während III. und IV. die Verantwortung für die Gemeinschaft betonen. (4) Ist bei der Darstellung des Themas nicht noch stärker zwischen dem Einzelnen und einer Gesellschaft zu unterscheiden? Müsste man hier nicht gesondert argumentieren? (5) Wie sieht es mit zentralen Begriffen wie „Gewalt“, „Frieden“ etc. aus: müsste man diese nicht noch eindeutiger definieren? Denn kulturelle und weltanschauliche Perspektiven beeinflussen unsere Definitionen.

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