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Freundschaft in der Antike und im Johannesevangelium

aus: Scholtissek, Klaus, „“Eine größere Liebe als diese hat niemand, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde“ (Joh 15,13): Die hellenistische Freundschaftsethik und das Johannesevangelium,“ in J. Frey und U.  Schnelle, (Hg.), Kontexte des Johannesevangeliums: das vierte Evangelium in religions- und traditionsgeschichtlicher Perspektive, 2004, (Tübingen: Mohr Siebeck, 413-39).

1. Der Autor möchte der antiken Freundschaftsethik nachgehen und nach möglichen Einflüssen und Analogien zu den Freundschaftsaussagen im JohEv fragen (:414).

2. Die griechisch-römische Freundschaftsethik
2.1 Sozialgeschichtliche Normierungen
Für die Griechen ist Freundschaft eine elementare soziale Beziehung und Verhaltensnorm, neben den affektiven Momenten gelten auch die gesellschaftlichen Normen der Gleichheit und Gegenseitigkeit (:415).
Die Bedeutung der Freundschaft hatte bei den Römern bis in die Politik ihren Einfluss. So nannten die Klienten ihren Patron amicus (von amiticia abgeleitet). „Die Aufkündigung der kaiserlichen amicitia war lebensbedrohlich“ (:416).

2.2 Philosophie: Freundschaft zwischen Autarkie und Eudämonie
Mit Platon und Aristoteles beginnt die philosophische Reflexion (:416). Die Ethik des Aristoteles zielt grds. auf das Glück (eudaimonia) als das höchste Gut. Freundschaft ist eine Tugend und Bestandteil eines guten Lebens (:417). Für ihn ist der gegenseitige Nutzen, der zu wechselseitigen Verpflichtungen führt, führend (:418). Epikur sieht seine Philosophenschule als Freundesgemeinschaft (:419). Die Alte Stoa kennt die Freundschaft der Weisen, sie ist jedoch frei von Emotionen und persönlichen Beziehungen (:419). Für Plutarch siehe :420.

2.3 Grenzfälle der griech-röm. Freundschaftsethik
Man kennt die Hingabe des eigenen Lebens als Grenzfall der Freundschaft, das im Kontext der Lebenshingabe für das Vaterland, den Staat bzw. die Polis zu sehen ist (:420f).

3. Vermittlungen: Freundschaftsethik im Frühjudentum
In der hebr. Bibel gibt es kein Wort dafür, wohl aber das Phänomen, das oft als Liebe gedeutet wird (:422). Siehe: Jesus Sirach 6,5-17; 12,8-12;37,1-6 etc., Philo von Alexandrien, Die makkabäische Märtyrertheologie

4. Die johanneische Freundschaftsethik (bes. Joh 15)
Agapao und phileo sind sehr häufig und austauschbar (:426). In der griech-röm. Tradition gehört die parrhesia (Offenheit, Freimütigkeit) zu den maßgeblichen Charakteristika eines Freundes, die ihn vom Schmeichler/Heuchler unterscheiden (:428).

5. Auswertung
(a) Die Eigenschaften der griech.-röm. Verständnisses von Freundschaft sind: gegenseitige Solidarität, gemeinsames Leben, Nutzen, offene Rede etc. (:437).
(b) Die frühjüdischen Freundschaftsaussagen sind hellenistisch geprägt (:437), jedoch sprechen sie auffälligerweise nicht vom Grenzfall der Lebenshingabe für einen Freund (:438).
(c) Johannes schreibt sein Evangelium auf diesem Hintergrund, wobei die inhaltliche Neubestimmung sich aus der einseitigen Lebenshingabe Jesu Christi ergibt (:438). Treibendes Moment ist hier die soteriologische und davon abgeleitet die ethische Deutung des Todes Jesu. Auf dieser Grundlage erwächst die unter Christen geforderte Freundschaftsliebe. Der Kontrast ist: „Jesu Liebe ist einseitig, wird ohne Vorbedingung geschenkt, ist universal und überwindet soziale Hierarchien“ (:438).

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